FC Aarau

Peralta kann nach Verletzungsschock schon wieder lachen: «Ich werde auch dieses Mal zurückkehren»

Karriereende? Wechsel ins normale Berufsleben? Für den 22-jährigen Miguel Peralta auch nach der fünften schweren Knieverletzung keine Option. Er erzählt, warum er nie und nimmer mit der schlimmen Diagnose «Kreuzbandriss» rechnete und warum die Chancen auf die Rückkehr gut sind.

Sebastian Wendel
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FCA-Profi Miguel Peralta lässt sich nicht unterkriegen.

FCA-Profi Miguel Peralta lässt sich nicht unterkriegen.

Mario Heller

So sicher war er sich noch nie. Da sind zwar die Schmerzen im rechten Knie, wegen denen er kaum auftreten kann. Aber eine schlimme Verletzung? Die nächste Hiobsbotschaft? Nein, auf keinen Fall. Eine leichte Entzündung vielleicht, mehr ist da ganz sicher nicht. Völlig entspannt fährt Miguel Peralta am Montag nach Rheinfelden. In der Praxis von FCA-Mannschaftsarzt Hennig Ott will er sich kurz untersuchen lassen, mit den Gedanken ist er bereits im nächsten Training tags darauf.

Doch bei der Heimfahrt nach Niedergösgen fliessen die Tränen. Soeben hat ihm Ott eröffnet, dass wahrscheinlich das Kreuzband gerissen ist. «Damit habe ich nie und nimmer gerechnet, ich war traurig, wütend und enttäuscht, ich war emotional am Boden», sagt Peralta, als ich ihn am Donnerstag am Telefon erreiche. Der Erstverdacht ist mittlerweile bestätigt. Peralta sitzt zu Hause im Wohnzimmer, bald muss er in die Physiotherapie.

Er kommt ins Reden. «Wenn jemand Erfahrung hat mit Knieuntersuchungen, dann ich. Bei den letzten vier Verletzungen spürte ich schon im Voraus, dass etwas Schlimmes passiert ist. Doch dieses Mal war ich überzeugt: Da ist nichts. Schliesslich konnte ich am Sonntag in Chiasso bis zum Schluss spielen, obwohl der Unfall schon in der vierten Minute passierte. Ich erinnere mich noch genau, wie ich den Ball mit dem Kopf erwische und dann schräg auf dem weichen Rasen lande. Es gab einen Stich ins Knie, aber als es schnell wieder besser wurde, dachte ich nicht mehr daran.»

Miguel Peralta: «Dieses Mal war ich überzeugt, dass da nichts ist. Schliesslich konnte ich am Sonntag in Chiasso bis zum Schluss spielen, obwohl der Unfall schon in der vierten Minute passierte.»   

Miguel Peralta: «Dieses Mal war ich überzeugt, dass da nichts ist. Schliesslich konnte ich am Sonntag in Chiasso bis zum Schluss spielen, obwohl der Unfall schon in der vierten Minute passierte.»   

Freshfocus

Begründete Zuversicht

Nach der fünften schweren Knieverletzung seit 2014 drängt sich eine Frage geradezu auf: Warum schon wieder Miguel Peralta? Doch er selber stellt sich diese Frage nicht mehr. Mittlerweile ist er so weit und ist sich sicher, dass die Rückschläge zu seinem Fussballerleben gehören. So wie Stürmer immer wieder an Torimpotenz leiden, legt es ihn auf den Operationstisch. «Ich hinterfrage nichts mehr. Diese Gedanken hatte ich nur nach den ersten zwei Verletzungen, als ich ganz frisch Profi war. Heute weiss ich: Alles, was passiert, muss so passieren, alles hat einen Sinn. Ich bin vier Mal zurückgekehrt, es wird mir auch beim fünften Mal gelingen.»

Aufgeben, also die Profikarriere beenden, das sei keine Option. «Ich habe eine abgeschlossene KV-Lehre und könnte sofort irgendwo zu arbeiten beginnen. Diese Sicherheit habe ich. Fussball ist mein Leben, und es war immer mein Traum, für die Profis zu spielen. Das Gefühl, mit dem FCA-Trikot im Brügglifeld aufzulaufen, macht süchtig, das will ich unbedingt wieder erleben.»

Peraltas Zuversicht ist begründet. Denn medizinisch spricht auch nach der fünften Knie-Verletzung nichts gegen seine Rückkehr in den Profifussball. Zwar erhöht sich nach jeder Verletzung das Risiko auf ein neuerliches Trauma leicht. Doch Peralta hatte Glück im Unglück, abgesehen vom Kreuzband sind alle Bänder und Knorpel im Knie heilgeblieben. Das war in Kombination mit dem vielen Adrenalin im Körper auch der Grund, dass Peralta in Chiasso nicht ausgewechselt werden musste. Und: Nach den vielen kniespezifischen Trainingsstunden in den vergangenen Jahren ist Peraltas Muskulatur stärker als je zuvor.

