«Klub der jungen Dichter»: Die Wahrheit

Marcia Zehnder erzählt im «Klub der jungen Dichter», wie ein dramatisches Ereignis sich ganz anders abgespielt hat als ursprünglich vermutet.

Marcia Zehnder, Einsiedeln, 2. Gymi
Hören
Drucken
Teilen
Marcia Zehnder.

Marcia Zehnder.

Ich öffnete die Zimmertür. Und traute meinen Augen nicht. Vor mir stand eine wunderschöne junge Frau, höchstens Mitte zwanzig. Ihre Augen waren so blau wie das Meer und ihre langen, blonden Haare fielen ihr in leichten Wellen über die Schultern. Dennoch wirkte sie mehr wie ein Geist als wie ein lebender Mensch.

Erst jetzt erkannte ich die Person, die vor mir stand. Es war meine Mutter! Doch das war unmöglich. Sie war bei einem Autounfall gestorben, als ich noch ganz klein war. Ich konnte mich zwar kaum noch an sie erinnern, aber ich kannte sie von Fotos. Es bestand kein Zweifel. Das war sie!

Ich schaute sie unverwandt an. «Mum?», fragte ich sie leise. «Wie ist das möglich?» – «Emily!» Sie kam zu mir und nahm mich sanft in ihre Arme. «Ich bin hier, um dir die Wahrheit über das zu erzählen, was damals wirklich passiert ist.» – «Aber... bist du nicht tot?», fragte ich sie zaghaft und ziemlich verwirrt. «Jaaa... ja, ich bin tot. Aber ich habe die Chance, dir alles zu erzählen. Und das werde ich auch tun.»

Ich war immer noch völlig geschockt und stellte mir einen Haufen Fragen: Wie konnte sie hier sein? War sie überhaupt tot? Wieso jetzt? Und was war überhaupt die Wahrheit, die sie mir erzählen wollte?

Das Einzige, das ich über den Unfall wusste, war, dass Mum und ihre beste Freundin Alice bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Mein Gesicht verfinsterte sich. Ihr bester Freund Luca war schuld daran. Ich hatte einen Zeitungsausschnitt gefunden, in dem ich das erfuhr. Luca fuhr Mum und Alice, doch er hatte viel zu viel getrunken. Die drei waren mit bahnbrechender Geschwindigkeit in einen Baum gekracht und sofort gestorben.

Ich schaute meine Mutter fragend an. Dann begann sie zu erzählen. Und was sie da sagte, war unfassbar.

«An dem Abend bin ich mit Alice ausgegangen. Wir haben Luca getroffen und er versprach, uns nach Hause zu bringen. Als wir uns dann um die ausgemachte Uhrzeit bei seinem Auto trafen, war noch ein Mann bei ihm. Alice und ich dachten uns nicht sonderlich viel dabei und glaubten, er sei ein Freund von Luca. Wir bemerkten erst gar nicht, dass er stockbetrunken war, denn er sass schon im Auto. Doch als er losfuhr, war uns etwas mulmig zumute. Er kurvte in grossen Bögen über die Strassen und lachte dabei total irre. Alice und ich wollten aussteigen, doch der Mann beschleunigte das Tempo nur noch mehr. Da merkte auch Luca, dass irgendetwas nicht stimmte und wollte ihn dazu bringen, anzuhalten. Doch der Mann hörte nicht auf ihn. Dann verlor er die Kontrolle über den Wagen und knallte mit voller Wucht gegen einen Baum.»

Ich schwieg betroffen. Es war also doch nicht Luca gewesen, der Mum umgebracht hatte, sondern dieser Mann. «Aber man hat seine Leiche nie gefunden, richtig?», fragte ich Mum. Sie lächelte daraufhin säuerlich: «Ich denke, das liegt daran, dass er noch lebt.» Ich schaute Mum geschockt an: «Wie... Wie kann er überlebt haben?»

«Er war ziemlich schwer verletzt, aber er konnte aus dem Wagen aussteigen. Man hat ihn dann irgendwo gefunden und in ein Krankenhaus gebracht. Da er sein Gedächtnis verloren hatte und es keine Zeugen gab, hielt man Luca für den Schuldigen.» Als ich Mum fragte, woher sie das alles wusste, antwortete sie nur: «Die Toten wissen viel. Doch es wird Zeit für mich zu gehen. Auf Wiedersehen, Emily.» Mit diesen Worten verschwand sie und liess mich in meinem Gedankendurcheinander zurück.

Bestimmen Sie den Siegertext mit!

Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Wir publizieren täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer Zeitung erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.