LZ-WEIHNACHTSAKTION: Ein Lawinenunglück rettet ihm das Leben

Der 16-jährige Christof muss miterleben, wie sein Freund bei einem Lawinenunglück stirbt. Er selber wird dabei schwer verletzt. Dann wird im Spital auch noch ein Gehirntumor entdeckt. Eine noch schlimmere Diagnose erhält aber seine Mutter.

Arno Renggli
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Die Familie Walker vor ihrem Hof oberhalb von Gurtnellen (von links): Isabell Walker (48), Christoph (16), Anita (18) , Toni Walker (53). (Bild: Pius Amrein (12. November 2017))

Die Familie Walker vor ihrem Hof oberhalb von Gurtnellen (von links): Isabell Walker (48), Christoph (16), Anita (18) , Toni Walker (53). (Bild: Pius Amrein (12. November 2017))

Arno Renggli

arno.renggli@luzernerzeitung.ch

Fährt man bei Gurtnellen den Hang hin­auf, entkommt man irgendwann der Enge des Tales. Gipfel wie der Bristenstock oder die Windgälle bieten einen imposanten Anblick. Hier oben ist aber auch eine Wetterscheide: Die Sonne scheint oft, doch rasch können Wolken, Wind und Nebel aufziehen.

Genauso rasch hat sich das Leben der Familie Walker verändert, welche oberhalb von Gurtnellen einen Landwirtschaftsbetrieb hat. Das verstreute und strengwerchige Land befindet sich in den Bergzonen 3 und 4. Die Walkers führen hier ein Leben mit deutlich mehr Arbeit als Luxus. Aber es gefällt ihnen so.

Anfang dieses Jahr macht Sohn Christof, ein begeisterter Skifahrer, mit vier Freunden eine Freeride-Tour auf dem Gemsstock. Es ist eine Strecke, welche die fünf schon oft gefahren sind. Doch an diesem Tag löst sich ein Schneebrett. Drei der fünf Jugendlichen, auch Christof, werden erfasst und über 100 Meter felsiges Gelände hinabgeschleudert. Die beiden anderen sehen von oben mit Schrecken, was geschieht. Sie sind dann die Ersten, die bei den Verunglückten eintreffen. Einer der drei ist tot, die beiden anderen schwer verletzt. Bei Christof ist es ein Oberschenkelbruch, wie sich später herausstellen wird. Beide Verletzten werden mit der Rega ins Kantonsspital Luzern überführt.

Ist es doch der eigene Sohn, der gestorben ist?

Toni Walker ist im Stall, als das Telefon läutet. Da er selber viele Jahren im ­Pistenrettungsdienst im Einsatz war, ­erfasst er sofort, was geschehen ist. Der Schock sitzt tief, aber Christof lebt, so sagt er sich immer wieder. Richtig mit der Angst zu tun bekommen es er und seine Frau Isabell aber, als sie im Kinderspital Luzern eintreffen. Der verletzte Kollege sei hier, meldet man ­ihnen, aber von ihrem Sohn weiss niemand etwas. «Das hat uns fast den Boden unter den Füssen weggezogen», erinnert sich Toni Walker. «Wir hatten solche Angst, dass doch Christof das Todesopfer ist.» Dann endlich kommt es jemanden in den Sinn, in der Erwachsenenklinik nachzufragen. Und tatsächlich wurde Christof dort untergebracht, da er über 1,90 Meter gross ist.

Er wird operiert. Und weil man innere Verletzungen befürchtet, muss er in die Röhre. Dort entdeckt man etwas, das man nicht mit dem Unfall in Verbindung bringen kann. Es stellt sich als Gehirntumor von mehreren Zentimetern Grösse heraus. Für Christof bedeutet dies, dass einen Monat nach dem Unfall eine zweite Operation folgt. Indes könnte man sagen, dass der Skiunfall ihm vielleicht das Leben gerettet hat. Denn es ist völlig ungewiss, wann der Tumor ohne diesen Zufall entdeckt worden und ob es dann nicht bereits zu spät für eine erfolgreiche Operation gewesen wäre.

So aber wird Christof wieder gesund, auch wenn es harte Monate für ihn sind. Wochenlang musste er liegen, konnte nicht zur Schule, weshalb er nicht nur den Unterricht, sondern auch die Verarbeitung des Unfalles in seiner Klasse verpasste. Bis heute muss er Medikamente nehmen gegen epileptische Anfälle, welche die Hirnverletzung auslösen kann, was einmal gar passiert ist. Er war oft müde, die erzwungene Untätigkeit beeinträchtigte seine sonst so sportliche Verfassung. Doch inzwischen ist es wieder besser, er treibt wieder Sport, will auch wieder Ski fahren, auch wenn ihn dies zwangsläufig an den Unfall erinnern wird. Und er hat im Sommer erfolgreich eine Lehre als Zimmermann gestartet. Christoph ist jung, das Leben soll nun einfach weitergehen. Doch in der Zwischenzeit hatte sich ein anderer Schatten über die Familie gelegt. Einer mit noch gravierenderen Folgen.

Ein dunkler Fleck und eine schwarze Diagnose

Als Mutter Isabelle Walker Anfang Jahr wieder einmal im Spital ist, um ihren Sohn zu besuchen, wird ihr empfohlen, einen dunklen Fleck auf ihrem Arm genauer untersuchen zu lassen. Hautkrebs, so lautet die niederschmetternde Dia­gnose. Eine erste Operation folgt rasch. Doch bereits sind auch die Lymphknoten betroffen. Eine Bestrahlungstherapie ist nötig. Rund einen Monat später kann die ehemalige Wettkampfskifahrerin kaum mehr atmen, muss eine Lungen-operation über sich ergehen lassen. Mit Hilfe einer Therapie mit Medikamenten hofft man, die Ausbreitung des Krebses zu stoppen. Aber wie es weitergeht, ist bis heute völlig offen, diese Art Krebs gilt als besonders gefährlich: «Die Ärzte haben mich gewarnt: Der Krebs wird immer seinen Weg suchen.»

«Wir sind angefressen von der Landwirtschaft»

Gleich zwei schlimme Diagnosen haben die Familie an die Grenze ihrer Belastbarkeit gebracht. Die ständigen Reisen für Therapien, die oft auch in Luzern stattfinden mussten, der Ausfall von Nebenerwerben, die zeitweilig nötige Hilfe von aussen, all dies hat auch die Finanzen der Familie aus dem Lot gebracht. Die LZ-Weihnachtsaktion hilft mit, diese existenzbedrohende Situation zu überbrücken.

Wie das Wetter oberhalb Gurtnellen bleibt die Zukunft der Familie ungewiss. Aber sie will unbedingt möglichst wie bisher weitermachen: «Wir sind angefressen von unserer Arbeit hier auf dem Hof», sagt Toni Walker. Und seine Frau ergänzt: «Genau dies lenkt mich ab von der Krankheit, die vielseitige Tätigkeit draussen, unsere Tiere, dass man am Abend richtig müde ist und gut schlafen kann.» Und natürlich ist da ihre Familie, zu der auch Tochter Anita (18) gehört. «Sie war gerade in den schwierigsten Zeiten sehr stark», lobt Isabelle Walker. Diese Familie ist ihr wichtigster Rückhalt. Die wichtigste Motivation, der Krankheit und der Ungewissheit zu trotzen. So gut und so lange wie nur möglich.