Eisspeedway
Ronny Häring ist ein Exot in einer verrückten Sportart

Der Eisspeedwayfahrer wird dieses Wochenende an der Europameisterschaft in Ufa starten und will sich einen Platz unter den besten acht ergattern. Eigens für die EM hat der Anlagen- und Apparatebauer drei Ferienwochen geopfert.

Fabio Baranzini
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Ronny Häring will in Ufa einen Exploit landen und unter die besten acht kommen.

Ronny Häring will in Ufa einen Exploit landen und unter die besten acht kommen.

Baranzini

Ronny Häring aus Möhlin ist einer von nur zehn Eisspeedwayfahrern in der Schweiz. Obwohl er der Jüngste ist, vertritt er die Schweiz dieses Wochenende an der Europameisterschaft in Russland. Wer Eisspeedway fährt, der muss ein wenig verrückt sein. Auf 30 Zentimeter dickem Eis jagen sich vier Motorradfahrer gleichzeitig über einen ovalen Rundkurs. Vier Runden à 300 bis 400 Meter werden absolviert. Immer im Gegenuhrzeigersinn. Auf den Geraden erreichen die Piloten bis zu 150 Kilometer pro Stunde. Bremsen haben die Maschinen keine, man kann nur weniger Gas geben. «Du gehst vom Gas, liegst in die Kurve und hoffst, dass es hält. Sonst hast du Pech gehabt», beschreibt Ronny Häring die Rennsituation.

Der 19-jährige Eisspeedwayfahrer aus Möhlin wirkt jedoch nicht wie ein risikofreudiger Draufgänger: Während des Gesprächs ist er zurückhaltend. Für seine Antworten lässt er sich Zeit und wählt die Worte mit Bedacht. Auf der Rennstrecke ist er aber bereit, ans Limit zu gehen. «Wer überlegt, der verliert», so sein Motto. Er ist sich des Risikos bewusst, aber die Faszination für den spektakulären Sport ist grösser.

Für die nötige Bodenhaftung auf dem Eis sorgen mehrere Zentimeter lange Spikes, die auf den Reifen je nach Beschaffenheit des Eises anders angeordnet werden. Insgesamt sind es über 300 auf beiden Rädern. Trotzdem sind die Fahrer vor Stürzen nicht gefeit. «In jedem Rennen nimmt es in den Kurven einen oder zwei Fahrer. Das gehört dazu», sagt Häring. Auch er ist schon mehrmals gestürzt. Verletzt hat er sich aber noch nie. Eine spezielle Schutzkleidung für Eisspeedwayfahrer gibt es nicht. Die Piloten zeigen sich daher erfinderisch. Häring trägt beispielsweise neben Brustpanzer und Knieschoner am linken Knie zusätzlich ein Stück eines Reifens, da dieses auf dem Eis besonders gut rutscht. Sein linker Schuh ist mit einer Stahlkappe verstärkt.

Eisspeedway ist ein Sport, der sich im Norden Europas – besonders in Russland – grosser Beliebtheit erfreut. «Bereits in der Schulzeit werden dort Kinder gesucht, die sich entweder als Techniker oder als Fahrer eigenen. Die besten können gar als Profi vom Eisspeedway leben», erklärt Häring. In der Schweiz fristet die Sportart jedoch ein Schattendasein und ist in der breiten Öffentlichkeit praktisch inexistent. Nur gerade zehn aktive Fahrer gibt es im ganzen Land. Entsprechend schwierig ist es, Sponsoren zu finden, die den teuren Sport finanzieren. 10 000 bis 15 000 Franken kostet ein Motorrad, hinzu kommen die Ausgaben für die langen Reisen an die Wettkampforte. Diese befinden sich vorwiegend in Schweden, Russland und Finnland. In der Schweiz gibt es einzig in Flims eine Strecke. Aber auch die ist nur dann offen, wenn es genügend Eis hat. Entsprechend muss Ronny Häring mit seinem Trainer Anatoli Bondarenko auch weite Strecken zurücklegen, um zu trainieren. «Vor dieser Saison waren wir drei Tage in Finnland», sagt er. Zu mehr hat das Geld und die Zeit nicht gereicht.

Häring absolviert eine Lehre als Anlagen- und Apparatebauer. Da kann er sich für Wettkämpfe und Trainings nicht einfach frei nehmen. Für die EM-Teilnahme im russischen Ufa und das darauf folgende Rennen in Assen opfert er drei Ferienwochen. An der EM ist Häring der einzige Eidgenosse in der von Russen dominierten Sportart. «Als Schweizer bist du da schon eher ein Exot», gibt Häring schmunzelnd zu. Seinen Startplatz hat er sich dank guten Leistungen, unter anderem dem Vize-Schweizermeister-Titel und einem 4. Platz beim internationalen Rennen in Weissenbach (AUT), gesichert. Dies ist umso erstaunlicher, wenn man berücksichtigt, dass Häring mit Abstand der jüngste Schweizer Eisspeedwayfahrer ist und den Sport erst seit drei Jahren ausübt. Davor fuhr der Mehlemer Motocross.

Für seine erste Europameisterschaft hat sich Ronny Häring hohe Ziele gesteckt. Er möchte in den Final der besten acht von 24 Teilnehmern. «Das ist möglich, aber es wird sehr schwierig», blickt er voraus. Damit er für den Wettkampf vom kommenden Wochenende bereit ist, hat Häring mit seinem Trainer zuvor noch drei Trainingstage in der Nähe von Moskau eingelegt. Vielleicht sorgen diese dafür, dass der Schweizer Exot in Ufa einen Exploit landen kann.