Ana-Maria Crnogorcevic ist im Land des grossen WM-Favoriten

Die Schweizer Nationalspielerin Ana-Maria Crnogorcevic steht bei den Portland Thorns unter Vertrag. Vor den WM-Halbfinals redet sie über die amerikanische Fankultur, Ikone Megan Rapinoe und SMS in der Pause.

Sébastian Lavoyer
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Ihre wohl grösste Stärke ist die Physis: Die Amerikanerinnen bejubeln den Treffer zum 1:0 im Viertelfinal gegen Frankreich. (Bild: Ian Langsdon/EPA, Paris, 28. Juni 2019)

Ihre wohl grösste Stärke ist die Physis: Die Amerikanerinnen bejubeln den Treffer zum 1:0 im Viertelfinal gegen Frankreich. (Bild: Ian Langsdon/EPA, Paris, 28. Juni 2019)

Wer Ana-Maria Crnogorcevic vor der WM nach einem Favoriten gefragt hätte, der oder die hätte zur Antwort gekriegt: «Frankreich.» Die Französinnen aber scheiterten im Viertelfinal mit 1:2 an den Amerikanerinnen, insbesondere an Megan Rapinoe, der Capitaine der US-Frauen, 33-jährig, violett eingefärbte Kurzhaarfrisur, eine Kriegerin. Die Amerikanerinnen also treffen heute im Stade de Lumières in Lyon im Halbfinal auf England. Und Crnogorcevic sagt: «Es wird ein enges Spiel gegen England, aber die USA sind jetzt der grosse Favorit.» Auf die Titelverteidigung, muss man anmerken.

Ana-Maria Crnogorcevic. (Key)

Ana-Maria Crnogorcevic. (Key)

Die Thuner Nationalspielerin Crnogorcevic (28) hat 2018 die Bundesliga verlassen und wechselte an die Westküste Amerikas zu den Portland Thorns, die vergangene Saison Platz 2 belegten und derzeit die Liga anführen. Die National Women’s Soccer League pausiert während der WM nicht, ähnlich wie man das zum Beispiel von der NHL während Eishockey-Weltmeisterschaften kennt. In Portland, Oregon, verfolgen 18'000 bis 20'000 Fans die Heimspiele. Das sind auch für amerikanische Verhältnisse viele, aber die Begeisterung für Frauenfussball ist generell höher als in Europa. Und sobald es um die Landesauswahl geht, ist sie gewaltig.

Teamleaderin kritisiert Trump

«Es laufen unglaublich viele Leute im Trikot der Frauennati herum, selbst Basketball-Superstar Lebron James. Es ist das meistverkaufte Trikot», erzählt Ana-Maria Crnogorcevic. «Die Länderspiele sind eigentlich immer ausverkauft, und jetzt während der WM gibt es bei uns Public Viewings, jeder ist informiert, weiss, was wann wo läuft. Die Stars des Teams, Alex Morgan und Capitaine Megan Rapinoe, sieht man praktisch jeden Tag im Fernsehen.»

Megan Rapinoe. (Bild: EPA)

Megan Rapinoe. (Bild: EPA)

Die Ikone Rapinoe, die Leaderin der Amerikanerinnen, ist in den USA bekannt für ihre Direktheit. Sie kritisiert öffentlich den US-Präsidenten Donald Trump, klagt gegen den eigenen Fussballverband wegen Diskriminierung, steht offen zu ihrer Homosexualität. «Sie ist eine sehr coole, superlustige Person», sagt Ana-Maria Crnogorcevic. Rapinoe hat ihre College-Zeit in Portland verbracht. Crnogorcevic: «Kurz bevor sie zur WM nach Frankreich reiste, sind wir zusammen essen gegangen. Ich finde grossartig, wie sie für ihre Meinung einsteht. Sie riskiert alles für ihre Überzeugungen, mit allen Konsequenzen, die das mit sich bringt.» Zugleich ist Rapinoe eine Leaderin auf dem Platz, hat für die USA in der K.-o.-Phase der WM sämtliche Tore geschossen. Es waren vier an der Zahl.

Die wohl grösste Stärke der Amerikanerinnen ist die Physis. «Ich hatte in meiner Karriere wohl noch nie Krämpfe. Aber seit ich hier bin, war ich drei, vier Mal nahe dran. Die Intensität ist wirklich sehr hoch. Ich habe meinen Körper neu kennengelernt», sagt Crnogorcevic. Zugleich würde sie einer jungen Spielerin raten, ihre ersten Schritte in Europa zu machen. «Das taktische Niveau ist schon deutlich höher.» Ausserdem verdient man in den USA auch deutlich schlechter als in Europa. Crnogorcevic: «Eine Spielerin aus Lyon würde niemals hierherkommen, sie bekäme nicht die Hälfte.» In den USA sind die Löhne der Spielerinnen von der Liga vorgegeben. Ein Klub darf nicht mehr als 350000 Dollar pro Jahr an Löhnen zahlen. An ein ganzes Team. Minimallohn: knapp über 15000 Dollar, maximal gibt es etwas über 45000. Das grosse Geld winkt in der Werbung. Alex Morgan soll so pro Jahr rund drei Millionen kassieren.

Selbstvertrauen wird mit Lockerheit kombiniert

Und dann ist da noch diese Kombination aus Selbstvertrauen und Lockerheit des dreifachen Weltmeisters und vierfachen Olympiasiegers. «Hier kommt es schon vor, dass eine Spielerin in der Halbzeit noch kurz das Handy rausnimmt, jemandem eine Nachricht schickt, dann rausgeht und zwei Tore schiesst», sagt Crnogorcevic. «Sobald es losgeht, sind alle voll da. Diesen Fokus bewundere ich.» An den USA scheint kein Weg vorbeizuführen.

Halbfinals. Heute, 21.00: England – USA. – Mittwoch, 21. 00: Niederlande – Schweden. – Samstag, 6. Juli: Spiel um Platz 3. – Sonntag, 7. Juli: Final.