Abschied von Olympia
Die grosse Frage für Dario Cologna: Kann der Langlaufstar ein letztes Mal die Logik aushebeln?

Der 35-Jährige bleibt sich beim letzten Auftritt vor seinen drei Olympiarennen treu. Der vierfache Goldgewinner ist nicht der Athlet der grossen Sprüche. Wieso auch, praktisch alles spricht gegen einen ultimativen Exploit in der Loipe.

Rainer Sommerhalder
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Die Olympiavorbereitung von Dario Cologna passte. Der 35-Jährige fühlt sich gut. Aber reicht das schon zu mehr als einer ehrenvollen Rangierung?

Die Olympiavorbereitung von Dario Cologna passte. Der 35-Jährige fühlt sich gut. Aber reicht das schon zu mehr als einer ehrenvollen Rangierung?

Michael Buholzer / KEYSTONE

Dario Cologna und Olympische Spiele – das passt. Von jedem seiner drei Olympiatrips kehrte der Bündner bislang mit mindestens einer Goldmedaille zurück. Entsprechend hoch sind die Erwartungen vor Colognas letztem Auftritt auf der ganz grossen Bühne. Allerdings korrespondieren die Hoffnungen nicht mit den nackten Zahlen und auch nicht mit der Eigenwahrnehmung des 35-Jährigen.

Cologna war sein Leben lang nie ein Ankündigungs-Minister. Die lauten Töne überlässt er anderen. Er liefert lieber in der Loipe, am überzeugendsten bei Grossanlässen. Und er hat dabei durchaus auch in der Vergangenheit schon überrascht. Etwa 2014, als er nach einer Bänderverletzung im Fuss und einem anschliessenden Rennen gegen die Zeit in Sotschi gleich zweimal Gold gewann. «Sicher meine emotionalsten Olympiasiege», sagt der Münstertaler.

Aber auch 2018, als der dritte olympische Erfolg über 15 km in Serie in Pyeongchang gleichbedeutend mit der Rückkehr auf die ganz grosse Bühne war. Zuvor erlebte er einen ersten Rückschritt in seiner herausragenden Karriere. Cologna spricht rückblickend von einem «Comeback».

Die Resultate sprechen nicht für Cologna

Seither blieb ein solches allerdings auch bei Grossanlässen aus. 2019 an den Weltmeisterschaften in Seefeld reichte es noch zu den Rängen 6 (15 km klassisch) und 7 (50 km). Im vergangenen Winter bei der WM in Oberstdorf waren es die Plätze 9 (50 km) und 13 (15 km).

Diese beiden Einzelrennen wird Dario Cologna neben der Staffel auch in China bestreiten. Aufgrund seiner bisherigen Saison und dem absteigenden Trend seit den letzten Winterspielen wäre der Gewinn einer Medaille oder gar die Titelverteidigung über 15 km eine Sensation. Selbst für den vierfachen Olympiasieger.

Cologna vermeidet das Wort «Medaille» zwei Tage vor dem Fünfzehner denn auch so gut er kann. Die Vorzeichen seien andere als bei den letzten drei Winterspielen, sagt er. «Damals gehörte ich zu den Favoriten. Diesmal darf man nicht die gleichen Erwartungen an mich haben.» Er sei durchaus Realist und seine Resultate in diesem Winter deuteten nicht darauf hin, dass man sich den Gewinn von Edelmetall ausrechnen dürfe. «Ich habe bislang nicht mehr an die Leistungen von früher anknüpfen können».

Pflege der Details soll Vorteil bringen

Um die Hoffnungen auf eine Medaille – und dafür reise man schliesslich an die Olympischen Spiele – trotz sich kontinuierlich verschlechternden Resultate am Leben zu halten, setzt Dario Cologna auf Details, die ihm in die Karten spielen sollen. So entwickelte er bereits im Sommer den Plan, erst später nach China zu reisen und den Skiathlon auszulassen. «Ich erhoffe mir davon, Energie zu sparen und frischer an den Start zu gehen».

Der 35-Jährige wird mit Genugtuung festgestellt haben, dass der Auftakt über 30 km bei eisigen Temperaturen ein Ausscheidungsrennen mit grossen Abständen und durchaus prominenten Opfern war. «Für mich war der Verzicht der beste Weg», lautet deshalb ein durchaus realistisches erstes Fazit von Cologna.

Auch dass wegen der Pandemie im Monat vor Olympia keine Weltcuprennen stattfanden, lag durchaus im Sinn des Bündners. Während sich andere Athleten gerne Rennhärte geholt hätten, war Cologna schon immer ein Meister im Olympia-Formaufbau durch einen längeren Trainingsblock im Vorfeld. Heuer kam dieser erst recht gelegen, weil der vierfache Gesamtweltcupsieger unmittelbar vor der Saison nach einem Sturz auf den Rollski eine Trainingspause im dümmsten Moment einlegen musste.

Cologna macht keine Versprechungen

Nun sagt er, habe er «gut trainiert» und fühle sich auch so. Solche Worte aus seinem Mund durfte man früher durchaus bereits als Kampfansage an die Konkurrenz interpretieren. Wie es sich heute damit verhält, weiss wohl nicht einmal Dario Cologna selbst. «Es ist schwierig, einzuschätzen, wo ich stehe», gibt er zu. Kann der 35-Jährige einen letzten grossen Coup landen oder zollt der Vater eines halbjährigen Sohns dem Älterwerden Tribut, wie es bei seinen letzten WM-Einsätzen den Anschein machte?

Egal, mit welcher Wahrheit er sich in den kommenden zehn Tagen von Olympia verabschiedet. Dario Cologna wird als das in Erinnerung bleiben, was er ist: der grösste nordische Skisportler, den die Schweiz je hatte.