Linienrichterinnen

Zwei Aargauerinnen fahren mit einer Fahne nach Berlin

Belinda Brem und Susanne Küng sind die besten Schweizer Linienrichterinnen – am Donnerstag stehen sie beim Champions League Final der Frauen zwischen 1. FFC Frankfurt und Paris Saint-Germain im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in Berlin im Einsatz.

Timon Richner
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Der nächste grosse Einsatz winkt: Belinda Brem (links) und Susanne Küng im Stadion Niedermatten in Wohlen.

Der nächste grosse Einsatz winkt: Belinda Brem (links) und Susanne Küng im Stadion Niedermatten in Wohlen.

Mario Heller

Vor 48 000 Zuschauern standen Belinda Brem aus Mellingen und Susanne Küng aus Muri im vergangenen November als Schiedsrichter-Assistentinnen im Einsatz. Das Testspiel zwischen den Frauen-Nationalteams aus England und Deutschland im legendären Wembley-Stadion in London betrachten die beiden besten Linienrichterinnen des Landes als ihr bisheriges Karrierehöhepunkt.

Am Donnerstag wird dieses Spiel in der persönlichen Favoritenliste der 27-jährigen Frauen aber abgelöst: die beiden werden Schiedsrichterin Esther Staubli beim Final der Frauen-Champions-League zwischen dem 1. FFC Frankfurt und Paris Saint-Germain im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in Berlin assistieren. Die beiden setzten sich gegen starke Mitstreiterinnen durch. «Unsere grössten Konkurrenten um den Einsatz in Berlin waren möglicherweise deutsche und französische Teams, insofern sind wir natürlich froh, dass es der FC Zürich nicht soweit geschafft hat», erzählt Brem mit schelmischem Lächeln. Jedoch seien die Assistenten auch auf die eine gute Schiedsrichterin angewiesen und diese hätten sie mit Esther Staubli, ergänzt Küng.

Das grosse Geld verdienen sie nicht

Der Einsatz im Ausland an sich ist für die beiden nichts Spezielles mehr. «Wir sind im Jahr ungefähr 50 bis 60 Tage im Ausland unterwegs, da hat man schon eine gewisse Routine», sagt Brem. Die internationalen Einsätze bei Länderspielen oder der Champions League erfordern von den beiden jungen Frauen aber auch grosse Flexibilität. Für ihr aufwändiges Hobby brauchen die beiden auch einen toleranten Arbeitgeber.

Weil reich werden die Frauen von ihrem Hobby nicht. Das Honorar reicht, um den Erwerbsausfall zu kompensieren. Belinda Brem arbeitet in Niederwil als Geschäftsleiterin und Sportphysiotherapeutin. Sie ist dort zu 80 Prozent angestellt und macht während ihrer Anwesenheit Überzeit, dass sie die Absenzen kompensieren kann. Susanne Küng hat in Freiburg Recht studiert und macht noch Praktika an Gerichten. Nach der Anwaltsprüfung hofft auch sie auf einen Arbeitgeber mit Verständnis.

Luigi Ponte als wichtige Bezugsperson

Im Schweizer Spielbetrieb sind die beiden Aargauerinnen bei den Männern im Einsatz. Belinda Brem assistiert in der Promotion League und Susanne Küng in der 1. Liga. «Wir waren Assistentinnen in der Nationalliga A der Frauen, danach gab es keine Steigerung mehr. Deshalb wurden wir bei den Männern eingesetzt», erzählt Brem. Der Erfolg der beiden Frauen in der Schiedsrichterszene ist jedoch keine Selbstverständlichkeit. «Für Frauen ist es schon besonders wichtig, dass sie zu Beginn des Schiedsrichterseins entsprechend betreut und gecoacht werden. Viele Frauen hören mit Pfeifen wieder auf, wenn sie das erste Mal auf dem Platz beflucht werden oder wenn ein sexistischer Spruch fällt», sagt Brem.

Die beiden haben diese Unterstützung im Aargau genossen. Wichtige Bezugsperson war dabei der Aargauer Luigi Ponte, der Präsident des schweizerischen Schiedsrichterverbandes. «In anderen Regionen hören mehr Frauen sofort wieder auf, weil die Unterstützung nicht genügt», sagt Brem, «wir wurden von Luigi aber hervorragend unterstützt und gefördert», bekräftigt Küng. Entsprechend stolz ist Ponte auch über die Final-Nomination seiner beiden Schiedsrichterinnen. «Das die beiden nach Berlin dürfen ist für uns eine ganz tolle Sache», sagt Ponte.

Sündenbock Linienrichter

Das Schwierigste an ihrem Job an der Linie sei es, 90 Minuten lang topkonzentriert zu bleiben. «Angenommen man wäre zehn Sekunden lang nicht konzentriert: Dann kann man sicher sein, dass genau dann etwas Umstrittenes passiert», sagt Brem. Als Linienrichter sind die beiden Frauen auch viel näher zu den Zuschauern als der Hauptschiedsrichter. «Man kann alles hören was von aussen gerufen wird, es ist schwierig, sich von diesen persönlichen Anschuldigungen nicht ablenken zu lassen», sagt Küng.

Von diesen Schwierigkeiten lassen sich die Frauen aber nicht unterkriegen. «Die tollen Erlebnisse kompensieren die Nachteile bei weitem», sagt Brem. Und die Ziele für die Zukunft sind für die beiden Motivation. Esther Staubli fährt diesen Sommer nämlich ohne ihre beiden Linienrichterinnen an die Frauen-Weltmeisterschaft nach Kanada. Die Enttäuschung hält sich bei den Frauen allerdings in Grenzen. «Die jüngste Linienrichterin an der WM ist vier Jahre älter als wir. Wir sind jedoch auch langsam auf dem Radar der Fifa, erzählt Brem. Ein nächster Höhepunkt wartet sicher.