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Von wegen Sherlock Holmes:
IV-Detektive sind Durchschnittstypen

Wie beschatten Detektive mutmassliche Betrüger? Und bringt ein Blick ins Schlafzimmer nützliche Erkenntnisse? Der Chef einer Firma zur Missbrauchsbekämpfung erzählt.
Kari Kälin
Detektiv Markus Indergand in seinem Büro in Rotkreuz. (Bild: Manuela Jans-Koch (13. November 2018))

Detektiv Markus Indergand in seinem Büro in Rotkreuz. (Bild: Manuela Jans-Koch (13. November 2018))

Mittelgross, mittelschlank, keine extravagante Frisuren, keine auffälligen Piercings, keine grossflächigen Tätowierungen, neongelbe Turnschuhe wären schlecht, ausgefallene Kleider ebenso, sonst würde man auffallen. Das dürfen Detektive nicht. Sonst könnten sie ihre Aufträge nicht erledigen. Vielleicht würden die mutmasslichen Betrüger, wenn sie die Überwachung ahnen, ihr Verhalten dem angeblichen Krankheitsbild anpassen. Beste Voraussetzungen für Detektivarbeit bringen also mit: optische Durchschnittstypen.

Markus Indergand arbeitete 18 Jahre lang bei der Kantonspolizei Aargau und 15 Jahre bei einer Versicherungsgesellschaft im Bereich der Missbrauchsbekämpfung. Heute ist er Geschäftsführer der Weico AG im Kanton Zug. Indergand schickt seine Mitarbeiter los, wenn ein Unfallversicherer oder eine kantonale IV-Stelle Anhaltspunkte für Tricksereien hat, sie aber ohne Überwachung nicht belegen kann. Oder besser: schickte los. Denn seit der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 2016 und später auch das Bundesgericht Observationen für unzulässig erklärten, fallen solche Aufträge weg. Indergand musste drei Mitarbeiter, die Hälfte seiner Angestellten, entlassen. Heisst das Volk das neue Gesetz zur Überwachung von Versicherten gut, dann würde Indergand sie wieder einstellen. «Sie haben Interesse signalisiert», sagt er.

Freipass für willkürliche Überwachungen?

Das Gesetz stösst auf Widerstand. Das Komitee «Versicherungsspione Nein» hat das Referendum ergriffen, auch ein liberales Komitee hat sich gegen die Überwachung formiert. Die Gegner warnen vor einem Freipass für willkürliche Überwachungen, die nicht einmal vor dem Schlafzimmer halt machen.

Ein Blick ins Schlafzimmer, haben das Indergands Detektive je gemacht? «Nein, und das würden sie auch in Zukunft nie tun», sagt er. Die Rechtsprechung sei klar. «Von der Intimsphäre dürfen Detektive keine Filmaufnahmen machen», sagt Indergand. Er bezweifelt auch, dass man damit bahnbrechende Erkenntnisse gewinnen würde.

Haben Firmen, die Observationen anbieten, ein Interesse daran, den Sozialversicherungen möglichst belastendes Material abzuliefern, damit diese Renten streichen können? Die Gegner des neuen Überwachungsgesetzes wittern solche Fehlanreize. Indergand kontert: «Wir erhalten weder einen Bonus noch partizipieren wir an den Einsparungen, die ein Versicherer erzielt.» Ausserdem müssten die Observationsergebnisse vor Gericht standhalten. «Firmen, die das nicht gewährleisten, erhalten sehr schnell keine Aufträge mehr», sagt Indergand.

Spektakulär verlaufen die Observationen nicht. Die Detektive, ausgerüstet mit handelsüblichen Kameras, beobachten die Zielpersonen im Alltag, beim Einkaufen, beim Autofahren und so weiter, manchmal eben auch bei Arbeitseinsätzen, zu denen sie angeblich nicht fähig sind. Zu Direktkonfrontationen zwischen Überwacher und Überwachtem komme es nie, sagt Indergand. Auch nicht zu Handgemengen oder wilden Verfolgungsjagden, wie man das aus Krimis kennt. «Wir halten uns strikt an die Verkehrsregeln», sagt Indergand.

GPS-Tracker, die man bei einem Ja zum neuen Gesetz künftig nach einer richterlicher Genehmigung verwenden darf, würde Indergand einsetzen, zum Beispiel an Autos von Personen, die Tempolimiten missachten und dadurch andere gefährden. In den meisten Fällen beobachteten Indergands Mitarbeiter Männer, die vorgeben, wegen körperlicher Beschwerden nicht arbeiten zu können. Wenn man sie dann ertappt, wie sie gekonnt auf Baugerüste klettern und während längerer Zeit anstrengende Arbeiten ausführen, dann liegt der Verdacht nahe, dass etwas nicht stimmen kann. Vorgetäuschte psychische Leiden seien schwieriger zu dokumentieren, sagt Indergand.

Drohungen von Ertappten

Nach Abschluss einer Beobachtung erstellt Indergand einen Bericht zuhanden des Auftraggebers. Manchmal erhält er Drohungen von Personen, denen die Rente wegen des Ergebnisses der Überwachung eingestellt oder gekürzt wird. Das überrascht nicht. Manchmal verlieren diese Menschen ihre eigentliche Lebensgrundlage. Es gebe aber, so Indergand, auch Leute, die gelassen mit dem Verdikt umgingen und sagten: «Ich habe es halt einmal versucht.» Bei rund der Hälfte der IV-Fälle bestätigt sich der Verdacht auf Missbrauch nicht. Betroffene leiden bisweilen nach einer Überwachung. Plagt Indergand ein schlechtes Gewissen, wenn jemand observiert wurde, der gar niemanden hintergeht? «Nein», sagt er. Denn somit könne beim Versicherer der Verdacht ausgeräumt werden, dass eine Person zu Unrecht Leistungen beziehe.

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