«Klub der jungen Dichter»: Liebe mit fatalen Folgen

Paulo Domingos erzählt im «Klub der jungen Dichter», wie die Liebe auch zu Konzentrationsschwächen führen kann.

Paulo Domingos, Sursee, 2. Sek
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Paulo Domingos.

Paulo Domingos.

Mein Wecker fing an zu surren, ich schreckte auf und rieb mir die Augen. Wiedermal einer dieser furchtbaren Albträume! Ich stand auf und schlüpfte in meine Pantoffeln, darauf schlurfte ich ins Badezimmer.

Als ich in den Spiegel blickte, erblickte ich meine roten Augen und mein verwuscheltes Haar. Ich wischte mir den Schweiss aus dem Gesicht und ging frühstücken. Meine schlechte Laune verschlimmerte sich, als meine Lieblingscornflakes leer waren. Ich zog meine Schuluniform an und radelte durch den Schnee in die Schule. Es war einer dieser dunkeln Wintertage, keine Sonne und man wird fast eingeschneit. Die Schneefahrzeuge waren schon fleissig daran, den Schnee wegzuräumen und Salz zu streuen. Wie immer kam ich knapp vor Unterrichtsbeginn ins Klassenzimmer und setzte mich an den letzten freien Tisch. Der Lehrer trat an die Tafel und kündigte eine neue Mitschülerin an. Sie trat herein und mir wurde direkt mulmig: Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie so eine hübsche Kreatur gesehen. Sie gab keine Auskunft über sich, das Einzige, was man über sie weiss, ist ihr Name. Sie setzte sich neben mich und schaute aus dem Fenster. Das mulmige Gefühl wurde immer stärker, sodass ich die Toilette aufsuchte. Ich setzte mich auf die Kloschüssel und verharrte eine Weile. Nach einem Moment ergriff ich allen meinen Mut und trat zurück ins Klassenzimmer. Der Lehrer erklärte unterdessen, wie man genau einen Frosch seziert. Ich setzte mich wieder an meinen Platz und versuchte sie anzusprechen. Dabei verdrehte ich so die Wörter, dass ich beschloss aufzuhören.

Die Woche verging wie im Eilzug, aber das hübsche Mädchen erschien nicht mehr. Doch als ich in die Naturlehrstunde eilte, sass sie bereits am selben Platz. Ohne ein Wort zu sagen, setzte ich mich. Plötzlich ertönte eine feine Stimme, ich drehte mich um und erblickte ihr Gesicht. «Ich mag deinen Charakter», sagte sie und drückte mir einen Kuss auf die Wange. In diesem Moment war ich sprachlos, ich schwor, mir das Gesicht nie wieder zu waschen. Ihr Blick wendete sich ab, aber ich starrte sie noch ganze zwei Minuten an.

Nach der Schule rannte ich zu meinem Fahrrad und stopfte mir die Kopfhörer in die Ohren. Auf dem Heimweg erinnerte ich mich an den Kuss und schloss die Augen. Ich hatte das Gefühl zu fliegen, doch leider wurde mein wunderschöner Tagtraum durch ein lautes Hupen und einen starken Schlag beendet.

Nach ewiglangem Schwarz auf den Augen spürte ich eine Hand in meiner. Ich öffnete meine Augen und blickte in ihr Gesicht, um mich viele piepsende Maschinen. «Was ist passiert?», fragte ich mit rauer Stimme. Sie wies mich darauf hin, dass ich eine Kollision mit einem Auto hatte. Plötzlich ertönte eine Sirene, mehrere Ärzte stürzten herein. Sie drückte immer stärker meine Hand, ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie flüsterte mir noch etwas Unverständliches ins Ohr. Dann verschwamm alles vor meinen Augen, das Letzte, das ich wahrnahm, war das Erlöschen der Lichter und Maschinen. Dann wurde alles schwarz um mich.

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Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Wir publizieren täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer Zeitung erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.