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Grosse Gefühle

Wem Wandern allein nicht genügt, dem sei empfohlen, auf die grossen Gefühle zu hören. Literarische Vorbilder bringen uns in der Natur auf neue Ideen.
Bruno Affentranger
Nachdenklich. Mark Twain einmal nicht beim Schreiben, sondern in Gedanken versunken. (Bild: Getty)

Nachdenklich. Mark Twain einmal nicht beim Schreiben, sondern in Gedanken versunken. (Bild: Getty)

Die Suche nach den Ursprüngen von literarischen Texten oder von Bildern wird extrem stark kommerzialisiert und als touristische Attraktion vermarktet wie nie zuvor. Wer auf den Spuren von Harry Potter, der Piraten der Karibik oder Musicals wie Mamma Mia folgen will, der findet bestimmt ein geschäftlich durchdekliniertes Angebot in der Welt. London, Edinburgh, die Grenadine-Inseln in der Karibik, die kroatische Insel Vis: Egal, wohin man reist, schon immer war eine Filmcrew da, und nun wartet ein Unternehmen, das den Genius Loci vermarktet.
Was nach einer Erfindung der Gegenwart klingt, hat eine lange Tradition. Auch die Zentralschweiz hat derartige Orte und Vorlagen zu bieten, zum Teil nachzulesen etwa im fantastischen Buch «Es lächelt der See» von Barbara Piatti. Wir haben einige ausgewählt, zusammen mit dem passenden Ausflug. Darunter sind Weltautoren mit Über­raschungen zu finden, aber auch eine zeitgenössische, regionale Grösse, die es zu entdecken lohnt.
Wer zum Beispiel dem grossen US-amerikanischen Romancier Mark Twain auf die Rigi folgt, wird den Berg schmunzelnd erklimmen. In seinem «Bummel durch Europa» beschreibt Twain einen Aufstieg im Jahr 1878 von Weggis bis Rigi Kulm. Dauer: Geschlagene 3 Tage, 3 Stunden und 15 Minuten. Genau drei Tage länger als veranschlagt, und nie gekrönt durch einen vom Gipfel bestaunten Sonnenaufgang. Stets kommt etwas dazwischen: ein Berggasthof, die Warnung eines Wanderers, der Nebel, das Jodeln, das abendliche Gelage. Twain beschreibt einen Slapstick und taumelt zu Berge, man lacht ob seiner Erzählung. Und man kann es ihm nachtun, knapp drei Tage schneller. In fünf Stunden ist der Weg von der Schiffstation über Bodeberg, Säntiberg, Felsentor, Romiti, Kaltbad, First, Staffel und Kulm geschafft. Wer Glück hat, sieht die Sonne aufgehen. Wer zu spät kommt, kann Mark Twains Gefühle teilen und danach wie er mit der Bahn nach Vitznau hinunterfahren.

Mark Twain: «Bummel durch Europa», Diogenes Verlag, Zürich 2010.
Barbara Piatti: «Es lächelt der See», Rotpunktverlag, Zürich 2013.

Ägeri: Irrungen und Wirrungen

Keystone

Keystone

Es darf nicht fehlen: Scott Fitzgeralds Meisterwerk, nicht «Der Grosse Gatsby», sondern «Zärtlich ist die Nacht». Es enthält viel Autobiografisches wie stets, aber vor allem eine fast vergessene Sequenz, für die die Psychiatrische Klinik Zugersee und das Dorf Ägeri die Szenerie bilden: Sie und er leben und leiden selbenorts während einiger Zeit, zermürben sich, bis nichts mehr übrig bleibt von der beschworenen Zärtlichkeit. Die Liebe implodiert auf dem Riesenrad am Jahrmarkt in Ägeri. Bedeutend fröhlicher als die beiden kann man in drei Stunden von Zug zur Talstation Schönegg wandern, von dort die Zugerbergbahn nehmen, und später nach Unterägeri durch unbekannte Gegenden wandeln.

