Abteilung Attacke, «das fleischgewordene Mia san Mia»: Abpfiff für Uli Hoeness beim FC Bayern München

Uli Hoeness hat aus dem FC Bayern ein Imperium gemacht. Und er hat den Spagat zwischen Volksnähe und Kommerz geschafft.

Markus Brütsch
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Uli Hoeness macht Schluss als Präsident des FC Bayern München (Bild: Key).

Uli Hoeness macht Schluss als Präsident des FC Bayern München (Bild: Key).

Die TV-Sendung «Doppelpass» läuft seit 80 Minuten, als beim Aufnahmeleiter das Handy klingelt: Uli Hoeness. Zu Hause am Tegernsee hat sich der Präsident des FC Bayern München den Fussballtalk angeschaut – bis ihm der Kragen geplatzt ist und er nun in die Runde bellt: «Ihr äussert euch total despektierlich über unseren Sportdirektor Hasan Salihamidzic. Speziell dieser Herr Feske, der ja keine Ahnung hat!» Fünf Tage, bevor Hoeness sein Amt beim deutschen Rekordmeister aufgibt, schlägt sich die Abteilung Attacke noch einmal für ihre Leute in die ­Bresche. So, wie seit vierzig Jahren.

27 Jahre jung ist der Metzgersohn aus Ulm damals gewesen, als er die Offerte der Bayern annimmt, deren Manager zu werden. Er hätte zwar lieber weiter Fussball gespielt, doch das ging nicht mehr, nachdem ihn Terry Yorath von Leeds United in der Blüte seiner Laufbahn zum Sportinvaliden getreten hatte. Den schnellsten Stürmer Europas, den Welt- und Europameister.

Für Bayern und die Nationalmannschaft ein grosser Spieler: Uli Hoeness (1974).Bild: Istvan Bajzat/Keystone

Für Bayern und die Nationalmannschaft ein grosser Spieler: Uli Hoeness (1974).Bild: Istvan Bajzat/Keystone

Schnell zeigt sich, dass Hoeness nicht nur ein guter Fussballer war, sondern ein Unternehmer von Gottes Gnaden ist. Er rettet den vor dem Bankrott stehenden FC Bayern und gründet nebenbei eine florierende Wurstfabrik, die heute von Sohn Florian geführt wird. Er verwandelt einen Verein mit einem Jahresumsatz von 12 Millionen Mark dank sportlicher und wirtschaftlicher Kompetenz in ein Fussballimperium, das in der Saison 2018/19 ganze 750 Millionen Euro umsetzt, einen Gewinn von 52,5 Millionen erwirtschaftet und mit seiner finanziellen Stabilität Vorbildcharakter hat. Grosse Trainer wie Giovanni Trapattoni, Louis van Gaal, Ottmar Hitzfeld, Carlo Ancelotti, Jupp Heynckes und Pep Guardiola ­coachen in München.

Der Verkauf von Rummenigge und der Bau der Allianz-Arena

Wenn Hoeness heute zurückblickt, ­erkennt er zwei Meilensteine auf dem Weg des wirtschaftlichen Aufstiegs: Den Verkauf von Karl-Heinz Rummenigge im Jahr 1984 für 12 Millionen Mark an Inter Mailand sowie die 2005 für 340 Millionen Euro fertiggestellte Allianz-Arena, die ganz dem FC Bayern gehört. Bemerkenswert ist dabei, dass ausgerechnet der heutige Vorstandsvorsitzende Rummenigge mit seinem Transfer einst den Grundstein dafür gelegt hat, dass die Münchner seither schuldenfrei sind. Und natürlich gehö­ren auch die strategischen Partnerschaften mit Konzernen wie Adidas, Audi und der Allianz zu den Eckpfeilern des Aufschwungs. Eigenes Geld hat Hoeness nie in den Verein gepumpt.

Dass diese Erfolgsstory überhaupt möglich werden konnte, ist einem Schutzengel zu verdanken. 1982 stürzt Hoeness auf dem Flug zu einem Länderspiel an Bord eines Privatflugzeugs ab und überlebt als Einziger von vier Passagieren. Ein Jäger findet den auf ihn zu kriechenden Schwerverletzten und sagt danach, es sei ein Wunder, dass Hoeness lebend aus diesem Wrack herausgekommen sei. Rummenigge erklärt später: «Uli ist ein Sonntagskind.»

Bis vor ein paar Jahren Recherchen des Magazins «Stern» aufdecken, dass sich Hoeness an der Börse verzockt und Steuern in der Höhe von 28,5 Millionen Euro hinterzogen hat. Es folgen die ­bittersten Stunden seines Lebens. Das Gericht verurteilt ihn 2014 zu drei ­Jahren und sechs Monaten Gefängnis, doch bevor er die Strafe antritt, verspricht er dem Bayern-Volk:

«Das war’s noch nicht!»

