IMG Academy

«Das ist ein grosses Privileg»: Wie das Aargauer Tennistalent Chelsea Fontenel trotz Coronakrise weitertrainieren kann

Das 15-jährige Tennistalent Chelsea Fontenel aus Wettingen kann trotz Coronakrise in der IMG Academy in Florida weitertrainieren, musste aber über die Ostertage auf den Besuch der Familie verzichten.

Silvan Hartmann
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Trotz Coronakrise: Die 15-jährige Aargauerin Chelsea Fontenel hat im Training der IMG Academy in Florida den Ball im Fokus.

Trotz Coronakrise: Die 15-jährige Aargauerin Chelsea Fontenel hat im Training der IMG Academy in Florida den Ball im Fokus.

ZVG/IMG

Chelsea Fontenel, aufgewachsen in Kaiseraugst und zuletzt wohnhaft in Wettingen, weilt Anfang März an einem Turnier in der Dominikanischen Republik, als es plötzlich ganz schnell geht: Turnierabbruch! Möglichst schnell, so der Rat der Organisatoren vor Ort, sollen alle Spielerinnen abreisen. Einen Tag später sitzt Chelsea Fontenel im Flieger zurück nach Florida. Dort, in Bradenton, unweit der US-Grossstadt Tampa, besucht das 15-jährige Tennistalent seit vergangenem August die renommierte IMG Academy, welche grosse Sporttalente auf dem Weg zum Profi fördert.

Nach Hause gehen? Oder bleiben? Diese Frage stellte sich Chelsea Fontenel, zurück auf dem Campus, auch in den darauffolgenden Wochen. Im Austausch mit ihrer Familie im Aargau verfolgte sie die Entwicklungen des Coronavirus und entschied sich schliesslich für den Verbleib.

«Ich habe das Gefühl, dass es am besten ist, hier zu sein. Ich geniesse viele Freiheiten, kann weiterhin trainieren und Konditionseinheiten absolvieren. Ausserdem werde ich wunderbar versorgt», erzählt sie im Telefongespräch und fügt gut gelaunt an: «Ich denke, das ist ein grosses Privileg. Ich kann mich nicht beschweren.»

Mittlerweile hat der internationale Tennisverband, ITF, weit über 900 Turniere abgesagt. Bis mindestens im Juli ist an Turnieraustragungen nicht zu denken. «Es ist sicher traurig, dass ich keine Turniere spielen kann. Aber ich mache das Beste daraus und sehe es nun als längere Vorbereitungszeit an, bis es wieder losgehen kann. Und bis dann werde ich wiederum noch etwas besser und fitter sein», sagt die 15-Jährige, die in ihrer Altersklasse weltweit zu den 20 besten Tennisspielerinnen gehört.

Dank ihrem ersten ITF-Turniersieg im Herbst in Puerto Rico sowie weiteren starken Resultaten verbesserte sich Chelsea Fontenel zudem im ITF-Junioren-Ranking um über 250 Plätze auf Rang 321 – die Tendenz zeigt weiter nach oben.

Osterbesuch der Familie musste annulliert werden

Auch auf dem Campus hat sich das Leben in der Coronakrise merklich verändert, es läuft der Minimalbetrieb. Wer den Campus, so gross wie ein Dorf, verlässt, der wird derzeit nicht wieder reingelassen. Viele Weggefährten, vor allem Amerikaner, sind trotzdem in ihre Heimat zurückgekehrt. Während normalerweise Hunderte von Studenten den Campus bereichern, treffe man derzeit immer die gleichen Leute an. Social Distancing wird dabei grossgeschrieben, an allen Ecken ist Desinfektionsmittel vorzufinden, erzählt Chelsea. «Es ist viel ruhiger geworden. Aber diejenigen, die hierge­blieben sind, sind näher zusammengerückt. Ich konnte dadurch neue Freundschaften schliessen.»

Die ungewöhnliche Stille auf dem Campus hat Chelsea dazu gebracht, in einer ruhigen Minute auf dem Platz zu singen. «Gemeinsam werden wir das durchstehen – bleibt alle sicher und gesund!», schreibt sie auf Instagram zu ihrem Songvideo. Das Singen ist Chelseas zweite grosse Leidenschaft. Das hat man in der Academy bereits mit Freude zur Kenntnis genommen, sodass sie vor einiger Zeit die Möglichkeit bekam, vor dem IMG-Final des College-Basketballs die US-Hymne vorzutragen.

Unvergessen bleibt auch, wie sie im Rahmen des Showspiels zwischen Roger Federer und Stan Wawrinka vor über fünf Jahren im Zürcher Hallenstadion im Nu die Herzen der (TV-)Zuschauer eroberte. Als 10-Jährige sorgte sie mit einem Tina-Turner-Welthit für Gänsehaut-Atmosphäre.

So gut Chelsea die Krise dank guten Bedingungen meistert, so rigoros hatte das Coronavirus auch ihr und ihrer Familie einen Strich durch die Rechnung gemacht, was sie besonders schmerzt: Über die Ostertage war geplant, dass ihre Familie, Vater Cabie, Mutter Kathleen sowie Bruder Chelton, sie in Florida besucht. Doch dieses Vorhaben musste annulliert werden.

«Ich begann schon, die Tage zu zählen, bis sie hier sind. Es ist dann schon hart, zu akzeptieren, dass sie nicht kommen können. Aber ich habe Verständnis für die Situation und muss mich nun einfach etwas länger gedulden», sagt sie.

Sofern es die Lage zulässt, will Chelsea im Frühsommer ihre Familie in der Schweiz besuchen. Bis dann verfolgt sie weiterhin mit grösster Akribie ihren Traum zum Tennisprofi – und will trotz Krise und Wettkampfpause das Positive sehen: «Es gefällt mir. Ich habe mich hier schon sehr stark weiterentwickelt. Ich bin schneller und stärker geworden und habe ein grösseres Spielverständnis. Ich kann an solchen Situationen nur wachsen.»