FC-Wohlen-Goalie
Kiassumbua: Weltmeister, arbeitslos – und bald in der Super League?

Als U17-Weltmeister steigt er 2009 mit Granit Xhaka und Ricardo Rodriguez in den Fussball-Himmel auf – dann geht es nur noch bergab. Nun kämpft sich Joel Kiassumbua Schritt für Schritt zurück auf die grosse Fussballbühne. Eine verrückte Geschichte.

Alex Dutler
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Zwischenzeitlich musste der gebürtige Kongolese mit Modeln sein Geld verdienen.
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Der FC Wohlen setzt wieder auf Kiassumbua.
Kiassumbua hat sich gegen seinen Konkurrenten auf der Goalie-Position Flamur Tahiraj durchgesetzt.
Joel Kiassumbua, FC Wohlen, Challenge League
Joel Kiassumbua brauchte seinen Ehrgeiz, um wieder erfolgreicher zu werden.
Kiassumbua hat Wohlen schon so manchen Punkt gerettet. Hier gegen Servette im Stade de Genève.

Zwischenzeitlich musste der gebürtige Kongolese mit Modeln sein Geld verdienen.

Zur Verfügung gestellt

Xhaka, Rodriguez, Seferovic? Bis im Herbst 2009 sind diese Namen hierzulande noch gänzlich unbekannt. Als sich die U17-Nati von Coach Dani Ryser vor fünfeinhalb Jahren auf den Weg zum WM-Abenteuer in Nigeria macht, sind die dicken Fische von heute noch kleine Kaulquappen im grossen Fussballteich.

Sieben Spiele und sieben Siege später kehren die Jungspunde als Weltmeister zurück. Spätestens mit dem heldenhaften 1:0 im Final gegen Gastgeber Nigeria hat die coole Secondo-Truppe alle Herzen im Sturm erobert. Aus den hoffnungsvollen No-Names sind in der Schweiz auf einen Schlag die «Giganten» geworden.

Nach dem Helden-Empfang am Flughafen Zürich folgt ein Parcours, der sich den Spielern für ein ganzes Leben ins Gedächtnis brennt. Ueli Maurer und Pascale Bruderer hofieren die Weltmeister im Bundeshaus, Ehrenbürgermedaillen werden verliehen, Werbespots gedreht. Derweil verwandeln kreischende Mädchen so manche Shopping-Mall in ein Krisengebiet, sobald Mitglieder der aufstrebenden Fussball-Boygroup zur Autogrammstunde bitten.

Was stellt so viel schneller Ruhm mit einem jungen Menschen an? Joel Kiassumbua, Goalie Nummer 2 der Weltmeister-Truppe, erinnert sich auch heute noch gerne an den sportlichen Grosserfolg.

Doch auf den Wirbel nach der Rückkehr blickt der 23-Jährige mittlerweile kritisch zurück: «Wir waren auf einen Schlag berühmt. Es war nicht einfach, damit umzugehen. Auf einmal hast du tausend Kollegen und alle wollen etwas von dir. Mit 17 Jahren kann man das noch nicht einschätzen. Ich gebe zu, ich bin damals abgehoben. Man merkt es nicht, aber durch den ganzen Trubel verliert man den Bezug zur Realität. Man meint, man sei als Weltmeister jetzt der grosse Chef.»

Eine Bank im Tor von Wohlen

Heute steht der Sohn einer Schweizer Mutter und eines kongolesischen Vaters beim FC Wohlen zwischen den Pfosten. Mit dem Überraschungsteam der Challenge League mischt er unter Trainer Ciriaco Sforza auch acht Spieltage vor Schluss noch immer um den Aufstieg mit.

In seiner ersten Saison als Stammgoalie verzeichnet der 1,90m-Mann beeindruckende Statistiken: In bisher 25 Einsätzen kassiert er durchschnittlich nur 0,96 Tore pro Spiel und bleibt zwölf Mal ohne Gegentreffer.

Im Gegensatz zu anderen Weltmeister-Kollegen nimmt sich diese Visitenkarte noch bescheiden aus. Ricardo Rodriguez und Granit Xhaka etwa werden mittlerweile von Grossklubs aus halb Europa gejagt. Doch Kiassumbua hat bereits zu viel erlebt, um sich von solchen Vergleichen aus der Ruhe bringen zu lassen: «Mein Ziel ist klar, mich in der Super League oder im Ausland zu etablieren. Ich bin ambitioniert, das war schon immer so. Wenn ich weiter Gas gebe, dann werden sich Türen öffnen. Sei es mit Wohlen in der Super League oder bei einem anderen Verein. Durch meine Vergangenheit habe ich gelernt, dass ich Tag für Tag nehmen und jetzt erst einmal schätzen muss, was ich hier und heute habe.»

