«Klub der jungen Dichter»: Eine rattenscharfe Herausforderung

Michael Montigel schreibt in seiner Geschichte zum «Klub der jungen Dichter», wie ein Bruder auf tierische Weise nerven kann.

Michael Montigel, Udligenswil, 2. Sek
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Michael Montigel.

Michael Montigel.

Ich öffnete meine Zimmertür. Und traute meinen Augen nicht: Da rannte wieder einmal die Ratte meines Bruders über den Flur. «Fang dein Mastvieh wieder ein, sonst lege ich mir wirklich eine Katze zu!», brüllte ich durch das ganze Haus. Wir haben nur eine Wohnung, doch man hat diese Verfluchung dieser Ratte sicher bis in den Keller gehört. Ich heisse nebenbei Lars, bin 12 Jahre alt und wohne in der Nähe einer Polizeistation. «Wen juckt das?», fragt sich der Leser nun. Es wird im Verlauf der Geschichte vielleicht noch wichtig sein. Sonst müsste man sich fragen, wie die Polizei, wenn sie wieder einmal von unserem Nachbarn gerufen wurde, innerhalb einer Minute vor unserer Tür stehen kann und das übliche Gedicht aufsagt, welches gar kein Gedicht ist und sich überhaupt nicht reimt, was sonst auch nicht stört, sondern nur erleichternd für mich ist, weil ich Gedichte nicht leiden kann.

Manche Leute verschachteln das, was sie sagen wollen, was sie in einem Satz sagen könnten so sehr, dass jeder sich das Hirn zermalmen und die letzten Ecken, die mit ein bisschen ­Ästhetik geschmückt sind, verwüsten und sie nachher wieder sortieren, ordnen und nummerieren muss. Am Ende versteht man dieses ­Gedicht sowieso nicht.

Unsere Polizisten, oder auch Freund und Helfer, sind nun mal nicht so. Wenn unser heiss geliebter Nachbar, der nicht alle Tassen im Schrank hat und sonst auch nicht ganz dicht ist, sie wieder einmal zu einem Tee eingeladen hat, sagen sie immer das Gleiche. «Sie werden von Ihrem Nachbarn als Ruhefriedensstörer bezeichnet und wir würden Sie bitten, Ihre Ratten im Zaum zu halten. Vielen Dank und auf Wiedersehen.»

Also zurück zu unserer Ratte: Sie haut immer ab, wenn mein Bruder sie füttern will. Mein Bruder rennt hinter ihr her und versucht, sie wieder einzufangen. Wenn sie (also die Ratte) merkt, dass man hinter ihr her ist, verkriecht sie sich auf dem höchsten Gestell, das im Umlauf von fünf Metern steht, und bleibt dort sitzen. Ich weiss nicht, wie sie dort hinaufkommt. Ob sie in ihrem Käfig eine Tube Leim hat, oder ob sie einfach nur gut klettern kann. Nun!!!! Jetzt sitzt sie wieder einmal dort oben und die Polizei läutet zum hundertsten Mal in dieser Woche an, weil sie von unserem Depp im unteren Stock ALARMIERT wurde. «Sie werden von Ihrem...!»

«Bla bla bla und nochmals bla!», wir kennen das alles schon in- und auswendig. Die Tür kracht zu und wir widmen uns wieder der Rattenjagd. Wir könnten auch einfach die ganze Wohnung mit Rattengift vollstopfen. Doch wir wollen mal nicht so sein, weil wir dieses Tier schlussendlich doch alle gerne haben, denn wir haben sie auf der Hochzeitstorte unserer Eltern gefunden und wollten ihr an diesem glücklichen Tag nicht das Leben nehmen und verschoben dies auf den nächsten Tag. Nun haben wir dieses Unterfangen schon um ein ganzes Jahr verschoben und wollen sie doch nicht weggeben oder töten. Wir holen den Laib Käse aus dem Kühlschrank und locken sie wieder in ihren kleinen Palast. Man könnte denken, dass sie dies plante und sich genau im richtigen Augenblick davonstürzte. Nun ja: Das ist «meines Bruders Rattenjagd».

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Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Ab heute publizieren wir täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer Zeitung erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.