«Klub der jungen Dichter»: Die verzauberte Zwiebel (Siegertext Primarschule)

Mario Künzli erzählt im «Klub der jungen Dichter», wie ein Nachname sehr seltsame Folgen hat und in ein rockiges Abenteuer führt.

Mario Künzli, Ettiswil, 5. Primar
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Mario Künzli.

Mario Künzli.

Ich öffnete die Zimmertür und traute meinen Augen nicht. Vor mir auf der Couch war eine kleine Zwiebel. Die Zwiebel hatte pinkfarbene Haare, trug ein zu grosses pinkes T-Shirt und spielte Luftrockgitarre; dazu schüttelte sie den Kopf hin und her. Ich erkannte die Zwiebel sofort, es war der kleine berühmte Luftrockgitarrist Manus Zwiebel.

Als er mich sah, hörte er sofort auf. Ich stammelte und fragte: «Wieso bist du eine Zwiebel?» Da sagte er leise: «Ich bin in eine Zwiebel verzaubert worden, weil mir niemand glaubt, dass ich den Juwelierdiebstahl letzte Woche nicht begangen habe.» Ich weiss natürlich sofort, wohin wir gehen müssen: zuoberst in die Kirche. Nur leider habe ich gerade den Code vergessen, der uns zu einem Nachfolger von Jesus bringt. Vielleicht fällt mir der Code unterwegs ja ein.

Ich erzählte meine Idee Manus und er sagt sofort: «Ja, da gehen wir hin, und zwar jetzt.» Unterwegs erzählt er mir, dass er während einer Aufführung verzaubert worden ist. Er sah von Anfang an einen komisch aussehenden Menschen im Publikum: «Er hatte regenbogenfar­bene Haare und trug nur Unterhosen. Die Unterhosen waren ebenfalls in allen Farben des Regenbogens. In der Hand hielt er eine, genau, regenbogenfarbige Puppe. Er schwenkte die Puppe sieben Mal und plötzlich machte es in einem schrillen Ton «Piiiiiiiep!». Es ging eine gefühlte halbe Stunde und ich fand mich hinter der Bühne wieder. Als ich aufstand, sah ich, dass ich viel kleiner war als sonst. Ich schaute an mir herunter und sah, dass ich eine Zwiebel war. Vermutlich bin ich in eine Zwiebel verwandelt worden, weil ich zum Nachnamen Zwiebel heisse.»

Als wir bei der Kirche angekommen waren, fiel mir der Code wieder ein. Den Code wissen nicht viele Menschen. Er hat fünf Buchstaben und lautet Klaus, genauso wie der Name des Nachfolgers von Jesus. Als ich den Code eingegeben habe, ging ein Tor auf. Wir gingen hinein und sahen vor uns Klaus stehen, der fast gleich wie Jesus aussieht. An den Wänden sind Bilder von all seinen Vorfahren. Er hatte ein Gehege voll mit Ratten, eins mit Schlangen, eins mit Fledermäusen und eins mit Mäusen. Ich und Manus erzählten ihm abwechselnd die Geschichte. Am Ende sagte ich: «Und jetzt müssen wir ihn wieder zurückverwandeln.» Er sagte uns, wir sollen ihm ein Brot, fünf Karotten und Getreide bringen.

Wir gingen zurück, backten ein Brot, gingen Getreide holen und nahmen fünf Karotten aus dem Kühlschrank mit, um diese Klaus zu geben. Er bedankte sich und fing an, die Sachen vorzubereiten, dann sagte er zu Manus: «Stell dich zu den Ratten.» Dieser lief rüber zu den Ratten, aber sah ein bisschen verzweifelt aus. Klaus betete etwas vor, das wir nicht verstanden, da blitzte es plötzlich und Manus stand als normaler Mensch da. Wir dankten Klaus tausendmal und verabschiedeten uns. Als wir draussen waren, sagte Manus auch mir tausendmal Danke. Er drückte mir eine Karte in die Hand, sagte Tschüss und verschwand. Ich stand vor der Kirche und las die Karte. Darauf stand «Die Goldene Karte von Manus Zwiebel: für jedes Luftrockkonzert.» Ich ging nach Hause und legte mich erschöpft ins Bett.

Am nächsten Tag ging ich an eines seiner Konzerte. Er begann das Konzert mit einigen Worten, und dann ging es ab. Zum Schluss fragte er das Publikum: «Wer ist alles bereit für einen neuen Song?» Alle schrien laut: «Jaaaa!», und er fing an zu singen. Das Lied handelte von der Geschichte, die wir gemeinsam erlebt haben, doch niemand wusste das, ausser wir, Manus Zwiebel und ich.

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Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Wir publizieren täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer Zeitung erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.