NLA-Derby

Ein Klassiker unter Corona-Vorzeichen: Was Endingen und Suhr Aarau vor dem Aargauer Handball-Derby beschäftigt

Das Aargauer Derby ist für den TV Endingen und den HSC Suhr Aarau auch in normalen Zeiten kein Spiel wie jedes andere. Wegen der Corona-Pandemie sind die Vorzeichen noch einmal spezieller. Von Schutzmasken, QR-Codes und Minuskulisse: Diese Dinge beschäftigen die beiden Vereine auch neben der Platte.

Dean Fuss, Frederic Härri
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Im ersten NLA-Derby in dieser Saison setzten sich Patrick Strebel (r.) und sein HSC deutlich gegen die Endinger um Yannick Mühlebach (l.) durch.

Im ersten NLA-Derby in dieser Saison setzten sich Patrick Strebel (r.) und sein HSC deutlich gegen die Endinger um Yannick Mühlebach (l.) durch.

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Nach der zweiwöchigen Nationalmannschaftspause steht für die Aargauer Handballfans mit dem NLA-Kantonsderby gleich ein Leckerbissen auf dem Programm. Der TV Endingen und der HSC Suhr Aarau messen sich heute Abend (Anpfiff: 20 Uhr) zum zweiten Mal in der laufenden Saison. Die Surbtaler sind bereits am vergangenen Sonntag mit dem Nachholspiel in St. Gallen gegen St. Otmar (28:35) wieder in den Spielbetrieb zurückgekehrt. Derweil ist der HSC seit der 24:31-Heimniederlage gegen denselben Gegner vor zweieinhalb Wochen spielfrei. Im Vorfeld des Aargauer Derbys in der GoEasy-Arena in Siggenthal Station dominieren bei den beiden Kantonsrivalen neben dem Handball coronabedingt vor allem auch Themen abseits der Platte.

1 Weniger Spielverschiebungen als im Eishockey oder Fussball

Das Coronavirus an und für sich ist auch in der Handballszene weiterhin das unbestrittene Thema Nummer 1. Zwar war der Meisterschaftsbetrieb in der NLA bisher noch nicht dermassen stark betroffen, wie etwa derjenige in den beiden höchsten Fussball- und Eishockeyligen des Landes, aber auch im Handball mussten seit Mitte Oktober mehrere Partien verschoben werden. Beim ersten Fall in der NLA mitinvolviert war Mitte Oktober der TV Endingen, dessen komplettes Team nach dem 25:23-Sieg gegen GC Amicitia wegen eines positiven Tests in den Reihen der Zürcher in Quarantäne musste.

2 Quarantäne-Einzelfälle während der Nationalmannschaftspause

Während der vergangenen zweieinhalb Wochen kam es im Team von Suhr Aarau zu Quarantäne-Einzelfällen beziehungsweise vorsichtshalber selbst auferlegten Selbstisolationen. Dies, weil es im persönlichen Umfeld der Betroffenen zu indirekten Kontakten mit später positiv auf das Coronavirus getesteten Personen gekommen war. Bei Endingen gab es keine solchen Fälle.

Diese Einzelfälle, die allesamt abgehakt sind, hätten allerdings keinen Einfluss auf den Spielbetrieb. Sie würden behandelt werden wie verletzungsbedingte Absenzen. Eine Spielverschiebung ist gemäss Weisung der Liga grundsätzlich erst dann vorgesehen, wenn mehr als fünf Spieler coronabedingt – das umfasst sowohl positiv getestete als auch in Quarantäne versetzte Spieler – nicht zur Verfügung stehen.

