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Abseits der Fifa: Der Fussball-Verband nicht anerkannter Staaten wächst – auch ein Team aus Graubünden ist dabei

Die Confederation of Independent Football Associations (Conifa) vereint ethnische Minderheiten und nicht anerkannte Gebiete. Das geht nicht ohne politische Störgeräusche.
Adrian Lemmenmeier
Abchasien vor dem Spiel gegen Nordzypern an der Non-Fifa-WM 2018 in London. 2014 waren 14 Verbände Mitglieder der Confederation of Independent Football (Conifa). Heute sind es 54 auf fünf Kontinenten. (Bild: Getty Images, 2018)

Abchasien vor dem Spiel gegen Nordzypern an der Non-Fifa-WM 2018 in London. 2014 waren 14 Verbände Mitglieder der Confederation of Independent Football (Conifa). Heute sind es 54 auf fünf Kontinenten. (Bild: Getty Images, 2018)

Der Himmel über Rom ist schwarz. Nur die gelb-warm beleuchtete Kuppel des Petersdoms erhellt die Nacht. Daniel Luginbühl befestigt ein Stativ mit Klebeband am Gitterzaun. Darauf schraubt er eine Filmkamera und richtet den Bildausschnitt auf den Fussballplatz. In wenigen Minuten beginnt das Spiel: Die Fussballauswahl Raetia tritt gegen die Nationalauswahl des Vatikans an. «Darauf freuen wir uns seit Jahren», sagt Luginbühl. Der 44-jährige IT-Ingenieur ist Präsident der FA Raetia. Diese will Spielern aus Graubünden den internationalen Fussball ermöglichen. 2011 gegründet, spielt sie immer wieder gegen Kleinstaaten, kulturelle Minderheiten oder abtrünnige Gebiete (siehe Infobox).

Die meisten dieser Spiele finden im Rahmen der Confederation of Independent Football Associations (Conifa) statt. Die in Schweden registrierte Non-Profit-Organisation vereint jene Fussballverbände, die nicht zur Fifa gehören dürfen oder wollen. Darunter sind UNO-Mitgliedstaaten wie die Pazifikinseln Tuvalu und Kiribati. Oder ethnische Minderheit wie die Szekler in Rumänien, die Samen in Skandinavien oder die Roma. Aber auch de facto unabhängige Gebiete gehören dazu. Zum Beispiel das von Moldawien abtrünnige Transnistrien, das türkisch dominierte Nordzypern oder Südossetien im Norden Georgiens. Der Vatikan ist zwar kein Conifa-Mitglied; Punkte für das Conifa-Ranking erhält die FA Raetia aber für jedes international ausgetragene Spiel.

Ein Markt, grösser als die USA

Die Conifa wurde 2013 gegründet. Damals hatte sie 14 Mitgliedverbände, 2016 waren es 35, heute sind es 54. «Die Organisation ist enorm gewachsen», sagt Conifa-Generalsekretär Sascha Düerkop.

«Mittlerweile sind über 50 Freiwillige auf fünf Kontinenten für uns tätig.»

Bisher arbeiteten alle Mitarbeiter der Conifa ehrenamtlich, nächstes Jahr aber will man die erste Vollzeitstelle schaffen. Das Geld kommt von Sponsoren. Die Conifa hat kürzlich einen Vertrag mit der Coingaming-Gruppe abgeschlossen – einer Firma, die unter anderem Sportwetten mit Kryptowährungen anbietet. Schon die letztjährige Conifa-Weltmeisterschaft in London sponserte ein Online-Buchmacher. Das Interesse der Branche erstaunt nicht: Nach Angaben der Conifa wohnen in allen Gebieten der Mitgliedverbände über 350 Millionen Menschen. Ein Markt, grösser als die USA.

An der Conifa-Weltmeisterschaft in Abchasien 2016 spielte die Heimmannschaft stets vor ausverkauften Rängen. (Bild: Adrian Lemmenmeier, 2016)

An der Conifa-Weltmeisterschaft in Abchasien 2016 spielte die Heimmannschaft stets vor ausverkauften Rängen. (Bild: Adrian Lemmenmeier, 2016)

Der steinige Weg in die Fifa

«Die Conifa sieht sich als Brückenbauerin zwischen Nationen, Minderheiten und Kulturen», sagt Düerkop. Die Interessen der Mitglieder sind dabei so unterschiedlich wie ihre Herkunft. Ist etwa die FA Raetia nicht viel mehr als abenteuerlustiges Grüppchen aus Bündner Hobby-Fussballern, hegen andere Verbände höhere Ziele. Die Pazifikinseln Tuvalu und Kiribati etwa versuchen seit zwanzig Jahren der Fifa beizutreten. Erfolglos. «Lange hiess es seitens der Fifa, die Länder müssten erst Mitglied im Kontinentalverband sein», sagt Düerkop. Dieser aber habe darauf verwiesen, nur Fifa-Mitglieder aufzunehmen.

