Tennis
Abstecher in die Traumfabrik - Patty Schnyder tritt in New York zurück auf die grosse Bühne

Patty Schnyder (38) taucht in New York in eine Welt ein, von der sie einst genug hatte. 2011 gab die Tennisspielerin, die immer im Schatten von Martina Hingis stand, ihren Rücktritt bekannt. Nun kehrt sie zurück nach New York an die US Open, jedoch ohne irgendwelche Ziele

Simon Häring
Drucken
Teilen
Patty Schnyder ist bei ihrem Startspiel in der Qualifikation am US Open klar zu favorisieren

Patty Schnyder ist bei ihrem Startspiel in der Qualifikation am US Open klar zu favorisieren

KEYSTONE/PETER SCHNEIDER

Ein Blondschopf rennt über den Sandplatz, direkt in die Arme von Patty Schnyder. Es ist Töchterchen Kim Ayla (4), die in Gstaad ihrer Mutter zum ersten Profi-Sieg seit über sechs Jahren gratuliert. «Der Sieg, das ist eine Emotion. Aber wenn dir dann noch ein vor Freude strahlendes Kind entgegenrennt, beides hier erleben zu können, ist noch spezieller», sagt die Baselbieterin. Sie wirkt ausgeglichen. Versöhnt auch mit der Vergangenheit, einer Berg-und-Tal-Fahrt.

Am Donnerstag reiste sie mit Kim Ayla und Partner Jan nach New York, zurück in die Traumfabrik der US Open, wo sie vor 20 Jahren erstmals spielte und 1998 und 2008 jeweils die Viertelfinals erreichte. Weil sie sich im letzten Halbjahr in der Weltrangliste um über 100 Positionen bis auf Platz 198 verbessert hat und noch von Absagen vor ihr klassierter Spielerinnen profitiert, kann sie beim letzten Grand-Slam-Turnier des Jahres die Qualifikation bestreiten. Heute trifft sie in der der ersten Runde auf die 22-jährige Belgierin Ysaline Bonaventure (WTA 281).

Patty Schnyder hat im letzten Halbjahr über 100 Positionen in der Weltrangliste gut gemacht.

Patty Schnyder hat im letzten Halbjahr über 100 Positionen in der Weltrangliste gut gemacht.

KEYSTONE/PETER SCHNEIDER

Für Patty Schnyder ist es die Rückkehr in eine Welt, von der sie einst genug hatte. Am 28. Mai 2011 gibt sie in Paris ihren Rücktritt bekannt. Gebrochen, zermürbt und beelendet von den Schlagzeilen, die sie in den letzten Jahren begleitet hatten. Oft genug hat ihr Leben Stoff dafür geliefert. Erst gerät sie in die Fänge von Heiler Rainer Harnecker, der sie mit Orangensaft-Kuren an die Weltspitze führen will. Dann, weil ihre Eltern mit Rainer Hofmann einen Privatdetektiv auf sie ansetzen, den sie 2003 heiratet. Es kommt zum Bruch.

Akupunkteurin für Hunde

Bis auf Rang 7 der Weltrangliste hat sie es geschafft, elf Turniere gewonnen, stand aber doch immer im Schatten von Martina Hingis. «Alles hat mich frustriert, alles hat mich gestresst. Ich wollte nicht mehr auf der Tour sein, nicht mehr reisen und nicht mehr auf dem Platz stehen.» Anderthalb Jahre rührt sie kein Racket mehr an. Stattdessen lässt sie sich zur Tierpsychologin ausbilden und arbeitet als Akupunkteurin. 2013 folgt die Scheidung von Hofmann, der selber wegen Betrugs verurteilt wird.

Patty Schnyder und Ex-Mann Rainer Hofmann, der wegen Betrugs verurteilt wurde. (Archiv)

Patty Schnyder und Ex-Mann Rainer Hofmann, der wegen Betrugs verurteilt wurde. (Archiv)

Keystone

Danach wird es ruhig um Schnyder, die sich vor den Toren Hannovers niederlässt. Ende 2014 wird sie Mutter von Kim Ayla. Nach ihrer ersten Schwangerschaft will sie unbedingt wieder in Form kommen und sich bewegen. Sie arbeitet mit Junioren, spielt für Braunschweig in der Bundesliga. «Den Ehrgeiz und die Herausforderung zu lieben, ist eine Charaktersache», sagt sie. Die Lust am Kräftemessen kehrt zurück, nicht aber jene auf Schlagzeilen. «Ich bin glücklicher abseits des Platzes», sagt sie im Sommer 2015 bei ihrem ersten Turnier.

Vor Bencic und Vögele

Verhindern lassen sie sich indes nicht, zumal Patty Schnyder in der Weltrangliste inzwischen vor Belinda Bencic (20, WTA 200) oder Stefanie Vögele (27, WTA 202) geführt wird, obwohl sie kein Profi-Leben führt. Vormittags trainiert sie, die Nachmittage gehören Tochter Kim. Ziele setze sie sich keine, sagt Schnyder. Für sie zähle die Freude am Spiel. Vieles in ihrem Leben dreht sich um die gelbe Filzkugel, aber längst nicht mehr alles. Für sie ist New York nur ein Abstecher in die Traumfabrik.

Aktuelle Nachrichten