«Klub der jungen Dichter»: Die verschwundene Mutter

Salome Bucher erzählt im «Klub der jungen Dichter», wie eine abwesende Mutter sich auf ganz besondere Weise meldet.

Salome Bucher, Buochs, 6. Primar
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Salome Bucher.

Salome Bucher.

Ich öffnete die Zimmertür und traute meinen Augen nicht: Ein riesiger Spiegel mit einem verzierten Goldrahmen stand neben meinem Bett. Mein Vater konnte ihn nicht dorthin gestellt haben, seit sieben Jahren haben wir nur noch im Badezimmer einen Spiegel. Ich ging auf den Spiegel zu. Auf einmal spürte ich einen starken Sog, der vom Spiegel ausging. Ich konnte mich nicht mehr wehren! Mir wurde schwarz vor Augen.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einer Wiese. Ich schlug die Augen auf … und blickte in ein lächelndes Gesicht, das dieselben braunen Augen und dasselbe blonde Haar hatte wie ich. Sie sah so aus, wie ich sie in Erinnerung hatte. «Mom?», flüsterte ich. Sie nickte. Ich hatte meine Mutter acht Jahre nicht gesehen. Als ich fünf war, war sie spurlos verschwunden. Eine Flut von ­Gefühlen überwältigte mich: Freude, Erstaunen, Wut. «Wo warst du? Weshalb bist du einfach gegangen?!», sagte ich laut, mit Tränen in den Augen. Mom nahm meine Hand und flüsterte: «Alya. Es tut mir so leid. Ich … komm mit.»

Sie führte mich durch einen wunderschönen Wald. Unterwegs sah ich Wesen, die ich für Schmetterlinge hielt. Als dann aber eines davon auf meiner Schulter landete, sah ich, dass es eine Fee war. Ich konnte mich allerdings nicht lange darüber wundern, denn meine Mutter zog mich ungeduldig auf eine Lichtung. Ein kleines Häuschen mit einem Garten stand dort. Ein grosses, weisses Pferd graste friedlich. Als es den Kopf hob, erschrak ich, denn es war kein Pferd, sondern ein Einhorn und es sprach: «Hi, du bist also Alya. Joanne hat mir schon so viel von dir erzählt. Wie geht es deinem Vater? Wie ist es so in der normalen Welt...?» – «Sparky. Langsam, langsam!», stoppte Mom den Redeschwall des Einhorns. Zu mir sagte sie: «Das ist Sparky, das Plappermaul. Wie du sicher schon bemerkt hast, ist sie ein Einhorn, deshalb kann sie sprechen. Allerdings gibt es kein Fabeltier, das so viel redet.» «Okay», sagte ich langsam, «dann ist das hier so eine magische Welt mit Drachen, Einhörnern und Kobolden?» «Ja, genau. Es gibt aber auch Feen, Zwerge und es gibt …» – «Sparky!», mahnte Mom. «Ach, schon okay», sagte ich schnell, «wir haben doch genug Zeit, oder?» Die beiden tauschten einen besorgten Blick. «Nun das Portal öffnet sich nur zu einem bestimmten Zeitpunkt, für bestimmte Personen», erklärte Mom. Zögernd setzte sie dazu: «Und es schliesst sich automatisch nach zwei Stunden.»

Jetzt wurde mir alles klar: Deshalb war Mom verschwunden, sie musste das Portal verpasst haben und war hier gefangen! «Jetzt ist es offen. Bitte, Mom!», flehte ich. «Du solltest es versuchen», sagte Sparky, die Moms Zögern sah, «du vermisst die andere Welt.» Da fasste Mom einen Entschluss: «Okay! Wir müssen uns aber beeilen.»

Auf Sparkys Rücken ritten wir zum Portal. Unterwegs verabschiedete sich Mom von Feen, Elfen, Drachen und Kobolden. Dann umarmten wir Sparky und gingen auf das Portal zu. «Hier.» Mom gab mir ein Lederarmband, küsste mich auf die Stirn und flüsterte: «Ich habe dich lieb.» – «Ich dich auch.» Ich spürte den Sog, schloss die Augen und hörte einen weit entfernten Knall.

Ich wachte auf meinem Bett wieder auf. Ich fühlte mich wie aus einem Traum erwacht. Suchend schaute ich mich um: kein Spiegel weit und breit. Allerdings lag ein Lederarmband auf meinem Bett. Schnell rannte ich ins Wohnzimmer. Nichts. Auch im Rest des Hauses fand ich meine Mom nicht. Erschöpft sank ich auf die Treppe und weinte. Alles war nur ein Traum gewesen. Und trotzdem wusste ich jetzt, dass es ihr gut ging. Mit dieser Gewissheit ging ich hinaus an die kühle Herbstluft.

Heute die letzten beiden Texte

Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Wir publizieren täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer Zeitung erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.