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«Sternstunde»-Moderator philosophiert über die Zeit

Forscher und Philosophen denken viel über die Zeit nach. Auch den Luzerner Yves Bossart beschäftigen Fragen rund um dieses flüchtige Etwas, das unser Leben bestimmt. Für «Saison» hat er sich in Zürich Zeit genommen, über die Zeit zu philosophieren.
Interview: Antonio Russo

In der Frühlingsausgabe des Print-Magazins «Saison» vom 9. März erwarten Sie einige tiefsinnige Gedanken zur Zeit, ausgewählte Kraftorte, Rezeptideen mit saisonalem Superfood, berührende Liebesgeschichten und Tipps rund ums E-Bike.

Zeit ist für den Philosophen und «Sternstunde»-Moderator Yves Bossart ein allgegenwärtiges Thema. (Bilder: Manuela Jans)

Zeit ist für den Philosophen und «Sternstunde»-Moderator Yves Bossart ein allgegenwärtiges Thema. (Bilder: Manuela Jans)

Yves Bossart, mir scheint, der heutige Mensch sei besonders arg von Zeitnot geplagt. Das war früher bestimmt anders.

Ganz und gar nicht. Über die Zeit haben sich schon die alten Römer den Kopf zerbrochen. Wir wissen dank Schriften von Philosophen wie Seneca und Marc Aurel, dass das Leben früher nicht gemächlicher war. Die Menschen hatten auch damals das Gefühl, ständig am Planen zu sein und weniger in der Gegenwart zu leben. Der Zusammenhang zwischen Zeit und Glück hat Seneca stark beschäftigt.

Eigentlich müssten wir heute mehr Freizeit haben, da uns so viele Dinge die Arbeit abnehmen …

Es stimmt, die industrielle und die digitale Revolution haben viele Erfindungen hervorgebracht, die die Arbeit erleichtern und Zeit sparen helfen. Das Paradoxe ist: Innovationen fressen wieder Zeit weg, weil durch sie alles viel schneller geht. Man wechselt nicht nur rascher das Auto, das Handy, die Kleider, die Wohnung oder die Feriendestination. Selbst soziale Phänomene beschleunigen sich. Im Vergleich zu früher bleibt man etwa weniger lange mit dem Partner zusammen. Der Lebenszyklus von Produkten und Gewohnheiten hat sich stark verkürzt, es kommen immer rascher neue, bessere Dinge auf den Markt, die noch mehr Bedürfnisse wecken. Das wirkt sich auf unser gesamtes Leben aus.

Wie hat sich Ihr Blick auf die Zeit verändert, seit Sie Vater sind?

Es ist vieles anders geworden. Kinder leben uns vor, was Erwachsenen meist abhandengekommen ist: in der Gegenwart zu leben, abzutauchen in den Moment. Wenn ich mit meiner zweieinhalbjährigen Tochter einkaufen gehe, steht für sie das Unterwegssein im Fokus, nicht die Einkaufsliste. Liegt Laub, Schnee oder eine Pfütze auf der Strasse, möchte sie stehen bleiben und spielen. Wenn man sich darauf einlässt, erlebt man viel Schönes, gewinnt einen anderen Blick auf alltägliche Dinge, die wir sonst nicht mehr so intensiv wahrnehmen.

Warum erleben wir die Zeit im Rückblick einmal so kurz wie ein Wimpernschlag, ein andermal so lang wie ein Fluss?

Das hat mit der Intensität des Erlebten zu tun. Bei der Arbeit sind wir oft mit sovielen kleinteiligen Tätigkeiten beschäftigt, dass der Tag so rasch vorüberzieht und wir uns am Abend fragen, was wir eigentlich gemacht haben. Anders in den Ferien. In der ersten Hälfte ist alles aufregend intensiv. Man geht in neue Hotels, Restaurants und Museen, lernt neue Leute und Orte kennen, die Tage gehen wie im Flug vorbei – im Rückblick aber dehnt sich die Zeit: Die intensiven Tage kommen uns wegen ihrer Fülle lang vor. In der zweiten Hälfte der Ferien wird es dagegen monotoner, man liegt vielleicht am Strand und kennt sich inzwischen besser aus. Hier dehnt sich die Zeit im Erleben. Manchmal kommt gar Langeweile auf. Im Rückblick aber schrumpft die Zeit. Soziologen wie Hartmut Rosa stellen heute insofern eine Veränderung der Zeitwahrnehmung fest, als wir die Zeit sowohl im Erleben als auch im Erinnern als kurz empfinden – weil wir zu wenig machen, was als intensive Erfahrung in Erinnerung bleibt.

