30 Jahre danach: Die Schweiz ist im Skisport wieder top

Die Schweiz steht erstmals seit 1989 vor dem Gewinn des Nationenklassements im Skiweltcup. Erinnerungen an die Achtzigerjahre, als die Skination mit acht solchen Erfolgen verwöhnt wurde.

Rainer Sommerhalder
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Daniel Yule beim Slalom in Adelboden Mitte Januar.

Daniel Yule beim Slalom in Adelboden Mitte Januar.

Bild: Marco Tacca / AP

Wenn der «eiserne Karl» den Tagesbefehl ausgab, duldete er keinen Widerspruch. Dann hiess es auch für die ultimativen Abfahrer Peter Müller und Franz Heinzer: «Schnallt euch die Slalomskis an!» Eine alpine Kombination stand auf dem Programm. Für den damaligen Cheftrainer der Schweizer Männer die perfekte Gelegenheit, um das Konto im Nationenklassement zu äufnen. Seine Vorgabe an die Fahrer war unmissverständlich: «Jeder, der einen Punkt holen kann, muss diesen Punkt auch holen». Persönliche Vorlieben, zwickende Waden oder die Siegesfeier am Vorabend zählten da wenig.

Es brauchte in der Saison 1980/81 die Denkweise eines Österreichers, damit die Schweiz erstmals seit dem Start zum alpinen Skiweltcup im Jahr 1966 den ersten Platz in der Länderwertung holte. Der heute 80-jährige Karl Frehsner leitete während 17 Jahren mit eiserner Hand die Geschicke des Schweizer Männerteams, in denen sich Charakterköpfe wie Peter Müller, Pirmin Zurbriggen, Franz Heinzer oder Daniel Mahrer auch gegenseitig nichts schenkten, geschweige denn dem sportlichen Erzrivalen aus Österreich.

Für Peter Müller kein Ansporn für eine Topleistung

Alle bisherigen acht Erfolge in der Nationenwertung passierten in der Amtszeit von Frehsner. «Ich habe das zum Thema gemacht», sagt der noch immer in beratener Funktion für Swiss Ski tätige Österreicher. Denn die Einstellung der Rennfahrer war damals nicht anders als heute. «Für den Athleten zählt so etwas nichts. Es sagt dir niemand dafür danke und der Erfolg taucht in keinem Palmarès eines Skifahrers auf», sagt Peter Müller und zeigt damit Verständnis für die distanzierte Haltung der heutigen Skistars gegenüber dem Nationenklassement.

Beat Feuz bezeichnete die Wertung in Wengen als «Weltcup für die Verbandspräsidenten». Und mehr will er auf Nachfrage auch jetzt zu dem für ihn «unwichtigen Thema» nicht sagen. Selbst Wendy Holdener, das freundliche Aushängeschild des Schweizer Frauenteams, meint am Rande der Heimrennen in Crans-Montana: «Gedanken an die Nationenwertung fahren bei einem Rennen nicht mit. Wir betreiben letztlich eine Einzelsportart. Es geht im Wettkampf um mich.»

Peter Müller sagt, es sei eine Wertung für die Medien und den Verband. Das Thema werde aufgebauscht, weil es diesen Sieg seit 30 Jahren nicht mehr gab. «Der einzige Unterschied ist, dass wir im Gegensatz zu den heutigen Abfahrern früher Pech hatten und in den Kombinationen antreten mussten.» Wie entscheidend die kategorische Devise des Trainers für den Ausgang des Nationenklassements tatsächlich sein konnte, darüber weiss Franz Heinzer bestens Bescheid. In der Saison 1987/88 gewann die Schweiz die Wertung am Schluss mit mickrigen vier Punkten Vorsprung auf Österreich. Beim damaligen Weltcupfinale in Saalbach machte ein Parallelslalom den Abschluss. «Alle, die sich irgendwie noch auf den Skis halten konnten, mussten dort antreten», sagt Heinzer.

Franz Heinzers Erinnerungen an seine Slalomfahrten

Auch weil der heute 57-jährige Schwyzer damals im Achtelfinal sensationell den deutschen Slalom-Weltcupsieger Armin Bittner rauswarf und unerwartete Punkte sammelte, behielt die Schweiz den knappen Vorsprung. «Du Hund, du!» habe Bittner im Zielgelände ungläubig zu ihm gesagt. «Das werde ich nie vergessen», sagt Heinzer.

Ansonsten sei es auch für ihn mehr Frust denn Lust gewesen, seinen Teil zum Sieg in der Nationenwertung beizutragen. «Wir wurden fast unter Zwang am Tag nach den Abfahrten die schwierigen Slalomhänge von Wengen und Kitzbühel runtergejagt, um es irgendwie ins Ziel zu schaffen und der Schweiz einige Zusatzpunkte in der Kombination zu sichern», sagt Heinzer. Karl Frehsner habe halt besonderen Wert darauf gelegt. «Als Athlet bist du nur an deiner eigenen Leistung interessiert. Man unterschätzt den Wert dieses Klassements für einen Verband.»

Eine Schweizer Ausnahmeathletin hat die Bedeutung bereits damals erkannt. Vreni Schneider sagt rückblickend, es habe sie mit Stolz erfüllt, auch für die Schweiz Rennen zu gewinnen und dem Verband damit etwas zurückzugeben. Wobei der Glarnerin dieses Unterfangen nie so gut gelang wie in der Saison 1988/89, als es zum bislang letzten Mal einen Nationentriumph zu feiern gab. Alle sieben Slaloms des Winters hat sie gewonnen und vor den beiden Teamkolleginnen Maria Walliser und Michaela Figini überlegen auch den Gesamtweltcup. «Damals hätte die Saison von mir aus bis in den Sommer weitergehen können», sagt sie, «wobei es mir irgendwann nicht mehr recht war, immer Erste zu sein.»

Auch Vreni Schneider erinnert sich an die abschliessenden Parallelslaloms des Weltcupwinters. «Weil es oft wichtig war für die Nationenwertung, durften wir unsere individuellen Erfolge am Vorabend nie richtig feiern. Und wenn wir es doch einmal getan haben, waren wir Schweizer am Morgen trotzdem wieder die ersten am Berg.»

Wird die Nationenwertung für die Schweiz wieder wichtiger?

Schneider und Frehsner sind überzeugt, dass die Bedeutung der Nationenwertung mit dem bevorstehenden Sieg auch für die heutigen Fahrer wieder steigt. Karl Frehsner sagt: «Wenn man als Athlet etwas nie gewinnt, dann hat man die Tendenz, es als nicht so wichtig anzusehen». Erst mit dem Essen komme der Appetit. Peter Müller sieht die Sache nüchterner: «So viel Geld wie die Schweiz in den Skisport steckt, müssten wir die Nationenwertung eigentlich jedes Jahr gewinnen.»

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