FC Wohlen-Serie
Der Beginn eines Märchens: Als der FC Wohlen in die Nationalliga B aufstieg

Der Aufstieg in die Nationalliga B war für den FC Wohlen der Startschuss zu einem 16 Jahre dauernden Abenteuer. Wir blicken im ersten Teil unserer Serie zurück.

Ruedi Kuhn
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Unbändige Freude in der Paul-Walser-Stifung: Die Spieler des FC Wohlen während der Aufstiegsparty im Juni 2002

Unbändige Freude in der Paul-Walser-Stifung: Die Spieler des FC Wohlen während der Aufstiegsparty im Juni 2002

Daniela Zumbrunnen

Ein Zitat Marke René Meier? Bitte schön! «Uns gefällt es zwar in der 1. Liga, aber FCW reimt sich nun mal auf Nationalliga B», sagte der Ehrenpräsident des FC Wohlen im Frühling 2002 mit einem schelmischen Lächeln.

Gut gebrüllt, Löwe! Die locker-flockige Aussage vor den entscheidenden Aufstiegsspielen in die zweithöchste Spielklasse vor knapp 16 Jahren ist typisch für die Unbeschwertheit und das Selbstbewusstsein von Meier. Damals, vor knapp 16 Jahren, gab es für den Macher und Herrscher neben dem Spielfeld kein Halten mehr. Und für die Spieler des FC Wohlen schon gar nicht!

Das Geschehen auf dem Rasen wurde zu einem Spiel ohne Grenzen. Der kleine Dorfklub eilte in der Saison 2001/02 von Erfolg zu Erfolg. Im Kampf um einen Platz in der Nationalliga B räumte man zuerst Colombier (4:1, 2:2) aus dem Weg. Das war die Pflicht. Die Kür folgte in der entscheidenden Dreierpoule gegen YF Juventus und den FC Schaffhausen, in der zwei der drei Teams den Aufstieg schafften.

16 Jahre FC Wohlen im Spitzenfussball

Am 8. Juni 2002 stieg der FC Wohlen in die damalige Nationalliga B/heutige Challenge League auf und verteidigte seinen Platz in der zweithöchsten Spielklasse während 16 Jahren. Finanzielle und infrastrukturelle Probleme führen dazu, dass die Freiämter im Frühling freiwillig absteigen. In einer 17-teiligen Serie bis Ende Mai blicken wir auf die Aufstiegsspiele und die folgenden 16 Saisons zurück.

«Gefühlt wie Profis»

Die erste Partie im Stadion Buchlern in Altstetten vor 1200 Zuschauern wurde zum Nervenkitzel. YF Juventus spielte Wohlen in der ersten halben Stunde beinahe schwindelig. Die 1:0-Führung der Zürcher war hochverdient. Der Aussenseiter aus dem Aargau wehrte sich mit Händen und Füssen, kam aber kaum aus der eigenen Platzhälfte heraus.

Kurz vor der Pause traf Zoran Jovanovic aus dem Nichts heraus zum 1:1. Das war der Knackpunkt. Das Geschehen glich sich aus. Und als Francesco Nucera in der Nachspielzeit zum 2:1 traf, schwebte Wohlen auf Wolke sieben.

Für Captain Flavio Castaldi, Claudio Patusi, Francesco Sessa und Remo Di Jorio war der Sieg besonders emotional, hatten sie doch alle eine Vergangenheit bei YF Juventus. Sie wurden zu kleinen Helden. Aber nicht nur sie! Gefeiert wurden auch die Einheimischen Franz Schmid, Alessio Passerini, Gerardo und Carmine Viceconte.

Nach diesem Erfolg reichte dem FC Wohlen im Heimspiel gegen den FC Schaffhausen ein Unentschieden zum Aufstieg. Am Samstag, 8. Juni 2002, setzte der FC Wohlen in der entscheidenden Partie gegen die Nordostschweizer das Tüpfelchen aufs i.

Martin Rueda, der Baumeister des sensationellen Wohlen-Aufstiegs in den Profifussball

Martin Rueda, der Baumeister des sensationellen Wohlen-Aufstiegs in den Profifussball

Freshfocus

Vor dem Spiel der Wahrheit bereitete sich die Mannschaft im Hotel Freiämterhof, also unweit vom Stadion Paul-Walser-Stiftung vor. «Wir fühlten uns an diesem Tag wie Profis», blickt Passerini zurück.

«Und wir wurden wie Profis behandelt. Der FC Wohlen war vor sechzehn Jahren auf und neben dem Spielfeld spitze. Sportlich und gesellschaftlich! Die Atmosphäre war einzigartig. Das ganze Dorf stand hinter uns. Damals gab es keine Gruppenbildung. Alle zogen am gleichen Strick.»

