Serie A

Silvan Widmer ist im Glück - im Spiel und in der Liebe

Udineses Jungstar Silvan Widmer hat sich in Italien definitv etabliert. Nun steht der Nationalspieler gar im Fokus von Italiens Meister und Champions-League-Teilnehmer Juventus Turin.

Ruedi Kuhn, Udine
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Exklusives Foto-Shooting im Stadio Friuli in Udine: Silvan Widmer zusammen mit Freundin Céline Bucher.

Exklusives Foto-Shooting im Stadio Friuli in Udine: Silvan Widmer zusammen mit Freundin Céline Bucher.

HO

Die eineinhalbstündige Trainingseinheit von Udinese Calcio ist vorbei. Mittelstürmer Antonio Di Natale macht Feierabend, rückt die Sonnenbrille zurecht, geht zum eigens für ihn reservierten Parkplatz und steigt in seinen dunkelblauen Ferrari. Sekunden später braust der 37-Jährige auf und davon. Die Kultfigur, die seit Juli 2004 für Udinese spielt und Tore am Laufband schiesst, scheint es eilig zu haben.

Ganz anders Silvan Widmer: Der Aargauer in den Reihen des Serie-A-Vereins nimmt sich Zeit. Er lässt sich massieren, duscht und geht ins Stadion-Restaurant. Dort wird er von Freundin Céline erwartet. Die Zwei essen Pasta und Früchte, trinken eine Cola Zero und plaudern bei einem Kaffee über Gott und die Welt. Der Musterprofi mit dem grossen Talent und seine bildhübsche Partnerin fühlen sich wohl in Udine.

Er konzentriert sich auf den Fussball. Sie absolviert ein Fernstudium in Kommunikation und hat ein Italienisch-Diplom im Visier. Um die Italienisch-Kenntnisse zu verbessern, nehmen beide Unterricht bei Giorgio Alafogiannis. Der Grieche ist von Udinese als Lehrer angestellt. Die Freizeit verbringen Silvan und Céline wenn immer möglich gemeinsam. Mal ist shoppen, flanieren und relaxen in Venedig angesagt. Mal gehen sie fein essen und freuen sich in den Stunden der Musse, glücklich und zufrieden in die Zukunft blicken zu dürfen.

Gewagter Schritt ins Ausland

Berufsfussballer müsste man sein. In diesen Tagen sowieso. Wer Mitte März das Friaul besucht, spürt den Frühling. Der Himmel ist blau. Die Sonne scheint. Und die Temperaturen kratzen die 20-Grad-Grenze. Knapp zwei Jahre nach dem Start ins Fussball-Abenteuer scheint das Märchen für Silvan (22) und Céline (23) seinen Lauf zu nehmen.

Momentan hängt der Himmel voller Geigen. Sportlich startet Widmer durch. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Als der Challenge-League-Kicker des FC Aarau vor gut zwei Jahren bei Udinese einen Vertrag bis 2018 unterschrieb, wurde er von vielen belächelt. Manch einer fragte sich: Was will der kleine Schweizer in der grossen Welt des Fussballs?

«Natürlich war der Schritt vom FC Aarau zu Udinese gross», erinnert sich Widmer. «Am Anfang war es hart. Ich kam ins Training. Und war einer von 45 Spielern. Um einen Platz in der Mannschaft zu bekommen, musste ich besser sein als die Hälfte.» Was hat ihm Mut gemacht? «Vor allem zwei Dinge», sagt Widmer. «Ich weiss, was ich will. Und ich weiss, was ich kann. Und mit Gökhan Inler, Almen Abdi und Alain Nef lancierten vor mir bereits drei Schweizer ihre Karriere bei Udinese. Sie machten ihren Weg und setzten sich durch. Warum sollte mir das nicht auch gelingen?»

Ausbildungsklub Udinese

Den Durchbruch schaffte Widmer in der Rückrunde der Saison 2013/14. Und seit der 39-jährige Andrea Stramaccioni im Sommer den 59-jährigen Francesco Guidolin als Trainer ablöste, ist Widmer zur Teamstütze avanciert. Udinese ist für Widmer längst nicht das Ende der Fahnenstange. Grossklubs wie Napoli und Fiorentina zeigen Interesse. Mehr noch. Widmer soll vor dem Transfercoup zu Juventus Turin stehen.

Es wäre die logische Folge des Wirtschafts-Modells von Udinese. Der Klub verfolgt nämlich die Strategie, Talente in allen Teilen Europas und Südamerikas zu sichten, sie langfristig zu verpflichten und gewinnbringend an den Meistbietenden zu verkaufen. Das letzte Beispiel ist Roberto Pereyra.

Der 24-jährige Argentinier wurde auf diese Saison hin an die Juve ausgeliehen und soll bei den Turinern das in die Jahre gekommene Aushängeschild Andrea Pirlo ersetzen. Löst die Juve im Sommer 2015 die Kaufoption auf Roberto Pereyra ein, kassiert Udinese einen zweistelligen Millionenbetrag.

Widmer wie Pereyra?

Die Geschichte von Pereyra könnte sich im Fall von Widmer bald wiederholen. Juventus hat längst ein Auge auf den laufstarken, robusten und spielintelligenten Abwehrspieler geworfen. Widmer soll dereinst den 31-jährigen Stephan Lichtsteiner ersetzen. Widmer selbst nimmt zu Transfergerüchten keine Stellung und sagt: «Ich spiele Fussball. Alles andere kommt von selbst.» Interessant sind die Parallelen zur Nationalmannschaft. Auch hier wird Widmer zugetraut, die Position auf der rechten Abwehrseite von Lichtsteiner zu übernehmen.

Es ist erstaunlich, welch rasante Entwicklung Widmers Laufbahn in den vergangenen Jahren genommen hat. Als Bub spielte er für den SV Würenlos, als Junior für den FC Baden. Schliesslich wechselte er zum FC Aarau und spielte im Team Aargau. Vor der Saison 2011/12 sollte er an Baden ausgeliehen werden.

Der damalige FCA-Trainer René Weiler legte sein Veto ein und berief ihn ins Kader der ersten Mannschaft. Nach kurzer Zeit erkämpfte sich Widmer einen Stammplatz und wurde in der Saison 2012/13 zum wichtigsten Spieler des Aufsteigers. Nun scheinen der Karriere keine Grenzen gesetzt. Wie sagte der junge Mann schon vor zwei Jahren: «Ich will früher oder später in der Champions League spielen.» Eher früher als später.