Analyse
Patrick Fischers Irrtum, Grégory Hofmanns Versagen: Die Schweizer Eishockey-Nati scheitert im Viertelfinal

Die Schweizer Eishockeyspieler sind in Peking nach einem 1:5 gegen Finnland im Viertelfinal ausgeschieden. Die olympische Medaille war nahe. Und doch so fern.

Klaus Zaugg
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Enttäuschte Schweizer nach dem 1:5 gegen Finnland.

Enttäuschte Schweizer nach dem 1:5 gegen Finnland.

Matt Slocum / AP

Jede Analyse beginnt und endet mit dem Torhüter. Der Goalie macht die Differenz. Erst recht auf diesem Niveau. Bisher hat Patrick Fischer immer dann Leonardo Genoni vertraut, wenn es nur Sieg oder Ausscheiden gegeben hat. Bei der Silber-WM 2018. Bei der WM 2019 und 2021 und schliesslich hier in Peking im Achtelfinal gegen Tschechien. Zugs letzter Mann war auf diesem Niveau in einem entscheidenden Spiel noch nie der Grund für die Niederlage. Aber mehrmals der Grund für grosse Siege. Zuletzt am Vortag beim 4:2 im Achtelfinal gegen Tschechien.

Aber Patrick Fischer hat gegen Finnland Reto Berra vertraut. Was er auch für Gründe für diesen mutigen Wechsel haben mag: Er hat falsch entschieden und trägt Mitverantwortung für das Scheitern. Das mag hinterher eine billige Kritik sein. Aber wer mutwillig auf einen Leonardo Genoni verzichtet, der gerade in Hochform den grossen Sieg gegen Tschechien ermöglicht hat, der «heiss» ist und bei diesem Turnier eine Fangquote von über 95 Prozent aufweist, darf sich hinterher bei den Hockey-Göttern nicht über eine Niederlage beklagen. Oder wer es polemisch mag: Wer den Genoni nicht ehrt, ist den Halbfinal nicht wert.

Der Irrtum mit Reto Berra

Reto Berra hat das bereits wegweisende 0:1 mitverschuldet. Die Schweizer haben gegen Finnland trotzdem nicht wegen Reto Berra verloren. Aber eben auch nicht wegen ihm gewonnen. Das ist entscheidend. Nach dem dritten Gegentreffer holt ihn Patrick Fischer vom Eis (24. Minute) und ersetzt ihn durch Leonardo Genoni. Der Meistergoalie wird keinen Treffer zulassen. Beim 1:4 und 1:5 hat er einem sechsten Feldspieler Platz gemacht.

Wenn unser Nationaltrainer schon kurz nach der ersten Pause nach dem 0:3 den Torhüter auswechselt, dann wird sein Irrtum offensichtlich.
Es hat allerdings nicht nur ganz hinten bei den Goalies gefehlt. Noch mehr hat es ganz vorne gefehlt. Wo war Grégory Hofmann? Wo war Denis Hollenstein? Wo war Gaëtan Haas? Wo war Denis Malgin? Wo war Fabrice Herzog? Wo war Simon Moser? Wo war Sven Andrighetto?

Viel zu viele Fragen. Die offensiven Könige der heimischen Rinks waren vor dem gegnerischen Tor die Bettler von Peking. Die bitterste Enttäuschung ist Grégory Hofmann. Weil er das Talent (Tempo, Schusskraft) hat, um auf internationalem Niveau die Differenz zu machen. Wenn er nicht trifft – wer dann? Und darüber hinaus hat er mit Abstand die schlechteste Plus/minus-Bilanz (–8) des ganzen Teams.

Nur Ambühl hat sein Potenzial ausgeschöpft

Denis Hollenstein braucht zur Entfaltung seiner spielerischen Herrlichkeit mehr Raum und Zeit. Das kleinere Eisfeld hat ihn eingeengt. Gaëtan Haas war ein zäher Leitwolf. Aber ihm fehlt die Explosivität für dieses Niveau. Das Aufgebot von Fabrice Herzog war ein Irrtum. Simon Moser verdankt seine Nomination mehr seinen Verdiensten (ein Leitwolf in den Silberteams von 2013 und 2018) und seiner Postur als den Leistungen der Gegenwart. Für grosse Taten auf internationalem Niveau ist er inzwischen viel zu langsam. Denis Malgin verpasste die ersten zwei Spiele nach einem positiven Coronatest, und dann hat er auch kein Glück: In der 42. Minute trifft er den Pfosten statt zum 2:3.

Sven Andrighetto blieb im Niemandsland zwischen Selbstvertrauen und Selbstzweifel stecken. Ein «Sniper» ist ohne Selbstvertrauen wirkungslos. Nur Andres Ambühl hat sein Potenzial vollumfänglich ausgeschöpft. Mit 38 Jahren der Älteste des Teams und noch immer die beste Kombination aus Tempo, Beweglichkeit und Schlauheit. Er ist mit zwei Treffern unser bester Torschütze.

So endet die Peking-Expedition mit dem Ausscheiden im Viertelfinal und einer statistisch bedenklichen Bilanz: vier Niederlagen und ein einziger Sieg. Aber die Statistik sagt nicht die ganze Wahrheit. Der Halbfinal war das vielleicht etwas zu oft verkündete und hinausposaunte Ziel. Wenn unter diesen Voraussetzungen ein Ziel nicht erreicht wird, ist die Versuchung gross, boshaft von Maulhelden zu reden.

Trainer Fischer muss bei gewissen Spielern vom Kuschelkurs abkommen

Die Schweizer nun als Maulhelden zu bezeichnen wäre tatsächlich boshaft. Ja geradezu bösartig. Sie waren besser als es die Statistik und der achte Schlussrang vermuten liessen. Nach den drei verlorenen Partien der Vorrunde hatte Patrick Fischer die Abstimmung gefunden, die Instrumente gestimmt. Seine Mannschaft war gut genug, um eine Medaillen-Sinfonie zu spielen. Aber es ist wegen der offensiven Bettler eine unvollendete geblieben. Es ist, wie es ist: Eine olympische Medaille war nahe. So nahe wie noch nie seit 1948. Aber eben doch so fern.

Damit wir in Zukunft den Medaillen wieder etwas näherkommen, auch dann, wenn die NHL-Titanen nicht da sind, um die Kabine zu managen und als Leitwölfe voranzugehen, braucht es keine Magie. Kein Schelm, wer denkt: Vielleicht wäre es an der Zeit, dass Patrick Fischer bei gewissen Spielern von seinem Kuschelkurs abkommt und die Schraube ein paar Umdrehungen anzieht. Er darf nach der miserablen Leistung in Peking bei Grégory Hofmann nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Bei der Wahl des Goalies darf er sich irren. Aber Leistungen wie die von Grégory Hofmann darf er nicht akzeptieren. Punkt.