LZ-WEIHNACHTSAKTION: Sie haben ihre Enkelkinder gerettet

Mit einer schwer belastenden Situation ist ein Luzerner Grosselternpaar konfrontiert: Nachdem ein Enkelkind von ihnen im Ausland umgebracht worden ist, haben sie dessen zwei Geschwister bei sich aufgenommen.

Arno Renggli
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Silvia und Franz S. mit ihren Enkelkindern. Zum Schutz der Familie sind Foto und persönliche Angaben anonymisiert. (Bild: Dominik Wunderli (13. November 2017))

Silvia und Franz S. mit ihren Enkelkindern. Zum Schutz der Familie sind Foto und persönliche Angaben anonymisiert. (Bild: Dominik Wunderli (13. November 2017))

Arno Renggli

arno.renggli@luzernerzeitung.ch

Es ist ein endloses Warten vor dem Geschworenengericht in Texas: Silvia und Franz S. (66 und 69), aus ihrer Heimat im Kanton Luzern angereist und kaum ein Wort Englisch verstehend, warten auf einen Entscheid. Es geht um ihre beiden Enkel. Diese wollen sie mit in die Schweiz nehmen. Um sie zu beschützen.

Ungefähr ein Jahr vorher starb ihr dritter Enkel, ein Kleinkind von drei Monaten. Getötet vom eigenen Vater, dem Partner der Tochter von Silvia und Franz S., die einige Jahre davor in die USA ausgewandert war. Dort hatte sie einen Einheimischen geheiratet und eine Familie gegründet. Die Ehe war bald von Turbulenzen belastet, der Mann hatte ein Suchtproblem, brachte seine Jobs nicht auf die Reihe. Die junge Mutter arbeitete, damit Geld nach Hause kam.

Der Vater wird verhaftet, aber auch die Mutter

Dann geschieht die Katastrophe: Als sie eines Tages von der Arbeit nach Hause kommt, ist das jüngste ihrer drei Kinder tot. Der Kindsvater, völlig weggetreten, wird verhaftet. Dass er der Täter ist, daran bestehen keine Zweifel. Das älteste der Kinder, die fünfjährige Erika, musste die Tat mit ansehen und später als einzige Augenzeugin auch Befragungen über sich ergehen lassen. Mit dem Kindsvater wird auch die Mutter umgehend festgenommen. Der Vorwurf: Verletzung der Aufsichtspflicht, weil sie die Kinder alleine bei deren Vater gelassen hat.

Seit diesem Tag hat sie ihre Kinder nicht mehr wiedergesehen. Während ihr Mann zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden ist, sitzt sie seit über einem Jahr in Untersuchungshaft. Die Kinder werden sofort nach der Tat fremdplatziert. Doch nirgendwo finden sie Ruhe und Zuflucht, innerhalb weniger Monate sind sie bei fünf unterschiedlichen Pflegefamilien, in einem Fall werden sie gar Opfer von Misshandlungen.

Die ganze Zeit über verfolgen die Grosseltern das Geschehen. Dem anfänglichen Schock über den Verlust des Enkels und der Inhaftierung der Tochter folgen monatelange Anspannung und Angst. «Wir haben nicht viel geschlafen in dieser Zeit», sagt Silvia S. Sie versuchen zu helfen, reisen mehrmals in die USA, besuchen die Enkel, ihre Tochter im Gefängnis. Sie sehen sie dort durch eine Trennscheibe, können nur via Telefon mit ihr reden. Was juristisch abläuft, ist schwer zu verstehen. Das US-Justizsystem ist kompliziert und intransparent, verlässliche Informationen sind kaum zu kriegen, Silvia und Franz S. wissen nicht, woran sie sind, wie es weitergehen soll mit ihrer Tochter und den Enkeln. Sie engagieren für viel Geld eine US-Anwältin. Klar ist, dass sie die Kinder, die gesundheitliche Probleme haben, Anzeichen von Verwahrlosung zeigen, aus der unsteten Pflegesituation retten und in die Schweiz mitnehmen müssen. So möchte es auch ihre Tochter.

Sie können die Kinder gleich mitnehmen

Ein Geschworenengericht soll darüber befinden. Und darum sitzen Silvia und Franz S. im Gerichtssaal, warten endlos, können nur rudimentär verstehen, was passiert. Plötzlich geht alles ganz schnell: Das Gericht entscheidet, dass die Kinder mit in die Schweiz dürfen, per sofort. Konkret heisst das: Silvia und Franz S. erstehen zu ihrem bereits gebuchten Rückflug zwei weitere Tickets. Von einem Moment auf den anderen haben sie die Verantwortung für ihre Enkel. Es geht heim.

«Wir waren natürlich sehr glücklich über diesen Entscheid», sagt Franz S. «Aber wir hatten auch Respekt vor dieser Aufgabe. Wir sind ja nicht mehr die Jüngsten.» Auch die Wohnung ist noch nicht parat, als die vier zu Hause ankommen. In aller Eile werden Kinderzimmer eingerichtet, Kleider und ein paar Spielsachen organisiert. Die LZ-Weihnachtsaktion unterstützt die beiden bei nötigen Anschaffungen. Die beiden Kinder brauchen auch sofort ärztliche Betreuung.

Doch die Grosseltern schaffen das alles – für ihre Enkel. Und den beiden geht es inzwischen wieder gut. Das ältere Mädchen geht seit Sommer in den Kindergarten und macht grosse Fortschritte in Schweizerdeutsch. Wie sie die traumatischen Erlebnisse verarbeitet hat, ist noch schwer zu sagen. Aber sie hat bei ihren Grosseltern wieder Liebe und Stabilität gefunden. Ihr jüngerer Bruder hat die damaligen Ereignisse weniger stark mitbekommen. Auch er spricht schon einiges Schweizerdeutsch und nennt seine Grosseltern «Papi» und «Mami».

«Wir wissen nicht, in welcher Verfassung unsere Tochter ist»

Irgendwann, wenn die beiden älter sind, werden sie sich nochmals damit auseinandersetzen müssen, was damals geschah. Vielleicht wird ihnen sogar ihre Mutter davon berichten. Denn Silvia und Franz S. hoffen, dass ihre Tochter nächstes Jahr freigelassen wird. Derzeit ist eine Vereinbarung über ein bestimmtes Strafmass im Gespräch, wonach ein grösserer Teil der Strafe mit der Untersuchungshaft abgesessen wäre. Aber das ist noch nicht im Trockenen, auch hier bleibt die juristische Lage undurchsichtig. Das Hoffen und Bangen geht weiter. Sollte die Tochter nächstes Jahr freikommen, würde sie in die Schweiz zurückkehren und in der Nähe ihrer Eltern wohnen. Wie rasch sie dann wieder Tritt finden und auch für die Kinder mitsorgen kann, ist unsicher. «Wir wissen nicht, in welcher psychischen Verfassung sie dann sein wird», sagt Franz S.

So werden sie wohl noch längere Zeit für ihre beiden Enkel sorgen. Auch wenn es sie viel Kraft kostet: Sie machen es gerne und selbstverständlich. Denn es geht um die Zukunft ihrer Familie.