«Klub der jungen Dichter»: Der Sturm der Erinnerungen

Xenia Müller erzählt im «Klub der jungen Dichter»,  wie ein schmerzlicher Verlust durch eine magische Begegnung gemildert wird.

Xenia Müller, Rothenburg, 1. Sek
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Xenia Müller.

Xenia Müller.

Ich öffnete die Zimmertür und traute meinen Augen nicht… Okay, ich beginne von vorne. Am Küchenfenster sitzend, schaute ich dem Gewitter zu, als plötzlich die laute Stimme meiner Mutter ertönte… «Schliesse alle Fenster, bevor der Regen unser Haus flutet! Ich schaue im Garten, ob alles im Trockenen ist.» Gedankenverloren schaute ich aus dem Fenster und bewegte mich nicht. Regentropfen liefen die Scheibe hinunter. Der Donner schallte durch das Tal, und der Blitz liess am Nebelhügel den Himmel aufleuchten.

«Jolina!» Die helle Stimme meiner Mutter drang durch die lauten Geräusche des Sommergewitters. Ich drehte mich um und lief los, um die Fenster zu schliessen. Das Gewitter wollte sich nicht verziehen. Einige Zeit später sassen wir am Küchentisch und tranken heissen Kakao. «Ich habe Dads Gestalt wieder im Sturm gesehen», sagte ich mit trauriger Stimme. «Joli, du weisst doch, dass dein Vater vor sechs Jahren vom Blitz getroffen wurde und tot ist.» «Ich sage nur, was ich gesehen habe, und nenne mich bitte nicht Joli. Dad ist der Einzige, der mir so sagen durfte.»

Ich knallte die noch halb gefüllte Tasse auf den Tisch und stampfte mit grossen Schritten die hölzerne Treppe hoch. In meinem Zimmer setzte ich mich auf mein Bett und nahm die Kiste mit den Bildern von meinem Vater Dion hervor. Langsam kullerte mir eine Träne die Wange hinunter. Immer wenn ich an meinen Vater dachte, wurde ich traurig und sogleich aber auch wütend. Wütend auf den Blitz, der meinen Vater getroffen und mit in den Tod gezogen hat. Gegen dieses Gefühl gab es nur eine Lösung, nämlich das Geheimversteck von Tochter und Vater. Früher besuchten ich und mein Dad Dion die kleine Hütte auf dem Nebelberg öfters. Was heisst öfters, eigentlich fast jeden Tag. Als ich drei Jahre alt wurde, bauten wir das Versteck, um den Lauf des Lebens zu geniessen. Mit einem heissen Kakao und Keksen sassen wir stundenlang da oben und plauderten. Also nahm ich eine Tasse Kakao und Kekse mit in die Hütte. Doch das Gewitter war immer noch nicht vorüber, und der Regen prasselte auf meinen Kopf. Wenigstens waren die Füsse, die in viel zu grossen Gummistiefel steckten, noch trocken.

Als der dünne Pfad schon langsam steiler den Hügel hinaufführte, drangen laute Rufe durch den starken Sturm. Es waren keine deutlichen Rufe, aber ich erkannte die Stimme. Meine Beine rannten einfach los, in Richtung Hütte, und stockten kurz vor der Wiese, die die Hütte und mich noch trennten. Eine grosse Gestalt, die aus Blitzen bestand, stand direkt vor dem Eingang des Verstecks. Ich blieb mit offenem Mund stehen, als ich die Worte langsam wiederfand, wurde mir klar, wer es war. «Dad?»

Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, drehte sich die Gestalt aus Blitzen zu mir um und wurde kurz darauf mit einem Sog in den Himmel hinaufgezerrt. Einen gequälten Schrei umfasste die Luft, doch es war nicht der einzige Schrei. Meine Mutter stand unten vor dem Haus und starrte auf den Hügel hoch. «Jolina, komm sofort da runter!» Ich drehte mich noch einmal zu der Hütte um und machte mich schnell auf den Weg zurück zum Haus. In der Wärme angekommen, wurde ich in das Zimmer geschickt. Doch als ich die Zimmertür öffnete, traute ich meinen Augen nicht. Wer sass denn da auf meinem Bett? Da wusste ich es und rannte auf die Person zu und wollte ihr um den Hals fallen, doch da war nichts. Meine Arme fielen auf die harte Bettkante. «Joli, mein Kind, du bist aber gross geworden», sagte eine sanfte Stimme. «Dad, du bist nicht tot?»

«Doch mein Kind, aber mit der starken Verbindung, die wir beide teilen, ist kein Weg zu weit, um dir ein Geschenk zu überreichen.» Ein silbernes Armband umschloss nun mein dünnes Handgelenk. «Trage es immer bei dir, damit dir nichts passiert.» Dann verschwand die Geistergestalt wieder. «Dad, bleib hier!» Die sanfte Stimme meines Dads ertönte noch zum letzten Mal: «Nein, mein Kind, das kann ich nicht. Nur der Sturm bringt mich zu dir. Ich liebe dich, Joli.»

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Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Wir publizieren täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer Zeitung erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.