Plötzlich geht es nur noch bergab
Diese Vergangenheit beginnt nach dem Weltmeistertitel und kennt lange nur eine Richtung: Abwärts. Erst wird Kiassumbua beim Premier-League-Klub Stoke City zum zweiwöchigen Probetraining eingeladen, doch der Transfer scheitert an der fälligen Ausbildungsentschädigung von 250'000 Franken für den FC Luzern. Dort verspricht man ihm nach dem Weltmeistertitel einen Platz im Kader der 1. Mannschaft, lässt ihn dann aber doch fallen und leiht ihn im Winter nach Kriens aus. Als sein Vertrag im Sommer 2011 ausläuft, melden sich die Luzerner einfach nicht mehr.

Dann signalisieren die Grasshoppers Interesse. Um die Ausbildungsentschädigung zu umgehen, soll Kiassumbua erst zum Partnerklub FC Rapperswil-Jona in die 1. Liga wechseln und eine Saison später zu GC stossen.

So clever dieser Plan auch klingt, für Kiassumbua wird er zum Albtraum. In fünf Partien für Rapperswil-Jona kassiert er 13 Gegentore und macht dabei oft keine gute Figur. Da er immer noch in Emmenbrücke bei seinen Eltern wohnt, macht ihm vor allem die logistische Herausforderung zu schaffen.

Der U17-Weltmeister erinnert sich: «Ich bin morgens um halb fünf aufgestanden, um mit dem Zug auf den GC-Campus zu fahren und mit den Junioren das Goalie-Training zu absolvieren. Dann musste ich in Zürich durch den Tag kommen, um abends dann mit Rapperswil zu trainieren. Gegen 23 Uhr war ich wieder zuhause. Das war ein Schock, ich war immer geregelte Tagesabläufe und gute Strukturen gewöhnt. Es hat mich ausgelaugt, ich ging mental und physisch kaputt. Irgendwann musste ich sagen: Ich mache viel, aber das geht nicht.»

Der Tiefpunkt ist noch nicht erreicht

Kiassumbua zieht die Notbremse und bittet bereits nach fünf Monaten in Rapperswil um die Auflösung seines Vertrags. Er weiss nicht, dass ihm der Tiefpunkt seiner Odyssee erst noch bevorsteht – und bleibt optimistisch: «Ich war mir sicher, dass sich etwas ergeben würde. Immerhin war ich Weltmeister und Teil eines besonderen Jahrgangs. Aber ich musste bald merken, dass es schwierig wird. Irgendwann kamen sogar Zweitligsten auf mich zu, das hat schon an meinem Stolz gekratzt. Auch vom Verband konnte ich auf keine Hilfe zählen. Ich habe mich nie so tief unten gesehen, ich hatte doch nicht umsonst alle Junioren-Natis durchlaufen.»

Die folgenden acht Monate ist Joel Kiassumbua arbeitslos. Er löst ein Abo im Fitnesscenter und arbeitet täglich einsam an seiner Form. Später findet er bei Winterthur und dem FC Emmenbrücke Trainings-Asyl. Derweil starten die U17-Kumpels Xhaka, Rodriguez und Co. erst richtig durch. Der Goalie erinnert sich: «Das sind alles gute Kollegen, ich habe ihnen den Erfolg natürlich von Herzen gegönnt. Aber man beobachtet das natürlich und denkt: ‹Hey, du gehörst eigentlich auch zu denen! Was läuft da schief?›»

«Ich habe angefangen, an mir selbst zu zweifeln»
Dem ehemals umjubelten Weltmeister bleibt in dieser Phase viel Zeit für Grübeleien: «Ich habe angefangen, an mir selbst zu zweifeln und mich intensiv zu hinterfragen. Mir wurde bewusst, dass ich viel disziplinierter werden muss, um den nächsten Schritt zu packen. Die Wahrheit ist: Ich habe von Gott viel Talent in die Wiege gelegt bekommen. Ich musste nie viel machen und hatte trotzdem immer Erfolg. Doch irgendwann reicht das nicht mehr. Dann wirst du von Leuten mit weniger Talent rechts überholt, weil sie einfach härter dafür arbeiten.»

