Alessandra Keller trotzt dem Druck: Nidwaldnerin ist U23-Weltmeisterin 

Die U23-Fahrerin Alessandra Keller zählte zusammen mit Landsfrau Sina Frei zu den WM-Topfavoritinnen. Für die Ennetbürgerin Keller geht alles auf: Sie holt Gold, Frei bleibt Silber.

Martin Platter, Lenzerheide
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Alessandra Keller jubelt bei der Zieleinfahrt an der Mountainbike-WM in Lenzerheide über den Sieg in der U23-Kategorie. (Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller (Lenzerheide, 7. September 2018))

Alessandra Keller jubelt bei der Zieleinfahrt an der Mountainbike-WM in Lenzerheide über den Sieg in der U23-Kategorie. (Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller (Lenzerheide, 7. September 2018))

Die Menge tobt, als Alessandra Keller auf die Zielgerade des WM-Geländes bei der Bergbahn in Lenzerheide einbiegt. Ungewöhnlich viele Zuschauer haben sich bereits am Freitagnachmittag eingefunden, um auch den Nachwuchsrennen der Mountainbike-Weltmeisterschaft beizuwohnen, wo Keller und Titelhalterin Sina Frei als Hauptfavoritinnen ins U23-Rennen gegangen sind.

Die beiden Schweizerinnen wurden ihrer Rolle vollauf gerecht und setzten sich bald vom Rest ab. Bei halber Distanz vermag sich die Nidwaldnerin Keller auch von Frei zu lösen und baut ihren Vorsprung kontinuierlich aus. Mit 90 Sekunden Vorsprung biegt die Ennetbürgerin schliesslich auf die Zielgerade ein. Ungläubig schaut die 22-Jährige immer wieder zurück – wo sie aber keine ihrer Gegnerinnen ausmachen kann – und schüttelt den Kopf, als ob sie es selber nicht glauben kann, was sie gerade geleistet hat.

Im Training eine Verletzung am Knie erlitten

Während 83 Minuten hatte sie gekämpft und gepowert, bis sie alleine an der Spitze war. Ein grosses, schwarzes Tape an ihrem rechten Knie zeugt davon, dass dies keineswegs eine Selbstverständlichkeit war. Bei ihrer ersten Trainingsfahrt auf der WM-Strecke Anfang Woche war sie noch unglücklich ausgerutscht und hatte sich das Knie abgeknickt. Nur mit Schmerzen konnte sie danach noch gehen. «Velofahren ging aber zum Glück noch», fasst Teammanager Ralph Näf zusammen, der beim Malheur dabei gewesen war. Äusserlich gelassen beobachtete er das Renngeschehen und wie seine Fahrerin mit komfortablem Vorsprung von über einer Minute auf die letzte Runde einbog.

Zeigt stolz ihre Goldmedaille: Alessandra Keller (Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller (Lenzerheide, 7. September 2018))

Zeigt stolz ihre Goldmedaille: Alessandra Keller (Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller (Lenzerheide, 7. September 2018))

Der frühere Weltklasse-Mountainbiker Näf, der bei der Streckenkonzeption in Lenzerheide mitgewirkt hatte, wusste, dass das Rennen erst im Ziel zu Ende ist. Als es dann endlich so weit war, lagen sich die beiden in den Armen. Für Näf ist der Sieg seiner Fahrerin keine Überraschung, er erklärt: «Im direkten Vergleich lag Alessandra in dieser Saison immer vor Sina.» Was Näf nicht sagt: Im Vorjahr war es noch umgekehrt, war die Zürcherin Frei aus Uetikon am See die überragende U23-Fahrerin, die an nationalen Wettkämpfen sogar Elite-Weltmeisterin Jolanda Neff die Stirn bot. Das bewog Keller in diesem Jahr zu einer neuen Strategie. Anstatt wie Frei im Weltcup weiterhin in der U23-Kategorie zu starten, bestritt sie die gesamte Saison mit der Elite. Dabei schaffte sie Mitte Juli am Weltcup in Andorra als erste Schweizerin und jüngste Teilnehmerin ihren ersten Triumph im neuen Rennformat Short Track. Auch über die volle Weltcup-Distanz konnte die Ennetbürgerin immer besser mit den Besten mithalten und beendete die Saison als stärkste U23-Fahrerin im vierten Eliterang.

Nach Pech im Vorjahr stimmt für Keller heuer alles

Dass dies beflügelt, zeigte sich an der WM in Lenzerheide. «Ich kann nicht beschreiben, was in mir vorging, als ich als Siegerin über die Ziellinie fuhr», erklärte Keller ihr Kopfschütteln bei der Zieleinfahrt. «Letztes Jahr hatte ich mehr als einmal Pech. In diesem Jahr stimmt einfach alles.» Sie sei einfach ihren Rhythmus gefahren und habe sich auf eine saubere Linie konzentriert. So einfach kann Siegen sein, wenn alles zusammenpasst. Im U23-Rennen der Männer war Vital Albin (20) als Sechster der beste Schweizer. Der Bündner, 2016 WM-Zweiter bei den Junioren und wie Nino Schurter aus der 50-Seelen-Gemeinde Tersnaus, hatte nach einer durchzogenen Saison eine schlechte Startposition, zeigte dann aber ein starkes Rennen. Zum Sprung aufs Podest fehlten ihm schliesslich 42 Sekunden. Der grösste Teil seines Rückstands von 1:47 Minuten auf den Sieger Alan Hatherly aus Südafrika rührte von der Startrunde her.

Alessandra Keller setzt sich nach Rennhälfte von Sina Frei ab. (Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller (Lenzerheide, 7. September 2018))

Alessandra Keller setzt sich nach Rennhälfte von Sina Frei ab. (Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller (Lenzerheide, 7. September 2018))

Mountainbike Lenzerheide. Weltmeisterschaften. Cross-Country. U23. Frauen (25,2 km): 1. Keller (SUI) 1:22:53. 2. Frei (SUI) 1:22 zurück. 3. Tovo (ITA) 1:40. Ferner die weiteren Schweizerinnen in den Top 20: 9. Koller 5:21. 17. Seitz 7:48. – 51 gestartet, 49 klassiert. Männer (29,4 km): 1. Hatherly (RSA) 1:21:22. 2. Blevins (USA) 0:27 zurück. 3. Nordemann (NED) 1:05. Ferner die besten Schweizer: 6. Albin 1:47. 13. Blöchlinger 2:50. 16. Colombo 3:32. – 97 gestartet, 93 klassiert. Das weitere Programm. Heute: Cross-Country Frauen/Männer (12.30/15.30 Uhr). – Morgen Sonntag: Finals Downhill (9.30/10.15/13.00/14.30 Uhr).