Ein letztes Mal «Mythos Valascia»

Ambri-Piotta startet am Donnerstagabend in Bern in die Saison. Für die Leventiner wird es die letzte in der alten Heimat sein. Eine finnischer Topskorer für das Erreichen der Playoffs mitentscheidend sein.

Klaus Zaugg
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Bekannt für eine gute Stimmung bei kalten Temperaturen: Stadion Valascia in Ambri.

Bekannt für eine gute Stimmung bei kalten Temperaturen: Stadion Valascia in Ambri.

Bild: Christian Beutler/Keystone (Ambri, 5. Februar 2016)

Eine Ära geht zu Ende. Nostalgie kommt auf. Fast wie damals, als Herbst 1881 der Postkutschenverkehr über den Gotthard für immer eingestellt worden ist. Bis zur Eröffnung des Eisenbahntunnels im Sommer 1882 gab es nur noch die Möglichkeit einer Schlittenfahrt über den verschneiten Pass und dann war Schluss. 140 Jahre nach dem letzten Postillon vom Gotthard verliert die Leventina im nächsten Sommer ein Stück ihrer Identität. Nach 61 Jahren wird Ambri-Piotta die legendäre Hockey-Kathedrale Valascia verlassen. Wirkt die Nostalgie der letzten Saison beflügelnd oder lähmend?

Eigentlich hätte die Unesco die Valascia, dieses verwitterte, zugige Stadion längst zum Weltkulturerbe erklären müssen. Die Hockey-Trutzburg in einem kargen, wilden Bergtal auf gut 1000 Metern über dem Meeresspiegel, am Fusse steiler Bergflanken, von denen Lawinen herunterdonnern können, wirkt wie aus der Zeit gefallen wie die Postkutschen. Das macht einen Teil ihres Charmes aus. Die Valascia ist ein Sporttempel der heroischen Siege und Niederlagen. Hier ist «La Montanara» zur berühmtesten Siegeshymne des Eishockeys geworden. Ohne die Valascia hätte Ambri nicht europaweit einen mythischen Status. Nun wird Ambri also im Sommer 2021 weiterziehen. Quer durchs Dorf, hinüber ins neue, von Stararchitekt Mario Botta konzipierte Stadion auf dem Gelände des ehemaligen Militärflugplatzes.

Der neue Tempel, 51 Millionen Franken teuer, ist Wirklichkeit geworden, während es in Genf nicht möglich ist, eine neue Arena zu bauen. Auch sonst hat das Management in den letzten Jahren sehr viel richtig gemacht. Der Entscheid 2017 die wichtigsten operativen Jobs an Luca Cereda und Paolo Duca, zwei Söhne Ambris zu vergeben, hat dem Klub die Identität zurückgegeben und revitalisiert. Zwischen 2011 und 2016 bangte Ambri um den Liga-Erhalt und Trainerentlassungen kosteten viel Geld, Energie und Sympathie. Seit Luca Cereda Ambri coacht und Paolo Duca die Sportabteilung managt, ist Ruhe eingekehrt. Und doch lautet die bange Frage: Wird Ambri ohne die Valascia die Identität verlieren? Das ist eine Sorge für später. Nun geht es erst einmal darum, sich würdig aus der Valascia zu verabschieden.

Wie stehen die Chancen?

Trainer Luca Cereda (39) ist die zentrale Figur. Nicht einmal der grosse Scotty Bowman oder Ralph Krueger hätten Ambri in den letzten drei Jahren besser coachen können. Lob gebührt dem jüngsten Trainer der Liga auch für die von ihm vorgelebte hohe Leistungskultur. Er ist die pflegeleichte Antwort auf Arno Del Curto. Aber so viel Talent wie der meisterliche HCD des 21. Jahrhunderts wird Luca Cereda in Ambri nie haben. Es ist so, wie es so oft war und wie es künftig wohl immer sein wird: Siege gegen Ambri müssen die Gegner erdulden. Siege muss Ambri erarbeiten. Was dem Team an Talent fehlt, macht es mit Leidenschaft, Disziplin und aufopfernder Spielweise wett. Inzwischen lebt Ambri diese Leistungsbereitschaft unter Luca Cereda bereits seit drei Jahren. Wir wissen also: Der Trainer ist gut. Aber wie gut ist die Mannschaft? Die Abhängigkeit von einzelnen Spielern ist gross. Nur auf der zentralen Torhüterposition nicht. Auch bei den Goalies ist Ambri mit Benjamin Conz und Damiano Ciaccio gut abgesichert. Aber wehe, wenn Michael Fora ausfällt. Er ist Ambris einziger Schweizer Nationalspieler und kein anderer Schweizer Verteidiger hätte bei der Konkurrenz einen Platz in den ersten zwei Formationen. Ambri ist auf exzellente Torhüterleistungen und in der Rückwärtsbewegung disziplinierte Stürmer angewiesen, wenn es wenigstens für Platz 10 und die Vor-Playoffs reichen soll.

Daniele Grassi kehrt in die Heimat zurück

Die Playoffs sind 2019 auf Platz 5 vor allem dank den Toren von Dominik Kubalik erreicht worden. Er hatte 25 Treffer erzielt und sein Nachfolger Robert Sabolic musste sich letzte Saison mit 5 Toren begnügen. Aber nun kommt Julius Nättinen, der Torschützenkönig der höchsten finnischen Liga und Daniele Grassi ist nach vier Jahren in der Deutschschweiz (Kloten, SCB) heimgekehrt. Von ihm dürfen mindestens zehn Tore erwartet werden. Die offensive Durchschlagskraft ist wieder gross genug, um mehr als 130 Tore zu erzielen. Eigentlich genug, um die Playoffs zu erreichen. Aber zur letzten Saison in der Valascia passen besser dramatische Niederlagen, nur ab und zu unterbrochen durch noch dramatischere Siege. Eine letztes, grandioses Hockey-Drama zum Abschied von dieser Bühne. Irgendetwas zwischen Goethes «Faust» und Tennessee Williams «Endstation Sehnsucht». On Ice natürlich. Zu viel Hollywood und Nostalgie wird zwar vom Spiel ablenken. Aber passieren kann ja nichts. Im Frühjahr 2021 gibt es keinen Absteiger.