Stäubende Wasser in wilder Schlucht

In der Risleten schiesst der Choltalbach in den Vierwaldstättersee: tosend, zischend und wasserspeiend. Während der Schneeschmelze bietet der Wasserfall bei Beckenried ein gewaltiges Naturschauspiel.

Elsbeth Flüeler
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Der Wasserfall in der Risleten ist Teil des Choltalbachs und trägt keinen offiziellen Namen. Dafür ist er umso eindrücklicher. (Bild: Pius Amrein)

Der Wasserfall in der Risleten ist Teil des Choltalbachs und trägt keinen offiziellen Namen. Dafür ist er umso eindrücklicher. (Bild: Pius Amrein)

Drei weisse Wasserstränge schiessen über den Fels. Wild durcheinander, als wollten sie im freien Fall einen Zopf flechten. Täten es vielleicht. Wäre da nicht nach zwanzig Metern der Kolk: ein kreisrundes Becken, dunkelblau, abweisend und kalt. Es fängt das Wasser des Choltalbachs auf – und schickt es gleich weiter, über eine letzte Felsstufe hinunter zum türkisblauen Vierwaldstättersee. Ein ruppiger Bach ist er, dieser Choltalbach, ein Wildbach, der einzige inzwischen in ganz Nidwalden, der weder genutzt noch verbaut ist. Wenn es oben am Niederbauen, Oberbauen und dem Schwalmis donnert und blitzt und er sein Wasser ins Tal schickt, dann überkommt die Emmetter jeweils ein mulmiges Gefühl. Dann hoffen sie, dass der Bach sie und ihre Häuser verschont und dass sein Wasser das Geschiebe mit sich trägt. Durch die wilde Risletenschlucht, bis ganz hinunter zur Risleten am See. Nun, mit der Schneeschmelze, führt der Choltalbach ganz schön viel Wasser. Es tost und zischt in der Risleten. Sogar den Schwimmbagger, der draussen auf dem See Sand, Kies und Geröll schaufelt, vermag der Wasserfall zu übertönen. Das Naturspektakel in der Risleten gefällt auch einer Familie aus Altdorf, der ich auf meiner Wanderung begegne. Der Bub rennt auf den Steg, von wo aus er an die drei Stränge und ins schäumende Wasser blickt – und wieder zurück. Innerhalb von Sekunden legen sich die feinen Wassertropfen auf Haare, Gesicht und Kleider. Auf einer Plattform entlang der linken Felswand steht man im Windschatten. Von hier aus beobachtet der Bub schliesslich das Tosen des Wassers aus sicherer Distanz.

Jeder ganz anders

Wasserfälle wie jener in der Risleten gibt es in den Bergen viele. Aber keiner gleicht dem anderen. Jeder ist ganz eigen: Mal fällt das Wasser in einem Mal, mal fällt es, wie beim Choltalbach, in Kaskaden – in einer Reihe von Wasserfällen hintereinander. Mal bildet der Wasserfall Gischt, die er im weiten Umkreis versprüht, oder er fällt als feiner Strahl herunter. Einige fallen unvermittelt, abrupt, andere eher zögerlich. Ein andermal trifft das Wasser in einem Becken auf, dann wieder zerrinnt es zwischen Felsblöcken. Ab und zu leitet sich aus der Form, wie das Wasser fällt, der Namen des Wasserfalls ab. Bildet er zum Beispiel im einen Fall Gischt, so wird er oft Stäuber genannt. Im Kanton Uri etwa gibt es Stäuber im Isental, im Maderanertal oder am Surenenpass. Am wohl bekanntesten ist der 100 Meter hohe Stäuben bei im Schächental am Klausenpass. Wer diesen imposanten Wasserfall sehen will, erreicht ihn von Unterschächen aus auf einem malerischen Wanderweg in knapp einer Stunde.

Namenloser Wasserfall

Der Wasserfall in der Risleten hingegen trägt keinen Namen. Nur der Ort selber hat einen. Mit «Rislete» nämlich ist die über 30 Meter lange Landzunge gemeint, die der Choltalbach mit seinem Geschiebe über die Jahrtausende angehäuft hatte und die vor gut 40 Jahren vom Schwimmbagger abgetragen worden ist. Für viele Einheimische war dieser Eingriff landschaftlich ein herber Verlust. Für alle aber, welche die Risleten damals nicht kannten, ist der Ort auch heute ein lohnendes Ausflugsziel.

Wanderung Treib–Risleten–Schöneck

Den Wasserfall in der Risleten kann man auf drei Stegen und über 90 Höhenmeter aus direkter Nähe erleben. Auf 640 m ü. M. ist ein erster Steg angebracht. Weitere folgen auf 470 und 440 m ü. M. Der schönste Weg in die Risleten ist jener ab Treib. Man wandert auf schmalen Pfaden über Wiesen und Weiden bis Triglis. Später geht es auf einem Wald- und Wurzelweg bis Follen. Hier nimmt man die Abzweigung rechts hinunter zum See und gelangt nach einer Viertelstunde zum obersten Steg. Der schönste und interessanteste Weg nach Beckenried führt zu diesem obersten Steg zurück und nun hoch über der Schlucht zur Aussichtskanzel Schwandfluh auf 720 m ü. M. Von hier führt der «Philosophenweg» zur Schöneck, wo bis 1983 ein prächtiges Jugendstilhotel stand. Von der Schöneck mit dem Bus nach Beckenried. Möglichkeit zum Picknicken und Baden gibt es in der Risleten, 3 Minuten vom untersten Wasserfall entfernt.
Länge: 8,75 km. Aufstieg: 725 Meter. Abstieg: 475 Meter.
Dauer: 3 Std. 25 Min.