NLA-Handball
Besser als die Mutter des Trainers: Wie ein Junior des TV Endingen zu seinem Debüt gegen die grossen Kadetten kam

Leandro Lüthi ist 18 Jahre alt und spielt eigentlich in der U19-Mannschaft Handball. Gegen die grossen Kadetten Schaffhausen gab der junge Kreisläufer unverhofft seinen Einstand für den TV Endingen - und krönte diesen mit einem sensationellen Tor.

Frederic Härri
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Der erste Wurfversuch scheiterte, der zweite sass dann: Erster Einsatz, erstes Tor für Leandro Lüthi.
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Leandro Lüthi kam gegen die Kadetten Schaffhausen unverhofft zum Einsatz.
TVE-Trainer Zoltan Majeri in einem Timeout.
TVE-Topskorer Justin Larouche.
Die Schaffhauser waren offensiv nur schwer zu bändigen.
Leandro Lüthi.
Sven Schafroth (l.) reibt sich im Zweikampf auf.
Noah Grau (r.) kommt zu spät.
Schaffhausens Luka Maros beim Abschluss.
Zähes Ringen in der Verteidigung.
Der verletzte TVE-Kreisläufer Leonard Pejkovic betätigte sich erneut als Kommentator.
Licht an für das Spiel des TV Endingen gegen die Kadetten Schaffhausen.
Justin Larouche trifft über die Mauer hinweg.
Leandro Lüthi.
Justin Larouche.
Auch Youngster Joshua Hitz kam beim TV Endingen zu seinem ersten Saisoneinsatz.
Die Endinger Spieler bedanken sich bei den wenigen Fans in der Halle.
Strecken nach dem Ball: Endingens Simon Huwyler.
TVE-Topskorer Justin Larouche war in der ersten Halbzeit drei Mal erfolgreich.
Endingens Spielmacher Sven Schafroth beim Abschluss.
Der rechte Flügel Oliver Mauron kommt frei zum Wurf.

Der erste Wurfversuch scheiterte, der zweite sass dann: Erster Einsatz, erstes Tor für Leandro Lüthi.

Alexander Wagner

Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, unter den Besten zu sein? Von den Besten zu lernen, sich mit ihnen zu messen, sich zu wehren, vielleicht auch mal einzustecken, ganz bestimmt aber in der Lage zu sein, auszuteilen und nicht klein bei zu geben. Leandro Lüthi hat sich all diese Gedanken bestimmt schon einmal gemacht, bevor er an diesem Samstag die Sportschuhe auf den Hartgummiboden in der GoEasy-Arena gesetzt hat. Bis der grosse Moment kam, an den er sich noch lange erinnern wird.

Doch von vorne. Die Kadetten Schaffhausen, die derzeit besten Vereinshandballer der Schweiz, legen in diesem Auswärtsspiel los, wie man das von ihnen erwarten darf: mit einem irrwitzigen Tempo. Sechs Tore legen sie in den ersten fünf Minuten auf, ohne dass diesen Ausnahmekönnern nur ein einziger Fehlwurf passieren würde. Die gastgebenden Endinger tun das, was sie in solchen Situationen meistens tun: Sie spielen einfach mit.

Auch sie, diese Mannschaft im steten Abstiegskampf, läuft Angriffe in Höchstgeschwindigkeit, sie wirft Tor um Tor, es ist wie im Rausch. Von aussen schaut es ob der schnellen Ballbesitzwechsel zuweilen so aus, als begegneten sich zwei Teams auf Augenhöhe. Und auch die Anzeigetafel, die ja bekanntlich nie lügt, suggeriert das: 11:12 steht es nach einer Viertelstunde. Es ist ein Irrglaube.

Mal wieder «viel zu viele» Gegentore eingefangen

Sechs Treffer liegt der TV Endingen zur Pause in Rückstand, am Ende werden es 16 Tore Unterschied sein. «Viel zu viele», wird TVE-Coach Zoltan Majeri nach den 42 Gegentoren sagen. Das Gleiche hat er schon nach dem Hinspiel gesagt, als man sich 41 Gegentreffer einfing. In der zweiten Halbzeit haben sich die Endinger in den Sog des Tabellenführers ziehen lassen, dem bei weitem auch nicht alles gelingt, der hier aber weiter bedingungslos den Abschluss sucht.

Fiebrig sucht Majeri mittels Timeouts nach Lösungen, um Gegensteuer zu geben in diesem Sturm. Währenddessen macht sich Leandro Lüthi für seinen Einsatz bereit. Er ist 18 Jahre alt und ein 2,05 Meter grosser Kreisläufer. Er spielt in der U19, gegen die Kadetten steht er kurzfristig auf dem Matchblatt des Fanionteams in der NLA. Die Zeit für sein Debüt in der höchsten Handballklasse ist günstig: Der etatmässige Kreisläufer Simon Huwyler ist müde gelaufen, Killian Hirsbrunner, die Nummer zwei auf der Position, hat sich in Halbzeit eins vermutlich unglücklich den Finger gebrochen. Also ist Lüthi dran.

Nach rund 40 Minuten kommt Lüthi ins Spiel. Er stellt sich an den Kreis, er wird rüde gestossen und geschubst. Auf einmal reissen Schweizer Nationalspieler sowie ungarische und deutsche Internationale am Leibchen eines Juniorenspielers. Lüthi aber steckt nicht auf. In der Deckung geht er mutig zur Sache, im Angriff wirft er dem gegnerischen Goalie etwas überhastet auf den Bauch.

Ein traumhafter Treffer zum Einstand

Wenig später gelingt ihm der Premierentreffer dann doch – und was für einer. Lüthi fängt den Ball im Fallen und lässt ihn wie an der Schnur gezogen rückwärts über seine Schulter und die Fingerkuppen hinweg in die linke untere Ecke des Gehäuses gleiten. Ein Traumtor, auf Video festgehalten für die Ewigkeit. «Es hat sich sehr gut angefühlt», sagte Lüthi nach Spielschluss mit der Pragmatik eines Routiniers. Später liess er sich doch noch ein «natürlich geil» für seinen Auftritt entlocken.

Sein Trainer indes hielt höchstens ein verstecktes Lob parat. «Auch meine Mutter kann gegen die Kadetten ein Tor werfen», sagte Majeri zum Einstand seines Schützlings. «Wenn er besser als meine Mutter sein will, muss er weiter hart arbeiten.» Majeri möchte, dass Lüthis Treffer ihm als Motivation dient. «Ich erwarte den nächsten Schritt von Leandro.» Der erste ist ja schon einmal gemacht.

Eine Zusammenfassung des Spiels finden Sie hier.