«Klub der jungen Dichter»: Das grosse Opfer und das kleine Biest

Rama Wirta erzählt im Klub der jungen Dichter, wie eine schwesterliche Unholdin brüderliche Kreativität herausfordert.

Rama Wirta, Neuenkirch, 3. Sek
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Rama Wirta.

Rama Wirta.

Ich öffnete die Zimmertür. Und traute meinen Augen nicht: Es krachte in einem ohrenbetäubenden, grässlichen Ton. Ich war vorhin gerade auf der Toilette und jetzt auf dem Weg in mein Zimmer, um mit meinem besten Freund ein bisschen Roblox am Computer zu spielen. Dabei schlich sich ein winziges Problem ein, um genau zu sein, ein 1 m und 35 cm grosses Problem, denn das Geräusch kam aus meinem Zimmer und ich ahnte schon, was geschehen war.

Und wie so oft musste ich leider recht behalten, denn meine kleine Schwester hockte gerade an meinem Schlagzeug und haute kräftig mit ihren hässlichen Barbie Puppen auf die Trommeln. Mit einem finsteren Blick schaute ich meiner Schwester in die Augen, aber als sie mich bemerkte, haute sie nur noch fester auf die Trommeln. Ich hielt einen Augenblick inne und war sprachlos. Meine 7-jährige Schwester ist mir schon so oft auf der Nase herumgetanzt, aber das ging definitiv zu weit.

Also kitzelte ich meine Schwester ordentlich durch, weil ich wusste, dass sie extrem kitzelig war. Doch nun schlug sie anstatt auf das Instrument auf meinen Kopf. Also nahm ich ihr die Puppen aus der Hand und trug sie, so weit weg von meinem Zimmer wie möglich und brachte sie in ihres. Empört kreuzten unsere Blicke sich für einen klitzekleinen Augenblick. Doch kurz, nachdem ich sie absetzte, schlich sie flink wie eine Gazelle die Treppe hinunter zum Telefon, um meine Mutter im Büro anzurufen. Sie petzte, dass ich sie von meinem Schlagzeug weggetragen habe, und ich bekam mal wieder ordentlich was von meiner Mutter zu hören. Zur Strafe habe ich jetzt eine Woche lang Computerverbot, ich darf ihn nur noch für Hausaufgaben verwenden.

Darauf kehrte ich zurück in mein Zimmer und bemerkte erst jetzt, dass meine neue Trommel, die ich mir von meinen ganzen Ersparnissen mühevoll erarbeitet hatte, ebenfalls von diesem Biest besudelt wurde, nämlich war sie voller Glitzer und Einhorn Klebern, die meine Schwester zu Weihnachten bekam, um damit ihr Tagebuch vollzukritzeln. Ach Gott, wie sollte ich das nur je wieder sauber kriegen. Meine Schwester kann alles anstellen und mit heiler Haut davonkommen, weil sie ja noch «so klein» ist.

Aber mein Entscheid stand fest, ich werde zurückschlagen, um mich an ihr für all die Schandtaten zu rächen. Denn es kann so nicht weitergehen. Also telefonierte ich heimlich mit meinem besten Freund, um ihm von meinem kleinen Problem zu berichten, und ob er eine Idee hätte, wie ich zurückschlagen könnte. Aber das würde sehr schwer werden, denn dieses kleine Biest ist eine riesen Petze. Aber auch mein Freund hatte keinen Ratschlag. Wie sollte er auch, er war ein Einzelkind und musste sich mit derartigen Problemen nicht befassen. Also lag ich da, hörte Musik von meinem Handy und überlegte eine gefühlte Ewigkeit, wie ich mein Problem lösen könnte. Doch mir fiel nichts ein.

Also liess ich mich Tag für Tag von meiner kleinen Schwester quälen, bis mir ein Licht aufging. Ich könnte ja meine Kamera in meinem Zimmer aufstellen und es den ganzen Tag lang überwachen, die fällt in meinem schwarzen Regal sowieso nicht auf. Und sobald meine Schwester sich in mein Zimmer schleichen würde, könnte ich von meinem Handy aus ferngesteuert den Aufnahmeknopf betätigen, um zu filmen, was meine Schwester mir täglich antut. Darauf könnte ich dann meinen Eltern den Beweis zeigen, nach dem ich schon so lange suchte. «Ich bin ein Genie, genau so mache ich das, ich werde das gleich morgen versuchen.»

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Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Wir publizieren täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer Zeitung erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.