Analyse
Luzern? Basel? Oder Genf? Ist Alex Frei auf dem Markt, spielt die Fussball-Schweiz verrückt

Alex Frei hat seinen Job als Trainer beim Challenge-League-Klub FC Wil überraschend gekündigt. Kurz darauf wird der Schweizer Rekordtorschütze mit diversen Klubs in Verbindung gebracht.

François Schmid-Bechtel
François Schmid-Bechtel
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Alex Frei beendet aus freien Stücken sein Engagement als Trainer beim FC Wil.

Alex Frei beendet aus freien Stücken sein Engagement als Trainer beim FC Wil.

Urs Lindt / freshfocus

Alex Frei ist zwar kein hochdekorierter Coach. Dafür ist der 42-Jährige auch noch nicht lange genug im Trainer-Geschäft. Aber er ist Alex Frei. Ein Synonym für den Aufschwung des Schweizer Fussballs. Rekordtorschütze der Nati. Dazu ein kantiger, polarisierender Typ. Und deshalb mehr als nur irgendein Challenge-League-Trainer, der gerade keinen Job hat.

Wenn Alex Frei auf dem Markt ist, wird diskutiert, spekuliert. Es gibt Trainer, die sich trotz Vertrag plötzlich etwas mehr unter Druck fühlen. Es gibt Sportchefs, die sich überlegen, ob der Frei die bessere Wahl wäre als der aktuelle Trainer. Es gibt Präsidenten, die ihrem Sportchef genau diese Frage stellen.

Naheliegend wäre der FC Luzern. Allein, weil man dort gerade im Krisenmodus feststeckt. Nur zehn Punkte nach 13 Spielen, schlechtester Saisonstart seit sieben Jahren, zweitletzter Tabellenplatz. Da helfen nicht mal die Erinnerungen an den Cup-Triumph vom Sommer, um die Tristesse zu verdrängen. Auch, weil bislang nicht ersichtlich ist, wie dieser Klub die Wende schaffen will.

Was liegt da näher, als den Trainer zu wechseln? Erst recht, weil Fabio Celestini in der Vergangenheit als Fast-FCB-, Fast-YB und Fast-Nati-Trainer in die Schlagzeilen geraten ist. Immer fast, aber nie ganz und vielleicht deshalb auch nicht mehr ganz bei der Sache in Luzern?

Jedenfalls wirkt Celestini derzeit lost, wie die jungen Menschen es heutzutage ausdrücken. Verloren auf dem Trainermarkt, verloren bei seinem Arbeitgeber, verloren im Dickicht seiner vielen Ideen und Inspirationen.

Alex Frei 1999 als Spieler beim FC Luzern.

Alex Frei 1999 als Spieler beim FC Luzern.

Sigi Tischler/Keystone

Warum zaudern? Erst recht, wenn Alex Frei verfügbar ist. Und es passt auch sonst vieles. Frei ist seit vielen Jahren ein Kumpel von Remo Meyer und Götti eines Sohnes des Luzerner Sportchefs. Frei war mal bei Servette Teamkollege von Präsident Stefan Wolf, wobei Frei in seiner langen Laufbahn mit vielen Menschen mal zusammengespielt hat. Und Frei war ja schon zweimal beim FC Luzern engagiert. Einmal als Spieler, einmal als Sportchef. Wobei sein zweites Engagement kein erfolgreiches war.

Frei gab als Sportchef desillusioniert und ausgelaugt auf. Schwamm drüber. Denn der aktuelle Sportchef und wie auch der Präsident war damals noch nicht im Amt. Also alles völlig unbelastet. Oder doch nicht? Es gibt jedenfalls einflussreiche Menschen beim FC Luzern mit dicker Brieftasche, die schon damals an Bord waren. Garantiert würde ihn die Sportchef-Story einholen. Und garantiert würde ein Beziehungsdelikt aus einer Verpflichtung gestrickt, sollte Frei in Luzern Trainer werden.

Will er sich das antun? Will sich Sportchef Meyer das antun? Und Präsident Wolf? Es sind drei intelligente Menschen, denen die Fallen des Fussball-Business bekannt sind.