«So wird mit den Ländern Pingpong gespielt».

Auch Abchasien reichte 2016 ein Gesuch zur Aufnahme in die Fifa ein. Kurz zuvor waren Kosovo und Gibraltar in den Weltverband aufgenommen worden. Das machte der völkerrechtlich zu Georgien gehörenden Republik Hoffnung. Bis heute wurde diese nicht erfüllt. «Schliesslich wollen europäische Inseln wie Grönland, die Isle of Man oder Jersey der UEFA beitreten», sagt Düerkop. Ihre Chancen dürften aber gering sein, da der europäische Verband gemäss seinen Statuten nur Staaten aufnimmt, die von der Mehrheit der UNO-Mitglieder anerkannt sind. Bis jetzt hat noch kein Verband den Übergang von der Conifa in die Fifa oder UEFA geschafft.

Die Fussball-Infrastruktur auf Kiribati ist kaum entwickelt. (Bild: Conifa (2016))

Die Fussball-Infrastruktur auf Kiribati ist kaum entwickelt. (Bild: Conifa (2016))

Diplomatische Querelen und lebenslange Sperren

Das Spiel läuft. Bündner aus den Regionalligen kicken gegen vatikanische Museumswächter, Feuerwehrleute und Schweizer Gardisten. Nach zehn Minuten geht der Vatikan mit 1:0 in Führung. An der Seitenlinie steht Danilo Zennaro, Fussballverantwortlicher des Vatikans. Freundschaftsspiele führe man in etwa alle zwei Jahre durch, sagt er. Zuletzt spielte der Vatikan gegen Liechtenstein, davor gegen Monaco.

Ambitionen, der Fifa beizutreten, habe der mitten im fussballverrückten Rom gelegene Kleinstaat nie gehabt, sagt Zennaro. Und auch der Conifa wolle man nicht beitreten. «Aus politischen Gründen.» Die Sache ist klar: Wäre der Vatikan im selben Fussballverband wie diverse abtrünnige Gebiete, würde das diplomatische Querelen nach sich ziehen. Abgesehen davon ist Padanien Teil der Conifa. Diese Auswahl repräsentiert Norditalien, was im Rest des Landes nicht gerade auf Begeisterung stösst.

Fussball der Kleinen vor grosser Kulisse: Die FA Raetia (in Blau) im Spiel gegen die Nationalauswahl des Vatikans. (Bild: PD)

Fussball der Kleinen vor grosser Kulisse: Die FA Raetia (in Blau) im Spiel gegen die Nationalauswahl des Vatikans. (Bild: PD)

Es liegt auf der Hand: Weltfussball ausserhalb des nationalstaatlichen Gefüges wird schnell politisch. Eindrücklichstes Beispiel ist die Geschichte des amtierenden Weltmeisters Karpatalya. Die ungarische Minderheit in der Ukraine hat sich vergangenen Sommer im Final in London gegen Nordzypern durchgesetzt. Doch auf den sportlichen Triumph folgte das politische Fiasko: Der ukrainische Sportminister Igor Schdanov schrieb nach dem Turnier auf Facebook, im ukrainischen Sport gebe es keinen Platz für Separatismus. Drei Monate später erliess der ukrainische Fussballverband lebenslange Sperren gegen alle Spieler, die für Karpatalya angetreten waren. Wer über keinen ukrainischen Pass verfügte, wurde mit einer Einreisesperre belegt – ungeachtet dessen, dass manche der Spieler Familie in der Ukraine haben. «Das war unsere grösste politische Niederlage», sagt Düerkop.

