Am Anfang war das Wasser

Wellness scheint die Zauberformel für ein besseres Leben zu sein. Warum ist der Wunsch nach Wohlbefinden so gross?

Monika Burri
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Nur das sanfte Plätschern des Wassers hallt ­leise an den Natursteinen des gewölbtes Raumes nach, sonst herrscht eine andächtige Ruhe. Die Stimmung in einem Thermalbad lässt die Gedanken ins Weite schweifen, und das Wasser macht den Körper schwerelos. Gleichzeitig werden die wertvollen Mineralstoffe und Spurenelemente über die Haut aufgenommen und entfalten ihre wohltuende Wirkung. Diesen angenehmen Zustand und die heilende Wirkung des Thermalwassers schätzten schon die Griechen und die Römer. Ihnen boten die Quellen Körperhygiene und Wohlbefinden, sie waren aber auch ein wichtiger Ort für soziale und geschäftliche Kontakte. Vom 16. bis Mitte 20. Jahrhundert war der Besuch von Heilbädern der europäischen Oberschicht vorenthalten. Besonders britische Badetouristen besuchten mit Vorliebe den belgischen Badeort Spa. Darum bezeichnen wir heute Wellnessoasen gemeinhin auch als «Spa». Was die Bezeichnung «Spa» allerdings bedeutet, ist umstritten: Zum einen wird er mit dem lateinischen Ausdruck «Sanus Per Aquam» (Gesundheit durch Wasser) erklärt, zum anderen ist nicht gesichert, ob der Ortsname einen lateinischen oder gar germanischen Ursprung hat.

Mehr als nur ein Weekend

Im Gegensatz zu früher ist Wellnessen übers Wochenende, ein Tag in einem Hamam oder einem Day-Spa, schon lange nichts mehr Exklusives. Viele von uns lieben es, in der Sauna zu schwitzen, im irisch-römischen Bad eine Massage zu geniessen oder uns genüsslich in einen Whirlpool zu setzen. Die Gesundheitsbranche boomt und wird der Nachfrage mit einer fast unüberschaubaren Vielzahl an Angeboten gerecht. Der Wunsch nach einem selbstbestimmten, gesunden Leben im Alltagstrubel hat stark zugenommen. Da eignet sich Wellnessen sicher kurzfristig, um abzuschalten und sich etwas Gutes zu tun. Doch schaut man sich die Definition dieses Wortes etwas genauer an, wird es komplizierter. Die Weltgesundheitsorganisation WHO bezeichnet Wellness als «Zustand des vollständigen, körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens, und nicht nur des Fehlens von Krank­heiten und Gebrechen». Vermutlich reicht ein viertägiges Wellness-Weekend einmal pro Jahr nicht aus, um ein allumfassendes Wohlbefinden zu erreichen.

Wellness-Geheimnisse

Nimmt man die Definition der WHO wörtlich, dann müsste der Wellness-Gedanke in unseren gesamten Alltag einfliessen. Wie diese Umsetzung bei jedem Einzelnen aussieht, ist sehr individuell, denn der moderne Mensch möchte seine Lebensform selbstständig und nach seinen Bedürfnissen ausgerichtet gestalten. Nicht immer einfach! Die schnelllebige und leistungsorientierte Welt hat einen grossen Einfluss auf die Lebensqualität. Die ständige Erreichbarkeit und die immense Informationsflut können bei vielen Menschen zu Übermüdung und Stress führen. Über längere Zeit macht dieser Zustand krank, das ist ein Fakt. Auf dem Weg zum persönlichen Wohlbefinden wäre also das erste Ziel, das Leben zu entschleunigen. Doch wie? Ein Versuch wäre die gezielte Unerreichbarkeit: kein Handy und keine Mails, so dass man ungestört seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen kann, oder man hat gar mehr Zeit, gesund einzukaufen und zu kochen. Das allgemeine Befinden wie auch das Körpergefühl verbessern sich, und plötzlich kommt auch die Lust auf mehr Bewegung. Ein schöner Nebeneffekt, denn es ist allgemein bekannt, dass sportliche Betätigungen, und sei es nur ein regelmässiger Spaziergang, nachweisbar gegen Stresssymptome helfen und das Risiko reduzieren, krank zu werden.