3 Auf der Bank muss jeder Schutzmaske tragen – ausser den Trainern

Im Zuge der bundesrätlichen Coronaverordnung von Ende Oktober hat der Schweizerische Handballverband ein verschärftes und für die zehn NLA-Vereine verbindliches Schutzkonzept erarbeitet. Eine der wichtigsten Neuerungen ist die Einführung von Schnelltests. Vor jedem Spiel müssen sich Spieler wie Betreuer beider Mannschaften auf Covid-19 testen lassen. Die insgesamt 4000 Schnelltests, die bis zum Abschluss der Hauptrunde reichen sollten, konnte der Verband gerade noch rechtzeitig auf die Fortsetzung der Meisterschaft nach der Nationalmannschaftspause organisieren.

Weiter sieht das Schutzkonzept vor, dass Mannschaftsbetreuer und Spieler (auf der Auswechselbank) grundsätzlich Schutzmaske zu tragen haben. Eine davon ausgenommen sind die Trainer: Für sie gilt während der gesamten Spieldauer keine Maskenpflicht. Um unnötigen Körperkontakt zu vermeiden, verzichten die Teams auf das sonst obligate Shakehands vor dem Spiel. Stattdessen soll der Gegner mit einem «Handheben» begrüsst werden, wie im Schutzkonzept vermerkt wird.

Gerade dank der noch einmal verschärften Schutzkonzepte haben sich die Entscheidungsträger aller NLA-Teams bei einer Telefonkonferenz Ende Oktober gemeinsam mit der Liga darauf geeinigt, dass – zumindest vorerst – keine Modusanpassung notwendig ist. Demnach wird an der Dreifachrunde mit je 27 Hauptrundenspielen vor den Playoffs beziehungsweise Playouts festgehalten.

4 Nur noch 50 Zuschauer zugelassen – wer darf live vor Ort mit dabei sein?

Exklusive Medienvertreter dürfen die NLA-Vereine seit Inkrafttreten der neuen Verordnung des Bundes nur noch 50 Zuschauerinnen und Zuschauer für ihre Partien in die Hallen lassen. Einerseits schmerzt das in finanzieller Hinsicht, andererseits tut das der sonst so guten und frenetischen Stimmung – gerade in der GoEasy-Arena und der Schachenhalle – einen enormen Abbruch.

Und nicht zuletzt stellt die Regelung die Vereinsverantwortlichen vor schwierige Entscheidungen. Der TVE teilt sein Kontingent heute Abend auf seine Sponsoren (20 Plätze), die Gönner (15) und den Fanklub (15) auf. Gästefans sind keine zugelassen. Der HSC verfährt bei seinen Heimspielen nach einem ähnlichen Prinzip und verlost die Eintritte nach fixen Kontingenten unter den Saisonabonnenten, Sponsoren und Partnern.

5 Ausbau der Livestreams und des Onlineangebots rund um die Spiele

Wenn schon mehrheitlich ohne Zuschauer, dann wollen die NLA-Klubs ihren Fans immerhin online etwas bieten. So wurde beschlossen, dass jeweils der Gastgeber dafür zu sorgen hat, dass die entsprechende Liveübertragung kommentiert wird. Beim TV Endingen übernimmt im heutigen Derby das Kommentatorenduo Michael Spuler, Vereinsmitglied, und Matthias Schlageter, Liga-Medienverantwortlicher, diese Aufgabe. Das Kamerakontingent in der Halle wurde zudem von zwei auf vier Kameras aufgestockt.

Ohnehin zeigen sich die Endinger seit einigen Wochen innovativ, was den Ausbau ihres Onlineauftritts betrifft. So werden etwa vor und nach dem Spiel sowie in der Pause Live-Interviews mit Spielern und Verantwortlichen geführt. Neu hat der Verein auch den Hashtag «#tvendingenfan» kreiert. Auf Facebook und Twitter können Zuschauer während der Partie Kommentare und Fragen posten, die von den Kommentatoren aufgegriffen und live beantwortet werden. Unter dem Hashtag können Fans auch Bilder von sich hochladen, wie sie zu Hause den Match verfolgen.

