Den jungen Lenz begrüssen

Der Frühling naht in grossen Schritten. Und auch den Menschen treibt es in diesen Tagen hinaus. Bei einer Wanderung am Wasser lässt sich das Erwachen der Natur gut beobachten – zum Beispiel auf dem Emmenuferweg.

Elsbeth Flüeler
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In der Frühlingsausgabe des Print-Magazins «Saison» vom 9. März erwarten Sie einige tiefsinnige Gedanken zur Zeit, ausgewählte Kraftorte, Rezeptideen mit saisonalem Superfood, berührende Liebesgeschichten und Tipps rund ums E-Bike.

Wandern mit dem Element Wasser: Der Emmenuferweg ist Erlebnis. (Bilder: Unesco-Biosphäre Entlebuch (2)/Jon Arnold, Getty (1))

Wandern mit dem Element Wasser: Der Emmenuferweg ist Erlebnis. (Bilder: Unesco-Biosphäre Entlebuch (2)/Jon Arnold, Getty (1))

Der Pilatus hat viel Schnee. Und er wartet noch auf mehr, sagt der Mann und zeigt auf die weissen Berge hinter der Klosterkirche Werthenstein, die auf einem Felsen hoch über der Kleinen Emme thront. Obwohl es tagsüber schon richtig warm ist: So richtig Frühling ist es noch nicht ganz. Der Wunsch, dass der Winter bald vorüber sei, ist riesgengross. Hatte ich ihm mit der Fasnacht nicht den Garaus gemacht, lange, intensiv und entschieden?

Die Boten des Frühlings

Wenige Tage später hatte es mich förmlich aus dem Haus gezogen, weg von der Skipiste, hinaus in die Natur und dem Frühling entgegen. Frühmorgens schon und ohne, dass ich wusste, wie mir geschah! Und so finde ich mich nun ab Wolhusen der Kleinen Emme entlang wandernd, von da, wo sie einen waagrechten Knick von Norden nach Osten macht und nun parallel zur Pilatuskette fliesst. Unterwegs suche ich nach den Boten des Frühlings, schaue zu den meist kahlen Bäumen hinauf, die das kalte Wasser der Kleinen Emme an sich vorbeiziehen lassen. Sie tragen noch kein Laub. Auch Hasel und Erle, deren Blüte doch dem Ende naht, gönnen sich keine Blätter. Noch nicht. Sie wären hinderlich. Streicht hingegen ein Wind vorbei, schicken sie ihre Pollen ungehindert mit, auf dass er sie verbreite.

Die Pilger sind auch unterwegs

Die Klosterkirche Werthenstein ist ein Pilgerort.

Die Klosterkirche Werthenstein ist ein Pilgerort.

Doch da ist die Sonne, die blendet und mich für das noch fehlende Blattgrün entschädigt. Seit einem Monat scheint sie merklich länger – drei bis vier Minuten sind es inzwischen pro Tag – und nähert sich in grossen Schritten der Tag-und-Nacht-Gleiche. Bald schon wird sie den Saft in die Bäume schiessen lassen und die Tiere aus den Löchern treiben. Bei mir hat sich ihre Wirkung eingestellt. Meine winterliche Lust nach langen Nächten und tiefem Schlaf ist nun wirklich vorbei. In der Klosterkirche Werthenstein kratzt der Siegrist das Wachs vom Kerzenständer und fährt mit einem nassen Lumpen über den Boden. «Der Frühling ist schon angebrochen», sagt er und nennt ein untrügliches Zeichen dafür. «Die Pilger haben ihre Wanderschaft aufgenommen. » Ab Anfang März ist es in der Regel so weit. Dann ziehen sie wieder in Scharen Richtung Westen, ihr Ziel: Santiago de Compostela. «Es gibt so viele Gründe wie Pilger», denke ich, während ich die ersten Einträge im Buch der Pilger anschaue.

Ein Rast muss sein

Nun wandere ich weiter Richtung Malters, der Kleinen Emme entlang und freue mich über jeden Sonnenstrahl. Einmal raschelt es im Laub: Vielleicht eine Maus? An einem sehr besonnten Ort sucht eine rote Feuerwanze auf dem kahlen Boden ihren Weg und trifft auf den Nieswurz. Da und dort blüht der Huflattich oder breitet sich ein Teppich von Leberblümchen aus. Sogar erste Blätter von Buschwindröslein sehe ich spriessen. Und einmal lockt ein sonnenverwöhnter Baum zu einer kleinen Rast im trockenen Laub. In die Sonne blinzelnd, überrascht mich für kurze Minuten der Schlaf.

Freie Kleine Emme

Doch die Luft ist frisch, der Boden auch. Da mag der Pullover, auf dem ich gelegen hatte, nicht darüber hinwegtäuschen. Der Mann vorhin hatte Recht. Der Schnee ist nah. Er bringt mich zurück auf den Weg Richtung Malters und zum neuen Stausee, den es seit dem grossen Unwetter von 2005 gibt. Und plötzlich bin ich nicht mehr die Einzige, die es in den Frühling und an die Wärme gezogen hat. Entlang des Ufers wird spaziert, gespielt, gerannt, gelacht und geflirtet. Die Kleine Emme aber folgt unterhalb des Wehrs unbeirrt ihrem Lauf und durchfliesst in schnurgerader Linie die breite Talsohle. Es bleiben ihr noch zehn Kilometer, bis sie sich kurz vor der Stadt Luzern in die Reuss verliert. Fast scheint es, als habe sie es eilig. Adieu, Kleine Emme. Ich bleibe noch eine Weile.