Neben der Unterstützung seiner Familie schöpft Kiassumbua in dieser Phase auch Kraft aus seinem Glauben: «Ich bin evangelisch und Mitglied einer Freikirche. Meine Beziehung zu Gott ist sehr eng. Ich bete täglich und lese in der Bibel. Dank Gott blieb mir immer ein Funken Hoffnung und ich habe nie aufgegeben.»

In Wohlen zurück zur Nummer 1 gekämpft
Seine Erlösung kommt im September 2012 aber in irdischer Form. David Sesa lädt ihn zum Probetraining nach Wohlen ein. Nach einer Woche steht der Vertrag und Joel Kiassumbua wird dritter Goalie bei den Freiämtern. Nachdem er zwischenzeitlich auch als Model gejobbt hat, konzentriert er sich nun wieder voll auf den Fussball und arbeitet sich in der Mannschaftshierachie beharrlich hoch.

Im vergangenen Sommer macht ihn Ciriaco Sforza schliesslich zu seiner neuen Nummer 1. Kein Wunder, dass der Keeper nur lobende Worte für seinen Trainer übrig hat: «Die Entwicklung der Mannschaft ist hauptsächlich Ciri zu verdanken. Er hat als Spieler fast alles gewonnen, man blickt zu ihm hoch. Er setzt auf Junge und pusht uns bis zum Maximum. Das ist seine Philosophie – und ein riesiger Glücksfall für mich. Als Goalie und Person bin ich auf dieses Vertrauen angewiesen. Es ermöglicht mir erst, diese Leistungen abzurufen.»

Jetzt rufen sogar die Leoparden
Kiassumbuas starke Leistungen bringen ihn auch in seiner zweiten Heimat Kongo auf den Radar. Im vergangenen März erhält er sein erstes Aufgebot für die Nationalmannschaft. Ein Freudentag für den Keeper: «Vor anderthalb Monaten wurden sie Dritter beim Afrika-Cup. Da habe ich noch vor dem Fernseher mitgefiebert – und plötzlich ruft mich der Trainer persönlich an. Ich habe geweint vor Freude. Es war sehr emotional und ein riesiger Motivationsschub für mich.» Die grosse Goalie-Konkurrenz in der Schweiz erleichtert Kiassumbua die Entscheidung: «Ich bin einfach realistisch. Wir haben mit Sommer, Bürki, Hitz und Mvogo gerade vier sehr starke junge Goalies. Deshalb sehe ich meine Chancen eher im Kongo.»

Und so gibt Joel Kiassumbua am 31. März in Dubai beim 0:1 gegen den Irak sein Debüt für die Leoparden und zeigt sich besonders von der afrikanischen Mentalität beeindruckt: «Es ist einfach eine ganz andere Einstellung, die Lebensfreude hat einen viel höheren Stellenwert. Vor dem Spiel haben wir im Car gesungen, so etwas habe ich in der Schweiz noch nie erlebt. In diesem Ambiente habe ich gefühlt, dass ein Teil von mir aus dieser Kultur stammt.»

Es ist eine Erfahrung, die der junge Keeper erst durch den Fussball machen kann, denn er hat seine zweite Heimat bisher noch nie besucht. Im Juni ist es wohl erstmals soweit – Kiassumbua hat als einziger Goalie in Kongos Nati auch im Klub einen Stammplatz und rechnet sich deshalb auch zukünftig gute Chancen aus.

Die Aussicht auf einen Besuch im Kongo lässt sein Herz höher schlagen: «Das ist eine Nation von 80 Millionen Menschen, die Hauptstadt hat mehr Einwohner als die gesamte Schweiz. Und als zweifacher Afrika-Cup-Sieger und erster afrikanischer WM-Teilnehmer ist das ganze Land fussballverrückt. Ich darf diese Seite meiner Wurzeln nun durch den Sportentdecken. Dabei wird mir unglaublich viel Wärme und Enthusiasmus entgegengebracht, das ist einfach fantastisch.»

So erobert sich Joel Kiassumbua nun doch noch Schritt für Schritt jenen Platz im Fussballgeschäft, den er als 17-Jähriger schon auf sicher glaubte. Manchmal kommen eben auch Weltmeister erst auf Umwegen zum Ziel.

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