Titelgewinn und Hochzeit
Der Aargauer Handballer Marvin Lier hat geheiratet – einen Tag, nachdem er mit Pfadi Winterthur Meister wurde

Der Schweizer Nationalspieler Marvin Lier erlebt derzeit wohl die schönsten Tage seines Lebens. Erst gewinnt er mit seinem Klub Pfadi Winterthur den lang ersehnten Meistertitel, um nicht einmal 24 Stunden später seine Freundin Jasmin zu heiraten.

Frederic Härri
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Wenn es läuft, dann läuft es: Marvin Lier und Pfadi Winterthur haben die Kadetten Schaffhausen im Playoff-Final in drei Spielen bezwungen.

Wenn es läuft, dann läuft es: Marvin Lier und Pfadi Winterthur haben die Kadetten Schaffhausen im Playoff-Final in drei Spielen bezwungen.

Ennio Leanza / KEYSTONE

Auf Marvin Liers Handy reiht sich Nachricht an Nachricht. Glückwünsche, Gratulationen, verpasste Anrufe. Am Freitag, kurz vor Mittag, findet er Zeit für den Rückruf. Die Nacht war kurz für den Aargauer. «Um sechs Uhr morgens habe ich mich auf den Heimweg gemacht», sagt er, die Stimme noch leicht angekratzt. Wer um die Feierlust von Handballspielern weiss, ahnt, welch Sause es gewesen sein muss. Der Anlass war ja auch ein ganz besonderer: Am Vorabend war Lier mit Pfadi Winterthur Meister geworden.

«Ich bin wahnsinnig erleichtert, es endlich geschafft zu haben», sagt Lier. Lange genug hat er warten müssen in seinen neun Jahren in Winterthur. Fünf Mal stand er im Final, fünf Mal verlor er, vier Mal zu Null. Im sechsten Anlauf hat es geklappt. «Dieses Jahr war unsere grosse Chance, und die haben wir genutzt», sagt Lier, der noch immer von den Eindrücken der rauschhaften Nacht beseelt zu sein scheint.

Beim Jubeln ganz vorne mit dabei: Marvin Lier (ganz links) und seine Teamkollegen feiern den Meistertitel.

Beim Jubeln ganz vorne mit dabei: Marvin Lier (ganz links) und seine Teamkollegen feiern den Meistertitel.

Marc Schumacher / freshfocus

Eine Saison wie im Rausch

Wie im Rausch war der Flügelspieler mit seiner Mannschaft auch durch die Playoffs geglitten. Ohne eine einzige Niederlage hat Pfadi den 10. Titel der Vereinsgeschichte errungen. Der Klub hat alle Hürden ­genommen, die sich ihm in den Weg gestellt haben: erst den RTV Basel, dann den HSC Suhr Aarau, zum Schluss die grossen Kadetten aus Schaffhausen. Dazu meint Lier:

«Wenn mir ­jemand am Anfang der Saison gesagt hätte, dass es so laufen würde, hätte ich gesagt: Träum weiter.»

Die Winterthurer aber haben sich in der langen Spielzeit nie aus dem Konzept bringen lassen. Nicht dann, als sie nach einer hervorragenden Hauptrunde als grosser Favorit in die Playoffs gingen. Nicht dann, als im Halbfinal mit Roman Sidorowicz einer der Schlüsselspieler aus dem Gefüge brach. «Seit Januar war da diese Welle, auf der wir geritten sind», sagt Lier.

Mit Kreisläufer Rastko Stojkovic hat sich das Selbstverständnis geändert

Seit da an hatte Pfadi Rastko Stojkovic im Kader. Diesen fast 40-jährigen Kreisläufer, diese Urgewalt von einem Spieler, der in Serbien, Polen und Weissrussland Meister war und in der Champions League über 500 Tore geworfen hat. Mit Stojkovic änderte die Spielweise, aber auch das Selbstverständnis. «Rastko hat uns das Vertrauen gegeben, dass wir alles schaffen können», sagt Lier.

Der 39-jährige Kreisläufer Rastko Stojkovic war in den Finalspielen gegen die Kadetten Schaffhausen die überragende Figur.

Der 39-jährige Kreisläufer Rastko Stojkovic war in den Finalspielen gegen die Kadetten Schaffhausen die überragende Figur.

Marc Schumacher / freshfocus

Während Stojkovic womöglich bleiben wird, geht Liers Zeit mit Pfadi nun zu Ende. Der 28-Jährige wechselt zu den Kadetten, Mitte Juli beginnt die Vorbereitung auf die neue Saison. An Handball in Schaffhausen mag Lier allerdings noch nicht denken. Er hat gerade andere Dinge im Kopf.

Lier ist froh, dass nach dem Titelgewinn das Morgentraining ausgefallen ist

Denn am selben Tag, an dem er nach durchzechter Nacht mit angeschlagener Stimme ins Telefon spricht, wird Lier seine langjährige Freundin Jasmin heiraten. Zwar handelt es sich nur um die zivile Trauung, doch liegen zwischen Meisterparty und Hochzeit nicht einmal 24 Stunden.

Der Durchschnittsmensch würde diese Abfolge vielleicht als sportlich – um nicht zu sagen: stressig – empfinden. Doch Lier selbst scheint das nichts auszumachen. Vielmehr ist er froh darüber, dass nach dem Titelgewinn das Morgentraining ausgefallen ist. «Jetzt kann ich in Ruhe heiraten.»

In den Flitterwochen geht es für den begeisterten Taucher in die Malediven

Die Hochzeitsfeier mit Freunden und Familie hat Lier vorsorglich verschieben lassen. Sie hätte nächste Woche stattgefunden, am Tag des fünften Finalspiels – wenn es denn eines gegeben hätte. Da der neue Termin erst auf Ende Juli angesetzt ist, werden die Flitterwochen vorgezogen.

Wohin geht die Reise? «Malediven», sagt Lier. «Wir sind begeisterte Taucher, da könnte es für uns keinen besseren Ort geben.» Türkisblaues Meer und weisser Sandstrand statt Linoleumboden und harzige Hände: Man möge es dem frischgebackenen Meister gönnen.