Analyse
Marc Lüthi tritt als CEO des SC Bern ab: Warum sich dennoch nichts ändern wird

Nach fast einem Vierteljahrhundert legt Marc Lüthi beim Berner Schlittschuhclub sein Amt nieder. Der CEO räumt seinen Posten und macht Nachfolger Raëto Raffainer Platz. Dem wird nachgesagt, ein «Plauderi» zu sein. Zudem müsste der Verein den Trainer spicken. Unsere Analyse.

Klaus Zaugg
Klaus Zaugg
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Marc Lüthi räumt seinen CEO-Posten.

Marc Lüthi räumt seinen CEO-Posten.

Keystone

Wenn der erfolgreichste Sportmanager dieses Jahrhunderts geht, dann ist eine Ära zu Ende. Marc Lüthi (60) verlässt nach 24 Jahren am 1. September die Kommandobrücke beim SC Bern. Er hat den SCB 1998 aus der Nachlassstundung erlöst, zu einem Sport- und Gastro-Konzern mit 60 Millionen Franken Umsatz gemacht, in 22 von 24 Jahren schwarze Zahlen geschrieben und sechs Titel gefeiert. Er macht Raëto Raffainer (40) Platz. Aber es ändert sich eigentlich nichts. Weil Lüthi das Präsidium des Verwaltungsrates übernimmt.

Der neue CEO ist ein «Plauderi», sagen konservative Berner

Raëto Raffainer, zuvor Sport­direktor beim Verband und in Davos, ist eigentlich der perfekte Mann für die Übernahme der zentralen SCB-Führungsposition: Ein sehr guter Kommunikator, bestens vernetzt, hockeypolitisch schlau und er vermag zu begeistern. Er ist im Januar 2021 mit dem Ziel von Davos nach Bern herab­gekommen, Marc Lüthi zu beerben. Dank der sportlichen Dauerkrise (an der er als Obersportchef mitschuldig ist) hat er dieses Ziel früher erreicht als erwartet. Sein grösstes Handicap: Er meint, er kenne Marc Lüthi und verstehe den SCB und die Berner. Aber Bern ist ihm nach wie vor so fremd wie Kalkutta. Deshalb redet er öffentlich viel zu viel und drescht viel zu oft Ausreden. Konservative Berner halten ihn für einen «Plauderi».

Er wird das neue Gesicht beim SC Bern: Der derzeitige Obersportchef Raëto Raffeiner.

Er wird das neue Gesicht beim SC Bern: Der derzeitige Obersportchef Raëto Raffeiner.

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Dass Marc Lüthi nun SCB-Verwaltungsratspräsident wird, ist auf den ersten Blick richtig und logisch. Und auf den zweiten Blick ein riskanter Schritt mit unbezahlbarem Unterhaltungswert: Er kann nicht über seinen Schatten springen. Er ist ein «Alphatier». Der SCB ist tief in seine DNA eingebrannt. Lüthi kann die operative SCB-Chefposition aufgeben. Aber es ist unmöglich, den SCB-Chef aus ihm herauszunehmen: Er wird als Vorsitzender des höchsten SCB-Gremiums weiterhin in allen wichtigen Dingen das letzte Wort haben. Kommt dazu: Marc Lüthi hat auch in Latzhosen im Quadrat mehr Charisma als sein Nachfolger im Sonntagsgewand.

Eigentlich müsste ein neuer Trainer her

Raëto Raffainer hat sein Ziel zwar zügig erreicht. Aber er bleibt die Marionette von Marc Lüthi. Er weiss es nur nicht. Aber alle im SCB und in Bern wissen es, hüten sich indes davor, ihm das zu sagen. Klüger wäre es gewesen, wenn sich Marc Lüthi mit der Nebenrolle eines Verwaltungsrates begnügt oder besser noch ganz aus dem SCB auf eine Position als «Elder Statesman» und weiser Ratgeber zurückge­zogen hätte. Aber er kann nicht über seinen Schatten springen. Nach dem Motto: Hier stehe ich, ich bin SCB-Chef und kann nicht anders.

Eines ist ob der weitgehend hausgemachten Turbulenzen seit dem letzten Titel von 2019 im Management fast vergessen gegangen: Der SCB ist eine Sportfirma. Der sportliche Erfolg ist zwar nicht alles. Aber ohne sportlichen Erfolg ist alles nichts. Ein Neuanfang mit allerlei neuen Spielern und untermalt von den Posaunen des Optimismus müsste ein Neuanfang mit einem neuen Trainer sein. Johan Lundskog hat nahezu auf der ganzen Linie versagt und kein Trainer der SCB-Geschichte (seit 1931) hätte sich mit seinem Leistungsausweis im Amt halten können.

Trainer Johan Lundskog hat keine Argumente geliefert, den SCB auch in der nächsten Saison zu führen.

Trainer Johan Lundskog hat keine Argumente geliefert, den SCB auch in der nächsten Saison zu führen.

Freshfocus

Dass er trotzdem bleibt, ist nicht das Resultat einer ehrlichen sportlichen Analyse. Seine Weiterbeschäftigung hat rein politische Gründe: Eine Ent­lassung des Schweden wäre das Eingeständnis eines weiteren schweren sportlichen Irrtums gewesen. Dieser Entscheid ist auch typisch für die dem SCB seit den Jahren des Ruhmes mit drei Titeln zwischen 2016 und 2019 innewohnenden Arroganz und Ignoranz: Wir wissen alles besser. Wir machen alles anders.

Dem SC Bern fehlt es an Tiefe im Kader

Der sportliche SCB-Neubeginn wird so geprägt von einem alten Trainer, an den im Umfeld niemand mehr glaubt. Der Trainer ist nun der Elefant im Raum, den niemand in Frage stellen darf. Und Marc Lüthi wird feststellen, dass er sich im Falle einer Krise als Präsident noch mehr aufregt als während seiner Zeit als Manager: Seine Freunde werden dann an ihn herantreten und sagen: «Marc, du musst eingreifen.» Und er wird eingreifen.

Raëto Raffainer pflegt zwar zu sagen, nächste Saison werde alles besser. Aber es ist noch nicht ganz sicher, ob alles besser wird: Bei grossem Transferumsatz ist die Mannschaft nominell auch dann nicht viel besser, wenn Sven Bärtschi kommt. Weil ein Problem nicht gelöst ist, das bei der Krise dieser Saison (11. Platz, nicht einmal Pre-Playoffs erreicht) eine zentrale Rolle spielte: die fehlende Kadertiefe. Der SCB wird in der kommenden Saison auf gleich dünnem Eis stehen.

Werden die Berner auch in der kommenden Saison über viele Niederlage sinnieren müssen?

Werden die Berner auch in der kommenden Saison über viele Niederlage sinnieren müssen?

Keystone

Der SCB hat die treusten Anhängerinnen und Anhänger Europas. Sie werden noch einmal ihre Saisontickets kaufen. Aber eine vierte sportlich missglückte Saison wird den SCB auch wirtschaftlich in den Grundfesten erschüttern und auf den Stand von 1998 zurückwerfen. Mit dem Unterschied, dass es dann keinen neuen Marc Lüthi für den Neuaufbau geben wird. Und der «alte» Marc Lüthi kann kein zweites ­Wunder mehr vollbringen.