«Es wird mir auch beim fünften Mal gelingen.» Miguel Peralta will im nächsten Jahr auf den Fussballplatz zurückkehren.   

«Es wird mir auch beim fünften Mal gelingen.» Miguel Peralta will im nächsten Jahr auf den Fussballplatz zurückkehren.   

Mario Heller

Peraltas Schicksal schlägt Wellen

Nach dem ersten Schock sind die Tränen gestillt, Peralta kann sogar wieder lachen. Kurz nach unserem Telefonat ruft er ein zweites Mal an und berichtet euphorisiert: «Grad habe ich erfahren, dass es doch nur eine Operation braucht.» Beim Diagnosegespräch am Mittwoch ging Mannschaftsarzt Henning Ott noch davon aus, dass es zwei Operationen braucht. Die erste, um im Knie die Löcher der vorherigen Kreuzband-Operationen zu stopfen, und Mitte Januar die zweite, um das neue Kreuzband einzubauen. Das hätte bedeutet, dass Peralta frühestens in einem Jahr auf den Platz zurückkehrt. Doch nun gewinnt er zwei Monate, weil beide Operationsschritte in einem gemacht werden sollen. «Das ist genau der Aufsteller, den ich gebraucht habe. Nach Operation am Mittwoch kann ich direkt mit der Reha beginnen.»

Das Schicksal des 22-jährigen Aarauer Eigengewächses schlägt Wellen. Nicht nur im FC Aarau und im Umfeld des Vereins, weit über die Schweizer Grenzen hinaus. Seit am Mittwochabend die Nachricht von der neuerlichen Verletzung publik wurde, surrt Peraltas Handy ununterbrochen. «Noch nie habe ich so viele Reaktionen auf eine Verletzung erhalten. Von Freunden und Familie, von früheren Teamkollegen, die irgendwo in Europa spielen. Aber auch die Spieler, die erst in diesem Sommer nach Aarau gekommen sind, kümmern sich um mich. Elsad (Zverotic; Anm. d. Red.) zum Beispiel ruft seit Montag jeden Tag an und baut mich auf.»

Am meisten gefreut habe ihn aber die Reaktion der sportlichen Führung. Namentlich Sportchef Sandro Burki und Trainer Patrick Rahmen. «In anderen Fällen wurden Spieler fallen gelassen, und ihre Verträge wurden nicht verlängert. Sandro und Patrick haben mir zugesichert, dass sie an meine Rückkehr glauben und dass ich immer noch ein wichtiger Spieler bin. Auch um ihnen für das Vertrauen zu danken, werde ich alles für mein Comeback tun.» Dass es gelingt, ist keinem mehr zu wünschen als Miguel Peralta.

Trainer Patrick Rahmen (links) und Sportchef Sandro Burki stärken Miguel Peralta auch nach der fünften Knieverletzung den Rücken.   

Trainer Patrick Rahmen (links) und Sportchef Sandro Burki stärken Miguel Peralta auch nach der fünften Knieverletzung den Rücken.   

Andy Müller/Freshfocus

Miguel Peraltas Pech ist Raoul Gigers Chance

Die Nachricht von der erneuten Verletzung von Miguel Peralta hat die Stimmung im Brügglifeld gedämpft. Verständlich, das Schicksal des im ganzen Verein beliebten Eigengewächses lässt niemanden kalt. Doch Spieler und Trainer müssen den Fokus so schnell wie möglich wieder auf ihren Job richten, auf das Heimspiel am Sonntag gegen Rapperswil-Jona. Die Gelegenheit ist günstig. Denn im Gegensatz zum FC Aarau, der nach zwei Siegen in Folge Aufwind verspürt, durchlaufen die St. Galler eine Baisse: kein Sieg in den vergangenen fünf Meisterschaftsspielen, dazu das Cup-Out gegen Ligakonkurrent Kriens.

Die Antwort auf die Frage, wer Peralta rechts in der Abwehr ersetzen soll, ist schnell gefunden: Raoul Giger. Auch er ein Eigengewächs, dem wie einst Peralta viel Potenzial nachgesagt wird. Doch nach verheissungsvollen Auftritten im sportlich bedeutungslosen Frühling ist Giger in dieser Saison am grossen Leistungsdruck zerbrochen und verlor im Oktober seinen Stammplatz an – Miguel Peralta. Welch Ironie des Schicksals, dass Giger nun von der Verletzung Peraltas «profitiert» und eine neue Chance in der Startformation erhält. Mental sicher keine einfache Situation für den 21-jährigen Giger. Doch das «Wie» muss ihm letztlich egal sein, wenn er den nächsten Schritt zum gestandenen Profi machen will. (wen)