«Klub der jungen Dichter»: Liebe auf den ersten Blick

Selina Indergand erzählt im «Klub der jungen Dichter», wie ein böser Sturz dann doch noch ein ganz angenehmes Ende findet.

Selina Indergand, Erstfeld, 3. Sek.
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Selina Indergand.

Selina Indergand.

«Langeweile, Langeweile und noch mehr Langeweile!», schreit mein Kopf. Ich bin müde und trotzdem brauche ich Action. Nur passiert hier leider überhaupt nichts, keine Menschenseele ausser meine und die des Kondukteurs, der mit seinem freundlichen Lächeln seine Runden dreht und von jedem nichtexistierenden Fahrgast das ­Ticket begutachtet.

Ich erhebe mich, nehme meinen Rucksack und gehe in das Schneegestöber raus. Ich halte Ausschau nach meiner knallroten Fahrradklingel. Meine Hände sind schon fast steif gefroren, bevor ich mein Fahrrad überhaupt sehe. Dieser Tag ist der schlimmste überhaupt, wie schön es jetzt wäre, mit einer Tasse Tee und meinem E-Reader unter der Decke zu sitzen. Das «Stay positive» muss mein Kopf noch perfektionieren, denn schliesslich bin ich noch alles andere als bald unter meiner warmen Decke. Das Vibrieren in meiner Manteltasche holt mich zurück in die Realität, es schneit immer noch wie verrückt. Mit meinen eiskalten Fingern greife ich in die Jackentasche und nehme mein Handy hervor. Ach nein, bitte nicht. Fest entschlossen drücke ich auf das rote Telefonsymbol, lasse das Handy wieder in meine Manteltasche gleiten und stapfe weiter durch den dichten Schnee. Kein Wunder, habe ich dich nicht gefunden! Wütend nehme ich mein vom Schnee bedecktes Fahrrad aus dem Ständer und bemerke erst jetzt, dass niemand ausser mir hier ist, keine Kinder, die in ihren farbigen Schneeanzügen herumalbern, keine Autos, die den Schnee auf alle Seiten wegspritzen, oder solche Gestalten wie ich, die aus dem Zug gestiegen sind. Kein Geräusch ist zu hören, bis auf die Schneeflocken, die sich fast lautlos auf mir niederlassen. Ich gebe mir einen Ruck und setze meinen Weg fort.

«Ahhhhhhh!» Ich schlittere die ganze Strasse hinunter, bis ich schmerzvoll auf meinem Hintern lande, das Fahrrad quer auf mir drauf. Na toll! Was soll das alles. Ich weiss nicht, ob ich weinen, lachen oder einfach laut rausschreien soll. Da sich sowieso niemand anderes auf der Strasse befindet, entscheide ich mich kurzerhand für alles. Also liege ich hier auf dem Boden, und während ich den Tränen freien Lauf lasse, gebe ich das komischste Lachgeschrei von mir, welches ich je gehört habe.

Nein, bitte nicht! Hinter mir höre ich schnelle, schwere Schritte, die auf mich zu kommen. Er hebt das Fahrrad von mir weg und hilft mir aufzustehen. Schau ihn nicht an, das ist zu peinlich. Doch ich kann nicht anders und blicke zu ihm auf. Wow. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie etwas so Schönes gesehen. Shit! Jetzt ist es noch viel peinlicher. Schnell rücke ich meine Mütze zurecht und halte ihm dann schliesslich die Hand hin, um mich zu bedanken. Als er mich noch immer anschaut und meine Hand ignoriert, nehme ich sie runter und drehe mich zum Gehen um. Schnell greift er nach meinem Handgelenk und dreht mich schwungvoll zu sich um. Uns trennen nur noch wenige Zentimeter. Eigentlich sollte mir diese Nähe unangenehm sein, aber es fühlt sich toll an.

Ganz nebenbei spüre ich wieder das Vibrieren in meiner Jackentasche, aber für das und alles andere, das um mich herum passiert, habe ich momentan keine Zeit. Als dann auch noch seine Lippen ganz sanft meine berühren, scheint alles perfekt. Der ganze Stress, die Kälte und vor allem die Tatsache, dass ich eigentlich einen Freund habe, der wahrscheinlich schon eine Stunde auf mich wartet und mir wieder vorschreiben würde, was ich zu tun und zu lassen habe, ist völlig aus meinem Kopf verschwunden. Für mich zählt nur dieser superheisse Typ, der gerade seine Lippen auf meine presst und seine Zunge langsam durch meine Lippen gleiten lässt.

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Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Wir publizieren täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer Zeitung erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.