Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Das Geschenk mit dem Geschenk

Aus der Winterausgabe unseres Magazins «Saison»: Einander zu beschenken, hat eine jahrtausendealte Tradition, obwohl Geschenke auch zwie­spältige Gefühle oder Wirkungen auslösen können. Eine kurze Geschichte dieser besonderen Form der Beziehungspflege.
Antonio Russo

Vor Jahren haben wir zu Hause damit angefangen, einander nichts mehr an Weihnachten zu schenken. Seitdem sind vor allem die Dezembertage entspannter geworden. Hin und wieder bedaure ich jedoch den Pakt zwischen uns Geschwistern, fallen doch so jene Momente weg, in denen man sich intensiv mit den möglichen Wünschen seiner Liebsten auseinandersetzt. Ganz besonders vermisse ich diese «emotionale Gedankenarbeit» an den Geburtstagen, die bei uns genauso geschenkfrei geworden sind. Unsere Familie ist bei weitem kein Einzelfall, im Gegenteil. Wer sich im Freundes- und Bekanntenkreis umhört, erfährt von ähnlichen Regulierungsmassnahmen. Woran das liegt? «Wir leben in einem Land, wo die meisten Menschen mehr haben, als sie brauchen, und es darum kaum noch möglich ist, den privaten Konsum zu steigern», stellt auch Bettina Beer, Professorin für Ethnologie an der Universität Luzern, fest. «Das ist sicher für viele ein Grund, einander gerade an Weihnachten nichts mehr zu schenken.» Trotzdem scheint schenken tief im Menschen verwurzelt zu sein. Forscher haben nämlich herausgefunden, dass Geschenke zu geben noch glücklicher macht, als welche zu empfangen: Das Gehirn schüttet beim Schenken Hormone aus, die für Hochgefühle sorgen. Und so werden wir immer wieder zu «Wiederholungstätern» – ein Phänomen, das sich das Produktmarketing weltweit zunutze macht. Schliesslich sind Präsente immer noch ein wichtiger Teil der Beziehungspflege, im privaten wie im öffentlichen Leben: Geschenkt wird zu Geburt, Taufe, Geburtstag, Hochzeit und im Trauerfall, aber auch an Weihnachten, bei Einladungen, zur Kundenpflege sowie bei Staatsbesuchen. Nicht zu vergessen die rituellen Opfergaben, die eine wichtige Rolle in den meisten Religionen spielen.

Umfrage: Wie halten Sie es mit dem Schenken?

Rahel Strasser, Luzern: Ich finde es schön, dass ich an Weihnachten Geschenke machen darf. Damit es keinen Stress gibt, fange ich früh mit Einkaufen an. Meinem Gotti-Kind mache ich meistens ein Zeit-Geschenk. Was gibt es Schöneres, als gemeinsam etwas zu unternehmen? Ich erinnere mich jeweils noch lange an das Erlebte und die Gespräche. (Bild: Antonio Russo)
Mensur Gafuri, Oftringen: Bei uns ist es Tradition, sich an Silvester zu beschenken. Meinen Kindern schenke ich Legosteine, meine Frau hat schon ein Wellness-Weekend von mir bekommen. Auf jeden Fall ist es schön, beschenkt zu werden. Vor einigen Monaten haben mich meine ehemaligen Arbeitskollegen mit einem Abschiedsapero und Geschenken überrascht. Das war genial. (Bild: Antonio Russo)
Anina Betschart, Oberarth: Meine kleine Schwester und ich wünschen uns ein richtiges Pony vom Christkind. Das könnte dann bei uns im Tierpark Goldau im Stall wohnen. Auf meinem Wunschzettel ist auch ein Bastelset, um selber Ketteli zu machen. Ich schenke auch gerne, darum habe ich meinen Eltern im letzten Jahr eine selbst gebastelte Schneekugel gegeben. (Bild: Antonio Russo)
Gaby Casarano, Beinwil: Schenken ist für mich nicht mit Religion verknüpft, so mache ich während des ganzen Jahres immer wieder gerne Geschenke. Manchmal kaufe ich meiner Tochter spontan etwas, das ihr gefällt. Auch Zeit verschenke ich mit Überzeugung. Ich besuche zum Beispiel zweimal im Monat eine Frau im Altersheim. Ihre Dankbarkeit macht auch mir grosse Freude. (Bild: Antonio Russo)
Hugo Erni, Baar: Meine Frau und ich schenken einander regelmässig Ferien, dazu brauchen wir keine Weihnachten. Weil meine Familie in der ganzen Welt verteilt ist, bieten die Weihnachtstage jedoch die ideale Gelegenheit, gemeinsam ein Fest zu feiern und kleine Geschenke zu verteilen. Dass die Familie zusammenkommt, ist für mich aber das schönste Geschenk. (Bild: Antonio Russo)
5 Bilder

Umfrage: Wie halten Sie es mit dem Schenken?

