American Football: Einigung im Klassenkampf

Der Protestführer Colin Kaepernick und die NFL einigen sich aussergerichtlich. Es ist ein abruptes Ende eines faszinierenden Auseinandersetzung.

Nicola Berger
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Friedlicher Protest: Colin Kaepernick (Nummer 7), Quarterback der San Francisco 49ers. (Bild: John Bazemore/AP (San Francisco, 18. Dezember 2016))

Friedlicher Protest: Colin Kaepernick (Nummer 7), Quarterback der San Francisco 49ers. (Bild: John Bazemore/AP (San Francisco, 18. Dezember 2016))

Zu Wochenbeginn hatte Colin Kaepernick wieder einmal Munition erhalten. Der frühere Quarterback der San Francisco 49ers ist ja seit 2016 ohne Job, weil er der Liga und den vornehmlich alten, weissen, konservativen und milliardenschweren Teambesitzern ein Dorn im Auge ist. Kaepernick startete die Spielerproteste gegen Rassismus und soziale Ungerechtigkeit, er kniete sich vor den Partien bei der Nationalhymne auf dem Spielfeld hin, um auf die Probleme aufmerksam zu machen. Ein friedlicher, harm­loser Protest, eigentlich, doch er machte Kaepernick (31) zur Persona non grata.

Der Präsident Donald Trump beschimpfte ihn als «Hurensohn», Kaepernick wurde arbeitslos. Die Mächtigen der Liga sind nicht müde geworden, die einigermassen dreiste Lüge zu verbreiten, es habe nichts mit Politik zu tun, dass er keinen Job mehr finde. Doch ihre Handlungen sprachen lauter als die leeren Worte: Anfang Woche nahmen die Cleveland Browns den Running Back Kareem Hunt unter Vertrag, einen jungen Mann, der vor ein paar Monaten in Kansas City entlassen wurde, weil er eine Frau verprügelt hatte, in einem Hotel – ausgerechnet in Cleveland. Der Fall zeigt einmal mehr die vorherrschende, unappetit­liche Doppelmoral in diesem Land: Häusliche Gewalt ist egal, schnell verziehen und hier bitte, nimm doch noch eine Million mehr, aber wehe, man steht nicht stramm, wenn irgendwo mit klebrigem Pathos eine Nationalflagge durch den Wind weht.

Die «New York Times» schrieb: «Kaepernick hat seine Karriere für eine der grossen amerikanischen Traditionen geopfert: das Recht auf freie Meinungsäusserung.»

LeBron James gratuliert zum Sieg

Kaepernick lag richtig damit, die Liga wegen Verschwörung auf Schadenersatz zu verklagen. Und man kann die aussergerichtliche Einigung vom Freitag als Ein­geständnis der NFL sehen. Doch Details der Übereinkunft wurden nicht publik, höchste Geheimhaltungsstufe, weshalb es nicht der grosse, erlösende Triumph ist, den Kaepernick sich gewünscht haben wird, nicht öffentlich wenigstens. Es gibt Spekulationen, dass er zwischen 40 und 80 Millionen US-Dollar kassiert hat. Eine Entschuldigung der NFL wäre in Kapernicks Kampf ­womöglich mehr wert gewesen, aber vielleicht kommt es einfach auf die Lesart an: LeBron James, der beste Basketballer der Welt, etwa gratulierte Kaepernick zu seinem «Sieg».

Und Steve Kerr, der Coach des NBA-Serienmeisters Golden State Warriors, sagte, Kaepernick werde in den Geschichtsbüchern eines Tages das gleiche Ansehen haben wie Muhammad Ali. Es ist nicht der einzige Erfolg, den Kaepernick in den letzten Monaten hat verbuchen können. Sein im Herbst abgeschlossener Werbevertrag mit Nike hat fast nur ­Gewinner produziert: Der Sportartikelhersteller verkauft mehr Ware, Kaepernick verdient Millionen; sein Name und seine Ideen bleiben im öffentlichen Diskurs.

Und gerade wurde bekannt, dass in Colorado ein Sportwarengeschäft schliessen musste, nachdem es Nike wegen des Kaepernick-Deals boykottierte. Der Besitzer sagte: «So sehr ich es hasse, es scheinen mehr Menschen mit Kaepernick zu sympathisieren, als ich dachte.»

Kaepernicks Karriere als Sportler dürfte zu Ende sein – kürzlich schlug er eine Offerte aus der neu gegründeten Liga American Alliance of Football (AAF) aus, wo er 250 000 Dollar hätte verdienen können. Sein Vermächtnis, seine Ideen aber leben weiter. Die NFL hat sich mit ihrem Geld vielleicht Unschuld gekauft, juristisch gesehen, aber Schweigen ist in diesem Preis nicht erhalten.