Der Triumph hatte einen Namen

Dann folgte der Anpfiff zum Spiel um Sein oder Nichtsein: 2300 Zuschauer begleiteten den FC Wohlen auf dem Weg in die Nationalliga B. Drei Tage nach dem Sieg gegen YF Juventus wurde die Partie von der Taktik geprägt. Der Heimklub begnügte sich damit, das Geschehen zu kontrollieren, und hatte Schaffhausen nach einer hektischen Startphase im Griff.

Das logische 0:0 war für die Freiämter das 18. Spiel in Serie ohne Niederlage. Der Aufstieg war Tatsache. Trainer, Spieler, Funktionäre und Fans machten die Nacht zum Tag, die Paul-Walser-Stiftung zum Tollhaus. Kurz vor Mitternacht wurde Schmid zum Fussball-Gott gekrönt.

Das waren die Aufstiegshelden

Torhüter
Claudio Patusi, Thomas Meier.

Verteidiger
Martin Rueda (Spielertrainer), Alessio Passerini, Francesco Sessa, Vladimir Martinovic.

Mittelfeldspieler
Flavio Castaldi (Captain), Luca Sessa, Zoran Jovanovic, Andrea Del Sole, Gerardo Viceconte, Remo Di Jorio, Francesco Nucera.

Stürmer
Carmine Viceconte, Zeno Schönmann, Pascal Hiltbrand, Dino Schmidt.

«Das war das grösste Spiel meiner Laufbahn», erklärt er. «Ich kann meine Gefühle von damals nicht beschreiben und war einfach stolz, dass der kleine FC Wohlen im Schweizer Spitzenfussball angekommen war und eine wichtige Rolle spielte.»

Der Aufstieg des FC Wohlen war ein Erfolg des Kollektivs. Der Star war die Mannschaft. Und dennoch hatte der Triumph einen Namen: Martin Rueda! Nach dem überraschenden Abgang als Trainer beim FC Winterthur trotz Qualifikation für die Aufstiegsrunde zur Nationalliga A kehrte Rueda auf die Rückrunde der Saison 2000/01 als Spieler zu den Freiämtern zurück.

Zu Beginn der Saison 2001/02 übernahm er auch das Traineramt. Unter seiner Führung führte der Weg steil nach oben. Er war dafür verantwortlich, dass im Rausch aus einem durchschnittlichen ein fast unschlagbares Team wurde.

Der sportliche Höhenflug des FC Wohlen und die Ära Rueda ging mit dem Aufstieg im Sommer 2002 weiter. Es war erst der Anfang. Rueda blieb bis 2004 und wechselte dann für kurze Zeit zum FC Aarau. Am 1. Juli 2007 kehrte er zurück. 2010 führte Ruedas Weg nach Lausanne.

Mehr als 400 000 Franken Schulden

Für den sportlichen Erfolg in der Saison 2001/02 zahlte der FC Wohlen einen hohen Preis: Kurz nach dem Aufstieg machte die Schlagzeile «Finanznot beim FCW» die Runde. Die Freiämter waren in der Winterpause 2001/02 zahlungsunfähig. Der Schuldenberg des FC Wohlen betrug mehr als 400000 Franken.

Der Grund: Der Klub wurde zum Opfer seiner Erfolge. Der sportliche Höhenflug führte zu infrastrukturellen, administrativen und personellen Anpassungen, die viel Geld kosteten. Kam hinzu, dass das Budget für die erste Mannschaft von Jahr zu Jahr höher wurde und die Prämien für die Spieler die budgetierten Beträge weit überschritten.

Der FC Wohlen stand vor dem finanziellen Kollaps. Hätten René Meier und Hans Hübscher keine Sammelaktion gestartet, wäre der Konkurs unvermeidlich gewesen. Private Darlehen und Beiträge von Donatoren und Supportern führten schliesslich zur Rettung.

Als Konsequenz des Sanierungsfalls wurde das Sponsoring-Konzept überarbeitet. Man bildete zudem einen Finanzausschuss mit René Meier, Lucien Tschachtli und dem damaligen Präsidenten Andy Wyder. Sie kontrollierten die Trainer- und Spielerlöhne und Prämien.

Trotzdem kämpfte der FC Wohlen in den folgenden Jahren immer wieder mit Liquiditätsproblemen. Das fehlende Geld, strengere Auflagen der Swiss Football League und Probleme mit der Infrastruktur im Stadion Niedermatten führten am 3. Januar 2018 zum freiwilligen Abstieg aus der Challenge League.

Und zu guter Letzt kam er am 1. Juli 2015 erneut zum FC Wohlen, bevor er am 30. September den finanziellen Verlockungen des FC Wil erlag. Und der FC Wohlen? Er marschierte weiter. Immer weiter.

Wer hätte gedacht, dass die Mannschaft 2012 trotz der Reduktion der Challenge League von 16 auf 10 Teams den Ligaerhalt schafft? Wer hätte gedacht, dass die Mannschaft in der Saison 2014/15 sogar mit dem Aufstieg in die Super League flirtet? 16 Jahre nach dem Aufstieg endet das Märchen. Ohne Happy End.

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