F. Scott Fitzgerald: «Zärtlich ist die Nacht», Diogenes, Zürich 2007.

Bürgenstock: Brutaler Kampf

Getty

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Am 9. November 1798 ging Nidwalden im Kampf gegen den französischen Invasor unter. 65 Jahre später schreibt Gottfried Keller über die schrecklichen Bluttaten ob Kehrsiten, gleichzeitig über eine Liebesgeschichte, die im Pulverdampf und unter Bajonettstichen endete. Die verworrene Story passt zum Naturschauspiel, das sich in einer kurzen Schifffahrt von Luzern nach Kehrsiten bietet, und man versucht sich danach bei jedem Schritt bergan vorzustellen, wie das französische Heer den Nidwaldner Freiheitskämpfern auf den Bürgenstock nachstellte und sie meuchelte. Oben angekommen, wäscht man sich sorglos im Spa den Kampfschweiss ab, oder man beschreitet den Felsenweg.

Gottfried Keller: «Verschiedene Freiheitskämpfer» in «Sämtliche Werke in 7 Bänden», Bd. 5, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt a. M. 1989.

Luzern: Am Quai flanieren

Getty

Getty

Der russische Über-Literat Leo Tolstoi ist 1857 im Hotel Schweizerhof abgestiegen und hat einige Tage in Luzern verbracht. Abends unternahm er Streifzüge durch die Beizen der Stadt und bandelte ein wenig an, nur um sich am nächsten Tag am Quai zu erholen. Tolstois Erinnerungen an Luzern sind in einem Erzählband nachzulesen. Er beschreibt die schöne Natur, die einladende Bergwelt, aber auch die zwischenmenschliche Kälte von Touristen und Einheimischen, die Hilfsbedürftige unverfroren links liegen lassen würden. Die heutige Situation lässt sich in einem gut einstündigen Spaziergang nachprüfen: vom Bahnhof und am Quai auf dem rechten Seeufer bis zum Verkehrshaus und zurück.

Leo Tolstoi: «Luzern» in «Die Kosa­ken und andere Erzählungen», Insel, Frankfurt a. M./Leipzig 1993.

Zugersee: Monströses

Stefan Kaiser (Neue ZZ)

Stefan Kaiser (Neue ZZ)

Im März 1944 stürzt ein US-Bomber in den Zugersee. Aus Kindheitserinnerungen und überlieferten Erzählungen lässt der Zuger Schriftsteller Thomas Hürlimann eine Geschichte entstehen, die Wind, Wellen, Blitze und Farben zu einem wilden Ganzen verwebt. Und wer am Gestade des Zugersees sitzt, kann sich die dramatischen Ereignisse einer Rettung und zweier Verluste bildlich vorstellen. Vorschlag: Nach Cham mit dem Zug, Abendessen in der Villa Villette, vorher aber einen Uferspaziergang Richtung Hünenberg-See und Buonas.

Thomas Hürlimann: «Der Seemüggel» in «Heimliches und Unheimliches vom Zugersee», Kalt-Zehnder-Druck, Jubiläumspublikation zur Schmitte von Walch­wil, Zug 2009.

Pilatus: Das Verschwinden

Stefan Kaiser (Neue ZZ)

Stefan Kaiser (Neue ZZ)

Ein schwieriges Buch, das Weitsicht verrät und einen ins Ungewisse entlässt. Was klar und deutlich beginnt – mit einem Start zur Pilatuswanderung an der Zinggentorstrasse in Luzern – endet mit dem Abgang der Mutter, einem unbegreiflichen Verschwinden der Berge und aller Sicherheiten im Allgemeinen. Christina Viragh hat 2003 eine Geschichte gewoben, die die natürliche, manchmal brutal wirkende Kraft des Luzerner Hausberges einfängt und im Herzen explodieren lässt. Eine Herbstwanderung ins Ungewisse drängt sich auf: Gestartet in Kriens, auf die Krienseregg, danach Fräkmüntegg (in 2 Stunden 50 Minuten). Wer weiter will, zieht noch 1 Stunde 40 Minuten ins Eigenthal hinunter.

Christina Viragh: «Pilatus», Ammann, Zürich 2003.

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