9. Juni 2018. Spieler von Karpatalya feiern den Sieg der Conifa-Weltmeisterschaft. (Bild: Sebastian Frej/MB Media/Getty Images)

9. Juni 2018. Spieler von Karpatalya feiern den Sieg der Conifa-Weltmeisterschaft. (Bild: Sebastian Frej/MB Media/Getty Images)

Nächster Halt: Bergkarabach

Das nächste grosse Turnier der Conifa, die Europameisterschaft, findet kommenden Juni in Bergkarabach statt. Das armenisch dominierte Gebiet in Aserbaidschan ist seit dem Bergkarabach-Krieg (1991-1994) de facto unabhängig. Auch hier verläuft die Vorbereitung nicht ohne Störgeräusche. Aserbaidschan hat offiziell gegen das Turnier protestiert. Wer Berg-Karabach besucht, wird in Aserbaidschan zur Persona non grata, erhält also eine Einreisesperre. Um die Spieler davor zu bewahren, bietet ihnen die Conifa an, unter Pseudonymen anzutreten. Bisher ausgeblieben sind Proteste der Ukraine. Sie dürften aber folgen, treten doch an dieser EM das erste Mal die selbsternannten ostukrainischen Republiken Donezk und Luhansk an einem internationalen Fussballturnier an.

Die Conifa lässt sich von diplomatischem Vorgeplänkel nicht beirren, wie Düerkop sagt. «Erfahrungsgemäss glätten sich die Wogen nach einem Turnier schnell.» In Berg-Karabach laufen derweil die Vorbereitungen. Gemäss Informationen des Online-Portals «Kavkazskij uzel» rechnet die Gastgeberregion damit, dass die 29 Hotels und 34 Hostels nicht ausreichen, um alle anreisenden Fans aufzunehmen. Die Bevölkerung ist deshalb aufgerufen, Gäste bei sich zu Hause unterzubringen.

Für die FA Raetia war die Teilnahme an der EM in Berg-Karabach nie ein Thema, wie Daniel Luginbühl sagt. Einerseits hätte man sich sportlich nicht qualifiziert; von allen Mitgliedern liegt die Bündner Auswahl im Conifa-Ranking derzeit auf dem drittletzten Platz. Doch sei es auch schwierig, Spieler zu finden.

«Je abgelegener die Region, desto schwieriger ist es, eine Mannschaft zusammenzubringen.»

Dennoch will die FA Raetia versuchen, sich für die Weltmeisterschaft 2020 in Somaliland zu qualifizieren. Somaliland ist ein de facto unabhängiges Gebiet im Norden Somalias, angrenzend an Äthiopien und Dschibuti.

Improvisation auf der Tribüne. Yacine und Wacyl Azzouz vom Vorstand des FA Raetia filmen und kommentieren das Spiel gegen den Vatikan. (Bild: PD)

Improvisation auf der Tribüne. Yacine und Wacyl Azzouz vom Vorstand des FA Raetia filmen und kommentieren das Spiel gegen den Vatikan. (Bild: PD)

Schlusspfiff. Das Spiel zwischen FA Raetia und dem Vatikan endet unentschieden 2:2. Die Spieler geben sich die Hand und tauschen Geschenke aus. Die Spieler des Vatikans erhalten eine Bündner Nusstorte. Jene der FA Raetia einen Rosenkranz.

FA Raetia: Von der Bieridee zur WM-Teilnahme

«Entstanden ist die Fussballauswahl Raetia aus einer Bieridee», sagt Präsident Daniel Luginbühl. Eigentlich wollte der Bündner Rapper Gimma 2011 mit dem FC Haldenstein ein Freundschaftsspiel gegen den Vatikan austragen. In der Antwort des Kleinstaates aber hiess es, man trete nur gegen andere Nationalauswahlen an. Daraufhin gründete Gimma mit Freunden die FA Raetia. Ziel war es, internationale Spiele auszutragen. Bis vor kurzem blieb das Spiel gegen den Vatikan allerdings ein Traum. Dafür trat die FA Raetia dem NF-Board bei, einer Vorgängerorganisation der Conifa. 2012 spielte die Auswahl an der Weltmeisterschaft in Irakisch-Kurdistan, 2016 an jener in Abchasien. Politische Ziele verfolgt der Verein nicht. «Uns geht es nicht um Separatismus, sondern um den Fussball», sagt Luginbühl. Wenn man dabei einen Beitrag leiste, das Bündnerland nach aussen zu repräsentieren, mache man das sehr gern. Einen offiziellen Auftrag habe man aber nicht. (al)

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