Auf das Wesentliche fokussieren

Bei all den körperlichen Betätigungen und der gesunden Ernährung geht oft vergessen, dass auch soziale Kontakte für unsere Lebensqualität enorm wichtig sind. Die beste Fitness-Session oder der leckerste Gemüseeintopf nützen nichts, wenn man trotzdem dauernd allein zu Hause vor dem Fernseher sitzt oder seine Alltagsroutinen immer gleich abspult. Freunde treffen oder im Familienkreis einen Spielabend organisieren – das bringt Abwechslung und positive Emotionen ins Leben. Wer in einem Verein aktiv ist, weiss, dass auch dort anhaltende Freundschaften entstehen können. Doch aufgepasst: Auch Bekannte, Familie oder der Fussballklub stellen manchmal Ansprüche und verplanen einem die ganze Freizeit. Das Letzte, was unsereins heutzutage noch braucht, ist Freizeitstress. Man muss nicht überall dabei sein, und den Kuchen für den Turnerabend kann auch einmal jemand anders backen. Nein zu sagen, ist eine Kunst, die es sich zu lernen lohnt. Auch wenn man Zeit hätte: lieber die gewonnenen Stunden nutzen und in einer Wellnessoase oder beim Winterspaziergang den Fokus auf sich, ganz nach innen, richten. In Ruhe die Gedanken schweifen lassen und den positiven Effekt auf den Körper spüren und geniessen.


Die Sauna – ein unaufgeregter Ort

Schwitzen und Schwatzen: Eine ideale Kombination. (Bild: Pixnio)

Schwitzen und Schwatzen:
Eine ideale Kombination. (Bild: Pixnio)

Meine Eltern haben schon früh in unserem Keller einen Saunabereich mit Regendusche und Kaltwasserschlauch einbauen lassen. Von da an hockte die Familie jeden Freitagabend auf den Holzbänken, einerseits am Schwitzen, andererseits am Schwatzen. Die Sauna war unser Rückzugsort, unaufgeregt und ruhig. Nur der Holzofen dampfte zufrieden vor sich hin, und verschiedene Essenzen verströmten den Duft von Zitronenmelisse oder Fichtennadeln. Während der Pubertät fand ich das Saunagehen total doof. Logisch. Aber danach habe ich es schnell wieder für mich entdeckt. Ob mit meinem Mann, meinem besten Freund oder mit meinen Freundinnen – der Gang in die Sauna und das Eintauchen ins Kaltwasserbecken bringen nicht nur den Kreislauf in Schwung. Der Schwitzkasten ist der ideale Ort, um Beziehungen zu pflegen und Gespräche zu führen. Denn das Handy, Aufmerksamkeitskiller Nummer 1, muss draussen bleiben.

Ich liebe die rohe und echte Atmosphäre in der Sauna. Dort sieht man alle Facetten, ohne Make-up und ohne Weichzeichner. Unser Äusseres präsentiert sich, wie es nun mal ist: klein, gross, dick, dünn, jung, alt, faltig, schwabbelig oder haarig. In einer Zeit der perfekt präsentierten Körperbilder, die gnadenlos mit Photoshop oder Instagram-Filtern bearbeitet werden, wirkt das sehr erfrischend. In der Sauna lerne ich, entspannt mit meinem eigenen Körper umzugehen. Das Schönste kommt für mich übrigens zum Schluss: Nach dem letzten Aufguss wickle ich mich in einen flauschigen Bademantel, schlürfe Ingwertee und hänge meinen Gedanken nach. Der Wechsel zwischen Heiss und Kalt entgiftet nicht nur den Körper. Auch der Kopf wird angenehm frei.
Andrea Hofstetter

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