Degen und Frei: Könnte das überhaupt funktionieren?

Für Basel-Trainer Patrick Rahmen indes ist Freis Abgang keine gute Nachricht. Rahmen wurde von Marco Streller zum FCB geholt. Aber Streller hat beim FCB sportlich nichts mehr zu sagen. Der Mann, der die Richtung vorgibt, ist David Degen. Er krempelt den Klub nach seinem Gusto um, was nicht für alle Angestellten aus der Ära Burgener ein Vorteil war. Ausserdem hält Degen nicht allzu viel von Rahmen. Daraus macht er keinen Hehl, wenn ihm die Darbietung auf dem Rasen nicht gefällt. Was also liegt näher, als Rahmen durch Frei zu ersetzen?

In Basel würde Frei nicht von seiner Vergangenheit eingeholt, obwohl er eine hat. Und was für eine: Junior, Starspieler, Junioren-Trainer, Fast-Profitrainer. Klar, der Wechsel nach Wil vor knapp eineinhalb Jahren wirkte wie eine Flucht. Aber wer will ihm diese verübeln, wenn man die chaotischen Zustände und die Orientierungslosigkeit, die damals beim FCB unter Präsident Bernhard Burgener geherrscht haben, in Betracht zieht?

Der heutige FCB-Mitbesitzer David Degen (links) und die beiden Klub-Ikonen Marco Streller und Alex Frei bei einem Matchbesuch im Mai 2016.

Der heutige FCB-Mitbesitzer David Degen (links) und die beiden Klub-Ikonen Marco Streller und Alex Frei bei einem Matchbesuch im Mai 2016.

Georgios Kefalas / KEYSTONE

Ausserdem: Die Leute, wegen denen er damals den FCB verlassen hat, also Burgener und CEO Roland Heri, sind weg. Unproblematisch wäre für Frei ein Comeback bei seinem Herzensverein gleichwohl nicht. Mit Rahmen würde er einen Trainer verdrängen, der bei den Fans äusserst beliebt ist. Ausserdem ist da ja noch der nicht ganz unerhebliche Faktor David Degen.

Man fragt sich: Wie käme Frei damit zu Recht, wenn er einen Vorgesetzten hätte, der früher in der Hierarchie klar unter ihm stand. Die vertauschten Rollen könnte er vielleicht noch akzeptieren. Aber nicht, wenn der Chef alles bestimmt, nach weniger guten Auftritten in der Kabine drauflos poltert und mehr oder weniger offensichtlich Einfluss auf die Aufstellung nehmen will.

Vielleicht geht die nächste Türe in Genf auf. Dort macht Trainer Alain Geiger mit Servette gerade eine schwierige Zeit durch. Was für Genf spricht: Die Mannschaft ist viel besser als ihr Tabellenrang (8). Ausserdem hat Servette das Potential, sich als dritte Kraft im Schweizer Fussball hinter YB und dem FCB zu etablieren.

Warum der Abgang beim FC Wil?

Bleibt die Frage: Warum schmeisst Alex Frei während der Saison seinen Job beim FC Wil hin? Und das, obwohl er bis dato kein Angebot vorliegen hat. Stösst er mit seiner ehrgeizigen, fordernden Art in Wil an die Grenzen?

Nun, Frei war sich sehr wohl bewusst, dass er sich in Wil auf bescheidenes wirtschaftliches Terrain begibt. Was für ihn kein Problem ist, weil Prestige und Status für ihn unwichtig sind. Klar, er ist ein Getriebener. Ein Ehrgeizling durch und durch. Sonst hätte er es nie zum Profi geschafft, geschweige denn zum Rekord-Torschützen der Schweiz.

Den Grund für Freis Abgang finden wir nicht bei der Qualität der Spieler oder den beschränkten finanziellen Mitteln. Wahrscheinlicher ist: Frei vermisste im Klub die Bereitschaft, in seinem Sinn alles für den Erfolg zu unternehmen. Er spricht für ihn als Trainer und als Menschen, wenn er dann die Konsequenzen zieht.

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