«Klub der jungen Dichter»: Ein schmerzhafter Trugschluss

Nadina Cvetanovic erzählt im «Klub der jungen Dichter», wie die Liebe sich auf jemanden fokussiert, der auf besondere Art anderweitig vergeben ist.

Nadina Cvetanovic, Luzern, 5. Primar
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Nadina Cvetanovic.

Nadina Cvetanovic.

Ich bin May und gehe in die 8. Klasse. Die Ferien sind leider schon vorbei, und morgen fängt die Schule wieder an, «wie doof». Ich freu mich aber extrem auf Dienstag, da habe ich meine erste Ballettstunde und kann es kaum erwarten.

Montagmorgen: Meine beste Freundin Mia holt mich wie immer ab, und wir laufen gemeinsam zur Schule. Wir begegnen Ben, er geht auch in unsere Klasse. Ihr müsst wissen, ich schwärme für Ben schon, seit er hierhergezogen ist und zu uns in die 7. Klasse kam. Wie peinlich, ich bringe natürlich kein Wort raus und bin sicherlich schon so rot wie eine Tomate. Mein Bauch fühlt sich an, als ob jemand darin Achterbahn fährt, ich könnte im Erdboden versinken.

Dienstagnachmittag: Endlich ist die Schule aus, und ich verabschiede mich von Mia. Aufgeregt mache ich mich auf den Weg zur Ballettschule. Dort angekommen, begrüsst mich meine Ballettlehrerin und zeigt mir die Mädchengarderobe. Schnell ziehe ich mich um und gehe in den Ballettsaal, wo sich schon die meisten Tänzerinnen und zu meinem Erstaunen auch zwei Tänzer aufwärmen. Ich halte Ausschau nach der Lehrerin, als ich plötzlich das Gefühl habe, ein Gespenst zu sehen. Da kommt Ben zur Tür hinein, ja, mein Ben, in Ballettuniform. Das kann ja nur eine Wahnvorstellung sein. So, wie es aussieht, geht es ihm genauso wie mir, er wird ganz weiss im Gesicht, und ich habe das Gefühl, er kippt gleich um. In diesem Augenblick kommt die Lehrerin herein, und der Unterricht beginnt. Nach dem Unterricht kommt Ben auf mich zu und fleht mich an, niemandem in der Schule zu erzählen, dass er Ballett tanzt. Er hat Angst, von den anderen Schülern ausgelacht und gemobbt zu werden. Ich verspreche ihm, dass ich es für mich behalte und er mir vertrauen kann.

Zwei Wochen später: Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich mit Ben zusammen im Ballettunterricht bin. Die Achterbahn in meinem Bauch wird immer wilder, wenn ich ihn sehe und er mit mir spricht. Ben fragte mich, ob ich Lust habe, nach dem Ballettunterricht mit ihm ein Eis essen zu gehen. Natürlich will ich!

Im Eiscafé setzte sich Ben ganz nah zu mir, und ich werde immer nervöser. Er legte seinen Arm um meine Schulter und sagt mir, dass er sich in mich verliebt hat und mich gerne küssen würde, wenn er darf. Ich bin hin und weg und nicke nur noch mit meinem Kopf, und schon küsst er mich. Mittwoch: Einen Monat sind Ben und ich nun schon zusammen, und ich habe immer noch das Gefühl, dass alles ein Traum ist. Heute wollen wir bei mir zu Hause noch für unsere Ballettaufführung üben. Die Zeit vergeht viel zu schnell, und Ben muss leider schon nach Hause gehen. Als ich wieder allein in meinem Zimmer bin, höre ich plötzlich einen Piepston. Da entdecke ich auf dem Bett das Handy von Ben, es muss ihm aus der Jacke gefallen sein. Ich nehme es in die Hand und schaue auf das Display, er hat eine Nachricht erhalten. Eigentlich will ich die Nachricht gar nicht lesen, aber ich kann es nicht lassen und lese sie. «Ich vermisse dich, können wir uns morgen nach der Schule an unserem Geheimplatz sehen?» Das Handy fällt mir aus der Hand, und in diesem Moment klingelt es an der Haustüre. Es ist Ben. Meine Mutter schickt ihn hoch in mein Zimmer. Er fragt nach seinem Handy, und bevor ich ihm antworten kann, sieht er es am Boden liegen, hebt es auf, gibt mir einen Kuss und ist auch schon wieder weg. Heulend werfe ich mich auf mein Bett und verstehe die Welt nicht mehr. «Habe ich mich wirklich so in Ben getäuscht?»

Donnerstag: Ich habe mir vorgenommen, mir nichts anmerken zu lassen vor Ben und der Sache auf den Grund zu gehen. Ben verabschiedet sich von mir nach der Schule und meint nur: «Wir hören uns am Abend.» Unauffällig folge ich ihm bis zu einer Pferdescheune, fast ausserhalb der Stadt. Als er drinnen ist, schleiche ich mich leise zur Scheune. Ich sehe Ben mit einem anderen Jungen, sie umarmen sich. «OMG, die werden sich doch wohl nicht küssen?» Mir wird richtig schwindlig. Ich will nur noch weg von hier. In dem Moment stolpere ich über eine Heugabel und falle zu Boden. Ich versuche aufzustehen, da stehen Ben und der Junge schon vor mir. Ben will mir hochhelfen, ich stoss ihn weg und schreie ihn an: «Du Mistkerl, hast mich nur benutzt, ich war ja so blind vor Liebe!»

Bestimmen Sie den Siegertext mit!

Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Wir publizieren täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer Zeitung erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.