«Klub der jungen Dichter: »Wie man sich täuschen kann

Sara Farner erzählt im «Klub der jungen Dichter», wie ein Liebesbegehren leider in falsche Gestade führt. 

Sara Farner, Hagendorn, 2. Kanti
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Sara Farner.

Sara Farner.

Seine Augen sind blau wie der Himmel und sein Haar glänzt wie flüssiges Gold. Seine Blicke brennen wie Feuer auf meiner Haut. Er ist definitiv der schönste Junge auf der Welt. Ja, das ist er.

Mark Summer ist mein absoluter Schwarm, wie für viele Mädchen in der Klasse. Doch ich kann genau fühlen, dass er für mich bestimmt ist: mich, Lisa Steiner. Es ist mir egal, was andere über mich denken. Mit meinen roten Haaren und den grünen Augen bin ich sowieso schon auffällig genug. Ja, einige wundern sich sicher über mich. Viele glauben, ich wäre die Dümmste der Klasse 3g und mit meinen riesigen Traumfängerohrringen und den pinken Stulpen, die ich trage, mache ich so oder so nicht den allerbesten Eindruck. Doch die einzige Meinung, die für mich zählt, ist die von Mark. Wie jeden Tag steht er entspannt ans Treppengeländer gelehnt und geniesst seinen freien Mittag. Ich bin gerade in ein Gespräch mit Erik, meinem besten Freund, vertieft, doch ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich zu Mark hinüberlinse. «Lisa, hallo, bist du noch da? Ich spreche mit dir! Starrst du schon wieder zu ihm rüber?»

Erik schaut mich grinsend an. «Ups, sorry!», antworte ich und laufe dabei rot an. «Aber gib es doch zu. Er sieht heute einfach so scharf aus, dass man nicht weggucken kann!», füge ich noch hinzu. «Mann kann schon!», erwidert er und lacht. Wir beide wissen, dass das nicht stimmt. Erik steht nämlich auf Jungs. Letztes Jahr, als die Klassenfahrten stattfanden und wir einen Ausflug in den Zoo machten, so, wie viele Klassen es auch taten, hatte ich ihn dabei erwischt, wie er mit einem Jungen aus der Klasse 2k rummachte. Ihr Techtelmechtel hielt aber nur eine Woche an. Auf jeden Fall steht Erik nicht auf Mädchen.

Ganz in Gedanken vertieft, fällt mir gar nicht auf, wie Mark auf mich und Erik zukommt. Schliesslich bemerke ich ihn erst, als er uns schon so nahe steht, dass ich jedes seiner Wimpernhaare einzeln hätte zählen können. Die Zeit scheint stillzustehen, nur noch Mark existiert für mich. Endlich wird er mich um ein Date bitten! Ich habe schon immer gewusst, dass wir füreinander bestimmt sind. Doch anstatt mich anzusprechen, dreht er sich plötzlich zu Erik um. «Ähm, ich wollte fragen, ob du vielleicht Lust hast, mit mir Mittagessen zu gehen, wenn das kein Problem für dich ist?», sagt Mark zu Erik und ich erkenne dabei, wie seine Ohren rot anlaufen. Plötzlich wird die Welt um mich herum grau, jeder Atemzug schmerzt. Am liebsten wäre ich im Erdboden versunken. Doch dann schaue ich Erik an. Ich sehe, wie er sich freut, dass er lächelt, geradezu strahlt. Jetzt erkenne ich, dass Erik in Mark verliebt ist und Mark in Erik. Und es macht mich glücklich, dass mein Freund glücklich ist. Erik scheint meinen Blick zu bemerken und sieht mich schuldbewusst an, doch gleichzeitig erkenne ich die Frage in seinem Blick. «Geht ihr nur, ich komme schon zurecht!», sage ich lachend. Erik lächelt mich dankbar an und sagt zu Mark: «Ich würde wirklich gerne mit dir essen gehen!» Nun lächelt auch Mark und schon sind beide die Treppe hinunter verschwunden.

Ich bin zwar traurig, denn auch ich bin noch in Mark verliebt, doch nun verstehe ich, dass nicht ich, sondern Erik für Mark bestimmt ist. Ich hoffe, dass sie gemeinsam glücklich werden.

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Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Wir publizieren täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer Zeitung erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.