Nach 21 Monaten wird er entlassen. Was viele ausserhalb der FC-Bayern-­Gemeinde für unmöglich gehalten haben, wird Tatsache: Hoeness räumt ein, einen Riesenfehler gemacht und dafür gebüsst zu haben – und wird unter tosendem Beifall erneut zum Präsidenten gewählt. Die Frage, weshalb ihm die Leute ein in Deutschland äusserst schwerwiegendes Delikt verziehen haben, ist nicht leicht zu beantworten. Hat es vielleicht mit dem katholischen Glauben zu tun, mit Abbitte? In einer Umfrage, noch vor Beginn des Straf­prozesses, hatten 65 Prozent der Befragten erklärt, sie würden Hoeness verzeihen, falls er reinen Tisch mache.

Zum Geheimnis seiner überragenden Funktionärslaufbahn gehört, dass er den FC Bayern volksnah und immer wie eine Familie geführt hat. Zum ­Oktoberfest erscheint die Mannschaft jeweils in Tracht. «Das muss auch nach meinem Rücktritt so bleiben», sagt Hoeness. «Wir müssen speziell für die Fans in Bayern ein offenes Ohr haben, in Deggendorf und Grafenau, nicht nur in Schanghai und New York», hat Hoeness dem «Kicker» gesagt. Der «Spiegel» schreibt:

«Hoeness ist das fleischgewordene Mia san mia.»

Doch wie in jeder Familie kriselt es selbst beim FC Bayern ab und zu. ­Legendär ist sein Wutausbruch 2007, als Fans an der Mitgliederversammlung für schlechte Stimmung sorgen. «Was glaubt ihr eigentlich, was wir das ganze Jahr über machen, damit ihr für sieben Euro in die Südkurve gehen könnt?», schimpft Hoeness. «Es kann doch nicht sein, dass wir kritisiert werden, obwohl wir uns seit vielen Jahren für euch den Arsch aufreissen.»

Poltergeist Hoeness, ein Patriarch, der polarisiert wie sonst niemand und auf viele arrogant wirkt, der jede Menge Neider hat und für manche ein vom Geld gesteuerter Besserwisser ist, besitzt auch ausgeprägt eine soziale Ader. Rührend, wie er vor Jahren beim Besuch einer Kinderkrebsklinik in der Ukraine Ivan kennen lernt und diesen kurzerhand in einen Jet nach München verfrachtet, wo ihm eine Transplantation des Knochenmarks das Leben rettet. Und wie selbstlos er sich um den alkoholkranken früheren Mitspieler Gerd Müller gekümmert hat.

Lunde wird im Hause Hoeness wochenlang aufgepäppelt

Wie gross das Herz von Hoeness ist, hat auch Lars Lunde erfahren. Als der Stürmer, ausgeliehen von den Bayern an den FC Aarau, 1988 einen schweren Autounfall hat, reist der Manager sofort in die Schweiz. «Er sagte, ich müsse mit ihm nach München kommen, sobald es mein Zustand erlaube. Dann hat er mich wochenlang bei sich zu Hause einquartiert und aufgepäppelt», erzählt Lunde. «Ich werde ihm mein Leben lang dankbar dafür sein.»

Heute Freitag tritt Hoeness an der Jahreshauptversammlung in der Olympiahalle ab. Von sich aus und nicht weggemobbt aus Altersgründen. Der weltbeste Fussballfunktionär, der den deutschen Fussball geprägt hat wie kein Zweiter, legt die Geschicke des kerngesunden FC Bayern als sein Lebenswerk in die Hände des von ihm ausgesuchten Nachfolgers Herbert Hainer. Der 65-Jährige war lange Jahre Chef von Adidas. Mit Oliver Kahn wird zudem der künftige Vorstandschef aufgebaut, der in die Riege von Weltklassespielern wie Beckenbauer, Rummenigge und Hoeness treten wird, die den Klub seit Jahrzehnten erfolgreich führt. «Es wird ein anderer Verein sein, es wird Fehler geben. Ich habe als junger Manager auch viel Mist gebaut», sagt Hoeness. Er wird dem FC Bayern als Aufsichtsrat erhalten bleiben und dafür mit 70000 Euro pro Jahr entschädigt. Über sein Vermögen und sein vormaliges Einkommen existieren unterschiedliche Zahlen. Im Zuge der Aufdeckung seiner Steuerhinterziehung haben Medien von einem geschätzten Vermögen von 500 Millionen Euro und Einkünften von fünf Millionen berichtet.

58 Titel hat Hoeness als Manager und Präsident seinem Klub beschert. 24-mal ist der FC Bayern in diesen fast vier Jahrzehnten deutscher Meister geworden; zuletzt sieben Mal in Folge. Dazu hat er 14-mal den Cup gewonnen und zwei Mal die Champions League. «Was er geschaffen hat, ist ein Märchen», sagt Hitzfeld. Hoeness’ Ehefrau Susi sagt, sie schätze es, wenn Uli nun mehr zu Hause sei. Aber sie weiss: «So richtig loslassen wird er nicht können.» Von Hainer hat er schon mal die Zusage, dessen Büro an der Säbener Strasse benützen zu dürfen, wenn dieser gerade mal nicht da ist.