«Wir leben in einer säkularisierten Gesellschaft, die weniger ans Jenseits glaubt und folglich alles im Diesseits unterbringen möchte.».

«Wir leben in einer säkularisierten Gesellschaft, die weniger ans Jenseits glaubt und folglich alles im Diesseits unterbringen möchte.».

Zur Person

Der Luzerner Yves Bossart (* 1983) studierte Philosophie, Musikwissenschaften und Geschichte. Im Januar 2017 wurde er bei SRF Moderator der Sendung «Sternstunde Philosophie ». Bossart lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in Zürich. 2014 ist im Blessing-Verlag sein Buch «Ohne Heute gäbe es morgen kein Gestern – Philosophische Gedankenspiele » erschienen. Yves Bossart ist auch auf der Bühne zu erleben: Am 15. Mai 2019 tritt er im Kleintheater Luzern gemeinsam mit den Philosophen Roland Neyerlin und Rayk Sprecher auf. Das Motto des Abends: «Stand-up Philosophy!»

Hat dies auch damit zu tun, dass wir in einer Zeit der tausend Optionen leben?

Bestimmt. Die Sorge, etwas zu verpassen, und der Hang zur Gleichzeitigkeit sind allgegenwärtig. Dadurch bauen wir uns selber Stress auf, weil wir unbedingt noch dieses und jenes erledigen, erleben, «abhaken» möchten. Wir leben in einer säkularisierten Gesellschaft, die weniger ans Jenseits glaubt und folglich alles im Diesseits unterbringen möchte.

Schon die Lateiner empfahlen mit «Carpe diem», jeden Tag zu nutzen. Bloss, das klingt einfacher, als es ist.

In der Tat. Doch es ist wichtig, sich unsere Endlichkeit immer wieder vor Augen zu führen. Da hilft zum Beispiel auch ein Gedankenspiel, bei dem man sich vorstellt, man liege auf dem Sterbebett und blicke auf sein Leben zurück: War es erfüllend? Was war besonders schön, was habe ich schon immer machen wollen und nicht getan, was bereue ich? Klar, es wäre zu anstrengend, so zu leben, als sei jeder Tag der letzte und ihn bis zur allerletzten Sekunde zu nutzen. Gleichwohl sollten wir uns der eigenen Sterblichkeit immer wieder bewusst werden. Der gegenwärtige Optimierungs- und Machbarkeitswahn möchte ja Krankheit, Schwäche, Alter und Tod am liebsten hinter sich lassen und durch den Einsatz von Technologie die Grenzen menschlicher Fähigkeiten erweitern. Dennoch: Wir mögen vielleicht älter werden als unsere Vorfahren, sterben werden wir genauso.

Also besteht die Kunst darin, das subjektive Zeitempfinden zu dehnen?

Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang vom sogenannten Flow, dem glücklich machenden Zustand völliger Vertiefung in eine Tätigkeit. Wer im Flow ist, dem scheint die Zeit wie aus den Angeln gehoben, weil er restlos in einer Sache aufgeht und dadurch den Eindruck gewinnt, dass sich Zeit dehnen lässt. In der Zeit vor Sokrates, also noch vor 470 vor Christus, waren die Philosophen der Auffassung, dass die Wirklichkeit unzeitlich, ewig und unveränderlich sei. Wittgenstein, einer der wichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, hat das weitergedacht und gesagt: «Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt.»

Das ist vielleicht eine Denksportaufgabe! Zum Schluss deshalb eine einfachere Frage: Kennen Sie Langeweile?

In früheren Jahren hatte ich immer den Drang, etwas zu tun. Ich war sehr pflichtbewusst. Inzwischen geniesse ich die Momente, in denen niemand etwas von mir verlangt, kein Resultat im Fokus steht, sondern das Erleben. Dann schaue ich zum Beispiel öfter mal aus dem Fenster und beobachte, was draussen passiert. Und wenn ich nachts aufstehe, um nach der Kleinen zu sehen, liege ich danach einfach noch ein bisschen im Bett und lasse meine Gedanken fliessen. Das sind schöne Momente der Langeweile.

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