Musikalische Präsente finden stets Anklang

Die CD gibt es noch, die LP aus Vinyl ist wieder hip, und in Konzertsälen und Stadien geht das ganze Jahr hindurch die Post ab. Keine Frage: Musik hat das ganze Jahr Saison.

Antonio Russo
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Ohne Musik wäre das ­Leben ein Irrtum, schrieb Nietzsche in seinen jungen Jahren, als er noch besonderen Halt in Wagners Opernwelt fand. Seine musikalische Vorliebe änderte sich später zwar. Doch die aus dem Kontext gerissene Aussage des Philosophen wird bis heute hartnäckig zitiert, obwohl ein Leben ohne Musik weit davon entfernt ist, ein Irrtum zu sein – man denke nur an das Leben gehörloser Menschen. Auch gibt es viele Hörende, für die Musik keinen besonderen Stellenwert hat und deren Leben trotzdem nicht «falsch» ist. Wer umgekehrt die Freude an der Musik für sich entdeckt hat, der möchte sie nie mehr missen. Die meisten meiner Altersgenossen erinnern sich noch gut an die obligate Blockflötenstunde der ersten Schuljahre und das bemühende Vorspielen an Weihnachten. Stets purzelten die Töne aus der gelochten Holzröhre mehr krächzend als wohlklingend hervor, und trotzdem war man am Ende des Vortrags stolz: die Eltern, weil sie sahen, dass ihr finanzieller Aufwand beim Nachwuchs Früchte – wenn auch etwas unreife – trug, und wir Flötenspieler, weil wir immerhin nicht aus dem Takt gefallen waren. Die eigene Musikproduktion entwickelte sich mit den Jahren ganz unterschiedlich weiter. Manche meiner Kameraden zog es zur Querflöte, andere zum Klavier, zur Gitarre oder in den Chor. Die allermeisten jedoch überliessen das klassische Musizieren den «angefressenen» Könnern und wurden selber zu Musikkennern der Popmusik. Keine Songzeile, die sie nicht auswendig mitträllern, kein Album, von dem sie nicht Erscheinungsjahr und Chartplatzierung nennen konnten – egal, ob von Abba, Supertramp, Barclay James Harvest, Prince oder Pink Floyd. Und weil in der analogen Welt von damals Walkmen gross in Mode waren, wurden an Geburtstagen und Weihnachten gerne persönliche zusammengestellte «Kassettli» mit den Lieblingsstücken an Freunde verschenkt.

Der flüchtige Moment des «live»

Natürlich standen in den Achtzigerjahren auch Konzertbesuche hoch im Kurs. Heute, im Zeitalter des Streaming, gewinnt live aufgeführte Musik noch mehr an Bedeutung, egal, ob es um Pop-, Rock-, Jazz- oder Klassikkonzerte geht. Die Künstler müssen öfter auftreten, um ihren Unterhalt zu sichern, da das Tonträgergeschäft und die Downloads längst nicht genügend einbringen. Die Konzertpreise mögen gestiegen sein. Doch eines ist gleich geblieben: Damals wie heute sind Konzerte kollektive Musikerlebnisse, die nicht mit Aufnahmen zu vergleichen sind. Denn die unvergesslichsten Gänsehautmomente gibt es, wenn die Musik am flüchtigsten ist: im Augenblick des Vortrags, wenn die Bässe wummern, die Gitarren flirren und die Stimme bebt, oder wenn Orchester und Solisten einen akustischen Sinnesrausch veranstalten, der sogar die Kopfhaut zum Kribbeln bringt. Es erstaunt also nicht, dass Konzertbesuche zu den beliebtesten Geschenken überhaupt zählen. Das Leben ohne Musik ist zwar kein Irrtum. Ein Leben mit Musik hingegen verleiht dem Alltag Flügel, macht ihn reicher. Es ist auch nie zu spät, neue Musikstile zu entdecken oder ein Instrument zu lernen. Man muss sich nur darauf einlassen wie auf eine Liebes­beziehung. Wie sang doch John Miles in den ersten Zeilen seines heute noch gespielten Hits von 1976? «Music was my first Love and it will be my last. Music of the Future and Music of the past.»

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