Mit dem Geben und Nehmen unter den Menschen hat sich der französische Ethnologe Marcel Mauss intensiv auseinandergesetzt. In seinem 1950 erschienen Essay «Die Gabe» hat er Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften miteinander verglichen. «Mauss’ Buch ist auch heute noch ein Augenöffner», findet Bettina Beer. «Er zeigt in beeindruckender Weise auf, dass mit Gaben nicht nur Positives verknüpft ist. Häufig geht damit nämlich auch die Verpflichtung einher, Gaben früher oder später mit Gegengaben zu erwidern oder mit anderen Gegenleistungen zu verdanken. Schenken ist also immer eine ambivalente Angelegenheit.» Nicht umsonst schieben wir nach dem Dank das Versprechen nach, uns revanchieren zu wollen, wenn uns etwas geschenkt oder offeriert wurde: ein Drink, ein Essen, ein Mitbringsel. Revanche hat aber auch eine zweite Bedeutung, es kann Rache und Heimzahlen meinen. Etwa dann, wenn Revanche als Machtdemonstration dient, als Zurschaustellung physischer, sozialer und materieller Über­legenheit, wie Marcel Mauss am Beispiel des Potlatsch-Fests beschreibt. Das ursprünglich spirituelle Ritual bei nordamerikanischen Indianern wurde eher selten, beispielsweise bei der Geburt eines männlichen Erben oder beim Tod eines wichtigen Stammesmitgliedes, durchgeführt. Dabei beschenkten einander die Häuptlinge, um ihre Position zu festigen. Im 19. Jahrhundert kamen unter dem Einfluss weisser Siedler auch neue Konsumgüter hinzu. Das Potlatsch wurde immer häufiger abgehalten, die Gesellschaftsnormen gerieten aus den Fugen, und die Häuptlinge begannen, einander mit immer grösseren Geschenken zu übertrumpfen. Ihre Gemeinschaften trieben sie auf diese Weise nicht selten in den Ruin.

«Geben heisst, Beziehung fortsetzen», sagt die Ethnologin Bettina Beer. (Bild: aru)

«Geben heisst, Beziehung fortsetzen», sagt die Ethnologin Bettina Beer. (Bild: aru)

Geschenke spielen auch heute in zwischenmenschlichen Beziehungen in allen Kulturen eine grosse Rolle. So auch in Papua-Neuguinea, wo die Ethnologin Bettina Beer mehrfach geforscht hat. «In meinem Forschungsgebiet wird vor allem Essbares gerne zu grösseren Festen mitgebracht und gemeinsam verzehrt, Bananen zum Beispiel, die hier zu den Grundnahrungsmitteln gehören», sagt sie. Doch seien die Einflüsse der Globalisierung zunehmend auch bei der Bevölkerung in Papua-Neuguinea festzustellen. Das Land hat grosse Gold- und Kupferminen, die ausländische Arbeitskräfte anziehen. Mit ihnen, der Werbung und den neuen Medien würden auch neue Konsumwünsche in den einheimischen Gesellschaften aufkommen. «Kindergeburtstage hat man zum Beispiel bisher so nicht gefeiert», stellt Beer fest. «Die Eltern wussten vielleicht, dass ihr Kind in einem bestimmten Jahr geboren wurde, konnten aber nicht auf den Tag genau sagen, wann. Jetzt aber werden Karten für Geburtstagsfeiern verteilt und nebst essbaren Gaben immer öfter auch persönliche Geschenke mitgebracht.»

Andere Länder, andere Sitten

So unterschiedlich wie die Anlässe sind, bei denen Gaben überbracht werden, so vielfältig sind auch die kulturellen Unterschiede beim Schenken. Auf den Philippinen werden Geschenke nicht vor aller Augen ausgepackt, wie bei uns. Genauso in Mexiko, wo sie an Weihnachten einfach hingelegt und erst später, im stillen Kämmerlein ohne das Beisein anderer, ausgepackt werden. Das hat damit zu tun, dass weder Geber noch Empfänger vor dem anderen das Gesicht verlieren möchten, sollte der Inhalt nicht gefallen. In Asien verhält es sich ähnlich. Hier achtet man zudem darauf, Gaben mit beiden Händen zu überreichen und entgegenzunehmen. In Japan soll es gar rund 35 verschiedene Ausdrücke geben, die Anlässe für Geschenke beschreiben. Diese müssen – wie in China übrigens auch – so verpackt sein, dass man deren Inhalt nicht sieht. Das Preisschild wird häufig drangelassen, um die Wertigkeit des Geschenks zu unterstreichen. Bei der Farbe des Geschenkpapieres sind Weiss und Schwarz tabu: Das sind in diesen Kulturkreisen Farben des Todes.

Das rote Horn von Neapel

Die roten Glücksbringer von Neapel muss man sich schenken lassen. (Bild: Getty)

Die roten Glücksbringer von Neapel muss man sich schenken lassen. (Bild: Getty)

Um nicht gerade den Tod, so doch immerhin böse Blicke und Verwünschungen abzuwenden, hängt in Neapel sowie in der ganzen Region Kampanien in jedem Haushalt ein zur Ikone gewordenes Amulett, das in allen Grössen und Varianten erhältlich ist: das rote Horn. «Il Corno di Napoli» soll aber seine Wirkung nur unter der Voraussetzung entfalten, dass man es von jemandem geschenkt bekommt. Ein schöner Gedanke, der zeigt, dass Gaben ein Stück weit immer auch eine immaterielle Kraft innewohnen kann. Zumindest stärken Geschenke die Erinnerung und die Bindung an jene Person, von der man sie erhalten hat. Womit wir wieder bei einem nicht zu unterschätzenden Aspekt des Schenkens angelangt wären, wie es Bettina Beer ausdrückt: «Geben heisst Beziehung fortsetzen. Insofern sind Geschenke, obwohl die Verpflichtung mitschwingt, schöne Zeichen der Freundschaft und der Zuneigung.» Und welche Geschenke stehen bei der Ethnologin zuoberst auf der Wunschliste? «Zeit und Aufmerksamkeit füreinander. Das ist, was heutzutage den meisten Menschen fehlt.»

«Saison» erscheint als Beilage in der «Luzerner Zeitung»

In der Winterausgabe des Magazins «Saison» erhalten Sie Inspirationen rund um die Festtage sowie überraschende Einblicke in die Farbe Weiss. Lassen Sie sich zudem zum Wellness-Aufenthalt verführen – einen gibt es beim Wettbewerb zu gewinnen!

Die Frühlingsausgabe von «Saison» erscheint am Samstag, 9. März 2019.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.