Der beste Beitrag wird vom Verein mit einem kostenlosen Nachtessen im «Grand Casino Baden» belohnt. Ausserdem wird bei Heimspielen des TVE während der Liveübertragung ab sofort ein QR-Code eingeblendet. Zuschauer können mit dem «Solidaritätsticket» ein paar Franken an den Verein spenden – so viel, wie sie eben zu zahlen bereit sind. Beim Klub sucht man in Zeiten, in denen Erlöse durch Ticketing und Catering ausfallen, nach neuen Einnahmemöglichkeiten.

Auch der HSC Suhr Aarau baut sein Onlineangebot massiv aus. Weil das nächste Heimspiel in der Schachenhalle mit der Partie gegen den BSV Bern allerdings erst in anderthalb Wochen ansteht, sind die Details noch offen. Eines steht indes bereits jetzt fest: Die Livestreams von den HSC-Heimspielen werden von Edelfan Roli Marti kommentiert. Der Ausbau der Online-Begleitung der Partien hat bei beiden Vereinen ein Hauptziel: Den Sponsoren soll weiterhin eine grosse Sichtbarkeit gewährleistet werden können.

6 Die wirtschaftliche Unsicherheit erschwert die sportliche Planung

In der derzeitigen Lage ist es für die NLA-Klubs nicht gerade leicht, die sportlichen Ambitionen hochzuhängen. Vordergründig stehen das wirtschaftliche Überleben und die damit verbundene Hintergrundarbeit im Zentrum. Das ist auch beim HSC Suhr Aarau so. Gleich sieben Verträge laufen zum Ende dieser Saison aus. Was tun? Verlängern? Abwarten? Angesichts der unsicheren Lage ist es derzeit herausfordernder als sonst schon, abzuschätzen, was finanziell in der nächsten Spielzeit möglich sein wird.

Auch der TV Endingen ist mit Blick auf die Zukunftsplanung darauf angewiesen, auslaufende Verträge möglichst zeitnah zu verlängern. Eine gewisse Flexibilität geniessen die Endinger aber aufgrund ihrer sportlichen Realität als «Liftmannschaft»: Jahr für Jahr kämpft das Team zuletzt entweder um den Aufstieg in die NLA oder gegen den Abstieg in die NLB. Deshalb sind sich die Surbtaler ein gewisses Mass an Planungsunsicherheit gewöhnt.

7 Aussenseiter gegen Favorit: Die Rollen sind klar verteilt

Im ersten Aargauer Kantonsderby der Saison Anfang September hatte der TV Endingen bis zur Pause mithalten können, das Endresultat fiel mit 31:24 zu Gunsten des HSC Suhr Aarau letztlich deutlich aus. Seit dem letzten Sieg der Surbtaler gegen den Kantonsrivalen sind mittlerweile 2405 Tage vergangen. 30:29 triumphierte der TVE am 12. April 2014 im Duell der beiden damaligen NLB-Vereine.

Hier der Aussenseiter TVE, da der Favorit HSC. Die Rollen sind vor dem zweiten Derby der Saison klar verteilt – zu deutlich sind die Unterschiede zwischen den beiden Vereinen hinsichtlich Budget, Kader und Ambitionen. Und doch behält das Derby seinen Reiz: Vielleicht gelingt den Endingern, bei denen der auf diese Saison hin neu zum Team gestossene Kanadier Justin Larouche nach anfänglichen Anpassungsschwierigkeiten immer besser in Fahrt kommt, ja die Überraschung.

Beim HSC gibt Rückraumspieler Sergio Muggli heute nach rund einmonatiger Verletzungspause (Schulter) sein Comeback. Damit tritt die Mannschaft von HSC-Trainer Misha Kaufmann in Vollbesetzung an. Derweil ist beim TVE der angeschlagene Christian Riechsteiner zumindest fraglich. Auf den langzeitverletzten Leonard Pejkovic (Wiederaufbau nach Schulterverletzung) muss Trainer Zoltan Majeri weiterhin verzichten.