"Klub der jungen Dichter": Leben, um zu geben

Nevin Britschgi erzählt im "Klub der jungen Dichter", wie sich eine gute Tat auf überraschende Weise auszahlt.

Nevin Britschgi, Sachseln, 2. Gymi
Hören
Drucken
Teilen
Nevin Britschgi.

Nevin Britschgi.

Ich öffnete meine Zimmertür. Und traute meinen Augen nicht. Auf meinem Bett und am Boden lagen überall Stapel von Briefen und Paketen. Was war denn das? Das konnte sich nur um einen Irrtum handeln. Ich ging ins Zimmer und nahm ein Paket in die Hand. Da stand mein Name drauf. Ich blätterte ein paar Briefe durch. Alle waren an mich adressiert. Ich riss den ersten auf, und da fiel ein grosser Geldschein heraus. Ungläubig starrte ich auf das Geld, bevor ich überhaupt die Zeilen dazu lesen konnte. Ich öffnete einen nach dem andern und fast überall hatte es Geldscheine drin. In den Paketen fand ich Hosen und T-Shirts. Tränen kullerten über mein Gesicht. Ich sass Stunden da und konnte nicht glauben, was gerade passierte. Irgendwann schlief ich inmitten der Briefe und Geschenken am Boden ein…

Ein kleiner Junge in einer Schule. Er lief allein auf den Schulhausplatz, da es gerade zur Pause geklingelt hatte. Alle spielten Fussball oder Basketball, mit Ausnahme dieses kleinen Jungen mit dem Namen David. David war ein Ausländer, der erst seit zwei Wochen an dieser Schule war. Er sass allein auf der Treppe, weil er keine Freunde hatte und er von den anderen Schülern gemobbt und gehänselt wurde. Dies, weil er zerrissene Kleider trug und seine Familie fast kein Geld hatte. Eines Tages als die Schule fertig war, begegnete David auf dem Heimweg einem älteren Mann, der auf einer zerrissenen Decke auf dem Trottoir neben einer Mülltonne lag. Dieser Mann sah so verhungert und elend aus, dass David einfach nicht an ihm vorbeilaufen konnte. Er entschied sich, zu ihm hinzugehen, und sprach ihn an. Die Stimme des Mannes klang so, als ob er gleich sterben würde. David schaute in seine Tasche und zog die 20-Franken-Note raus, die ihm heute Morgen seine Mutter für die Schulbücher mitgegeben hatte, und er drückte sie dem alten Mann in die Hand. David wusste zwar, dass seine Eltern kein Geld mehr hatten, um die Schulbücher zu bezahlen, aber er konnte einfach nicht anders.

Der Mann schaute David verwundert an und fragte: «Brauchst du das Geld nicht selbst?» Darauf antwortete David: «Doch, ich brauche das Geld auch, aber du brauchst es dringender. Ich habe ein Dach über dem Kopf und du schläfst jeden Tag allein auf der Strasse. Ich wünschte, ich könnte dir noch mehr Gutes tun.» Die Augen des Mannes wurden feucht und er brachte kaum ein Wort über seine Lippen, so dankbar war er. David blieb noch eine Weile bei ihm und machte sich dann auf den Weg nach Hause, sehr dankbar, dass er ein Bett und ein Dach über dem Kopf hatte…

«David!» … Ich erwachte und meine Mutter stand vor mir im Zimmer. Sie beugte sich zu mir. «Hast du geträumt?» Ich antwortete: «Ja, von mir und diesem armen Mann, von dem ich dir letzte Woche erzählt habe.» Da fiel sein Blick wieder auf die Briefe, die vielen Geldscheine und die Geschenke. Auch seine Mutter hatte Tränen in den Augen. «Woher wussten denn all diese Menschen davon?» «Ein Junge aus meiner Klasse hat mich heimlich gefilmt, als ich bei diesem Mann haltmachte. Eigentlich wollte er allen zeigen, welch komische Freunde ich habe und hat es ins Internet gestellt. Aber die Leute hat das anscheinend so beeindruckt, dass sie uns so viele Geschenke machen. Und weisst du was, Mama? Ich gehe heute Morgen wieder zu diesem Mann und bringe ihm einen Teil des Geldes. Wir haben dann ja immer noch genug.» Mama nahm mich in den Arm und nickte.

Bestimmen Sie den Siegertext mit

Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Wir publizieren täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer Zeitung erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.