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Kommentar

Ambri-Piotta ist ein Meister der Herzen – und des Verstandes

Die National-League-Hockeyaner von Ambri-Piotta lieferten eine Top-Saison ab. Am Dienstagabend ging sie mit dem 1:2 in Biel zu Ende. Eine Analyse zum Eishockey-Highlight der Tessiner.
Klaus Zaugg

Auch ein verlorener Viertelfinal kann ein Stückchen Hockeyhimmel sein. Mit einem Sturmlauf in die Playoffs hat Ambri-Piotta die Schweizer Hockeywelt in Erstaunen versetzt und mit einem letzten grossen Spiel im Viertelfinal in Biel die Herzen gewonnen. Ein Meister der Herzen: Diese Bezeichnung hat kein anderes Hockeyteam so sehr verdient wie Ambri.

Im Sport ist es nicht nur wichtig zu wissen, warum man verloren hat. Noch viel wichtiger ist es, zu erkennen, warum man erfolgreich war. Gerade für Ambri. 2014 hatte es unter Serge Pelletier zum letzten Mal für die Playoffs gereicht (7. Platz). Der Viertelfinal gegen Fribourg-Gottéron ging 0:4 verloren. Aber die Früchte des Ruhmes sollten sich als giftig erweisen. Ein Jahr später stürzte Ambri bis in die Playouts und rettete sich schliesslich gegen die «Miserablen» aus Rapperswil-Jona. Warum dieser Rückschlag? Weil Ambri nicht wusste, warum es erfolgreich gewesen war und sich überschätzte.

Die Playoffs sind damals nur dank glücklichen Umständen, dank dem Punktevorrat aus einem goldenen Herbst, erreicht worden. Am 1. November war Ambri-Piotta Leader. Aber nach der Spengler-Cup-Pause wurden dann nur noch 5 von 18 Spielen gewonnen. Die Einsicht, dass man viel, viel Glück hatte, hätte bei den Tessinern zu Bescheidenheit und Demut führen müssen. Aber der grosse Populist Filippo Lombardi verkündete den Beginn eines neuen Zeitalters. Ambri sei wieder «grande». Obwohl die Mannschaft nur eine durchschnittliche war.

Der Präsident heisst immer noch Filippo Lombardi. Aber der charismatische Politiker hat gelernt und den Sport jenen überlassen, die ihn verstehen. Ambri ist wieder fest in seiner Heimaterde verankert, die es vorübergehend verlassen hatte. Das zeigte sich nach der finalen Niederlage in Biel (1:2). Im Kabinengang wurden Sportchef Paolo Duca und Trainer Luca Cereda, die erst 37-jährigen Architekten des neuen Ambri, zur Saison befragt. Die Antworten waren zwar weitgehend die üblichen, die wahre Profis bei dieser Gelegenheit geben: der Gegner wird gerühmt und den eigenen Spieler für den Einsatz gedankt.

Und doch fällt etwas auf: die echte Bescheidenheit und Demut, mit welcher der Sportchef und sein Trainer die eigene Leistung einordnen. Sie sind sich bewusst, dass es sehr schwer wird, eine Saison wie die soeben zu Ende gegangene zu wiederholen. Sie sagen es nicht nur, weil man das so sagt. Sie wissen, dass es so ist. Natürlich stolziert Filippo Lombardi herum. In den Schwenkbereich jeder TV. Aber sein Auftritt ist folkloristischer Natur. Es gehört zu den Erfolgsgeheimnissen Ambris, dass Sportchef Paolo Duca dafür gesorgt hat, dass sein Präsident keinen Einfluss mehr auf die Seele der Mannschaft nimmt. Diesmal überschätzt sich Ambri-Piotta nicht. Ambri ist ein Meister der Herzen, ja. Aber Ambri ist auch ein Meister des Verstandes.

Kein Schelm, wer fragt, welches Spektakel ein Trainer wie Luca Cereda in Bern, Zürich oder gar Lugano (!) bieten würde. Aber die Frage ist eben auch: Würden sich die Jungmillionäre in Bern, Zürich oder Lugano einem so jungen Trainer wie Cereda unterziehen und so leidenschaftlich für ihn kämpfen wie dies das Team in Ambri tat?

Nein, sie würden nicht. Noch nicht. Vorerst funktioniert Luca Cereda «nur» in Ambri. Aber er ist erst 37 Jahre alt und hat eine grosse Zukunft vor sich. Und weil er seine Situation realistisch einschätzt, wird er seinen «Lehrlingsvertrag» in Ambri nicht auflösen. Mit seinem Vertrag ist es nämlich so eine Sache. Er hat im Sommer 2017 eine Chance als Cheftrainer bekommen. Aber nur mit einem beidseitig jederzeit auf drei Monate kündbaren «Lehrlingsvertrag». «Ich bin froh, dass mir Ambri diese Chance gegeben hat, und ich habe diese Bedingungen akzeptiert», sagte Cereda.

Der wohl begehrteste Jungtrainer der Schweiz könnte also Ambri unter Einhaltung einer dreimonatigen Kündigungsfrist jederzeit verlassen. Oder er könnte pokern. Indem er den Vertrag auflöst und mehr Geld fordert. Aber er wird es nicht tun. Die Bescheidenheit, die er von seinen Spielern fordert, lebt er nämlich vor. «In Ambri stimmt für meine Familie und mich alles. Es gibt keinen Grund, meinen Vertrag aufzulösen. Und ich denke, dass es auch die Gegenseite nicht tun wird …». Cereda hat auf Platz fünf die Playoffs mit einer Mannschaft erreicht, die nominell nicht viel besser ist als jene der Rapperswil-Jona Lakers. Und diese Ambri-Mannschaft wird nächste Saison nominell nicht besser sein. Dominik Kubalik, der wichtigste Einzelspieler der Tessiner, wechselt in die NHL. Da ist es gut zu wissen: Spieler kommen und gehen, Ambri bleibt bestehen. Und der Sportchef und der Trainer bleiben.

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