«Klub der jungen Dichter»: Der Schicksalsschlag

Pascale Peter erzählt im «Klub der jungen Dichter», wie ein Schwerverbrecher einen kleinen, aber gravierenden Aussetzer hat.

Pascale Peter, Eschenbach, 2. Sek
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Pascale Peter.

Pascale Peter.

Ich öffnete die Zimmertür. Und traute meinen Augen nicht: Ich musterte den Raum und noch bevor ich überhaupt verstehen konnte, was gerade passierte, spürte ich eine kräftige Hand auf meine Schulter klopfen. Ich drehte mich um und blickte Agent Steve direkt in seine Augen. Bei ihm erkundigte ich mich, was los war und er zeigte mir den Fund meiner Nachbarin in meinem Büro.

Es war nicht zu glauben. Da lag eine männliche Leiche auf dem Boden. Meinem Boden! Jemand ist in meinem Haus gestorben. Bevor ich mir die Szene überhaupt vorstellen konnte, begrüsste mich eine der Personen. Es war Agent Meloni. Ich kannte ihn schon seit meiner Kindheit. Er war sozusagen mein bester Freund.

Meloni befragte mich darüber, wie die tote Person hier reingekommen war und ob ich eine verdächtige Person im Kopf habe. Richtig klar denken konnte ich nicht, aber ich wusste nur eine Person, die mir das antun könnte. Ruth Hemlin, meine Ex-Frau. Wir hatten wunderschöne fünf Jahre zusammen. Aber das ist eine andere Geschichte… Ich vertraute Agent Meloni meinen Verdacht an. Agent Meloni, Agent Steve und ich, Agent Kingston, stürmten sofort zu Ruths Wohnung. Leider hatte sie klar ein Alibi. Das Nagelstudio. Ich wusste zwar, dass es stimmte, liess es aber trotzdem checken.

Den ganzen Tag fanden wir nichts Verdächtiges und auch an der Leiche war keine Spur zu finden. Das musste ein Profi gewesen sein. Niedergeschlagen lief ich nach Hause und ich begrüsste meinen Sohn Nate. Er war 15 Jahre alt und glich mir sehr. Grüne Augen, breit gebaut und lockiges Haar. Als ich ihm von der Leiche erzählte, wollte er mir sofort helfen, den Täter zu finden. Also machte er sich am nächsten Tag auf die Suche nach Kameras oder Leuten, die etwas mitbekommen hatten. Ich war auf meiner Arbeit und versuchte mich an irgendetwas zu erinnern.

Plötzlich bekam ich einen Anruf. Es war Nate. Er tönte enttäuscht und schockiert. Das Einzige, was er sagte, war: «Womit hat er das verdient? Was hat er falsch gemacht?» Ich verstand nicht, was Nate damit meinte. Ich konnte ihn aber nicht fragen, denn er legte direkt auf. Im selben Moment liefen Agent Steve und Agent Logen in mein Büro. Sie standen ganz still für eine gefühlte Ewigkeit da. Beide musterten mich. Ihr Blick deutete darauf hin, dass ich mit ihnen mitkommen sollte. Ich tat das und sie hielten im Verhörraum an. Ich setzte mich auf den Stuhl.

Es war ein komisches Gefühl, denn normalerweise sass ich auf der anderen Seite des Tisches. Niemand sprach. Nun stellte Agent Steve einen Laptop auf den Tisch. Er spielte darauf ein Video ab. Mein Haus war zu sehen. Nun lief ich in die Küche. Ich war aber nicht allein. Ich zog eine Person hinter mir her. Es war sehr dunkel, deshalb konnte ich nicht viel erkennen, aber der Mann bewegte sich kaum. Ich murmelte vor mich hin: «Was mache ich da?» Nun kniete ich mich langsam zu dem Mann hinunter und… Ich erwürgte ihn. Nun war er tot. Ich wickelte ihn in ein Tuch und riss ihn mit ins Büro. Ab dort war nichts mehr zu sehen. Agent Steve klappte den Laptop zu. Ich konnte mich zu all ihren Fragen und Behauptungen nicht rechtfertigen. Mein einziger Gedanke war, dass ich schlafgewandelt hatte. Von da ging alles sehr schnell…

Nun sitze ich hier und drehe in diesem dunklen Loch Däumchen. Ich bin nicht mehr der Alte. Ich war jung, muskulös und attraktiv. Jetzt bin ich ein alter Mann mit grauen Haaren, der seine Strafe absitzt. Ich habe alles verloren, Familie, Freunde, Beruf… Alles nur wegen eines Nickerchens!

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Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Wir publizieren täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer Zeitung erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.