«Klub der jungen Dichter»: Das Missverständnis

Sofia Leonora Kuhn erzählt im «Klub der jungen Dichter», wie eine Liebe sich ungeplant und auf seltsame Weise quasi verdoppelt.

Sofia Leonora Kuhn, Zug, 6. Primar
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Sofia Leonora Kuhn.

Sofia Leonora Kuhn.

Hallo, ich heisse Serafina, bin 13 Jahre alt, komme aus der Schweiz, lebe aber in Chile. Meine Hobbys sind Reiten und Rudern. Heute habe ich in der Bibliothek einen grossartigen Typen kennen gelernt. Er heisst Carlos Alberto.

Ich habe mir Bücher ausleihen wollen, doch dann schaute ich nicht nach vorne und lief in ihn hinein. So peinlich! Er fragte: «Alles gut?» Ich antwortete verlegen: «Ja, alles gut, und bei dir?» Er sagte: «Ja, nichts passiert. Ich bin übrigens Carlos Alberto.» Danach vergass ich, dass ich Bücher ausleihen wollte, und lief ohne Bücher aus der Bibliothek.

In der Schule konnte ich mich nicht gut konzentrieren, weil ich so in meine Gedanken vertieft war. Als ich wieder zu Hause war, hatte ich keinen Hunger und lief sofort in mein Zimmer, wo ich Zeichnungen von Carlos Alberto machte. Ich hatte keine Lust, die Hausaufgaben zu erledigen, denn ich dachte immer an Carlos Alberto. Als meine Mutter ins Zimmer kam, traf sie fast der Schlag. Überall lagen gezeichnete Porträts von Carlos Alberto herum. Meine Mutter war nicht sehr begeistert und befahl mir, alles sofort wegzuräumen.

Am nächsten Tag wollte ich unbedingt Carlos Alberto sehen. Ich suchte den ganzen Schulhof ab, aber fand ihn nicht. Als ich zu spät ins Klassenzimmer kam, traf mich dann aber wirklich der Schlag. Der Sitzplatz neben mir war bisher immer frei, aber jetzt war er besetzt – von Carlos Alberto! Ich konnte mein Glück kaum fassen. Ich tat so, als ob ich ihn nicht bemerkte, und setzte mich an meinen Platz. In der Pause fragte ich ihn, ob er neu an der Schule sei, und er nickte. Ich bot ihm an, ihm den Schulhof zu zeigen. Er nahm mein Angebot dankend an, und wir machten uns gleich auf den Weg.

Als ich ihm meinen Lieblingsort zeigte, sagte er: «Ich weiss, es ist früh, aber ich liebe dich.» Ich lief knallrot an und sagte: «Ja, ich weiss, es ist früh, aber ich liebe dich auch!» Wir verweilten noch einige Zeit an diesem schönen Ort. Nach ein paar Minuten nahm er mein Kinn und küsste mich. Wow, das war der beste Tag in meinem Leben!

Nach einer zweimonatigen glücklichen Beziehung änderte sich jedoch alles von einem Tag auf den anderen. An einem Montag wie jeder andere wollte ich ihn zur Begrüssung umarmen. Doch dann schaute er mich empört an und fragte: «Was soll das? Wer bist du?» Er befahl mir aufzuhören und nannte mich eine dumme Nuss. Völlig verstört lief ich weg.

Seit diesem Tag hatte ich ihn ignoriert. Eine Woche später klärte sich das Missverständnis: Ich sah plötzlich Carlos Alberto – und zwar doppelt! Ich rannte zu den beiden Jungs und fragte: «Seid ihr etwa Zwillinge?» Die beiden schauten mich an und nickten. Ich wurde mal wieder feuerrot. Mein Carlos Alberto sagte: «Serafina, das ist mein Bruder, Alberto Carlos.» «Und wie zum Teufel soll man euch auseinanderhalten können?», fragte ich entsetzt. «Er hat eine kleine Narbe an der Wange und ich nicht», antwortete Carlos Alberto und zwinkerte mir zu. Mir war das so peinlich. Ich entschuldigte mich und umarmte Carlos Alberto. Zum Glück war es diesmal der Richtige!

An meinem Geburtstag gingen Carlos Alberto und ich zu unserem Lieblingsplatz, wo wir uns zum ersten Mal geküsst hatten. Ich schaute ihm tief in die Augen und sagte: «Carlos Alberto, es tut mir immer noch leid, dass ich dich mit deinem Bruder verwechselt hatte. Ich habe die Narbe nicht gesehen, denn ich war und bin es noch – absolut blind vor Liebe!»

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Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Wir publizieren täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer Zeitung erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.