ANSICHTEN: Wenger ist Arsenal und Arsenal ist Wenger

Kolumne vom in London wohnhaften Musiker Gabriel Felder.

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Ernüchterung bei Arsène Wenger nach dem 1:5 in München.

Ernüchterung bei Arsène Wenger nach dem 1:5 in München.

Arsène Wenger geniesst einen ganz besonderen Platz in der schnelllebigen Manege der englischen Premier League: Der gebürtige Franzose steht seit über 20 Jahren am Steuer des ikonischen Nordlondoner Clubs und teilt die ersten fünf Buchstaben seines Vornamens mit dem Namen seines Vereins. Mit anderen Worten: Wenger ist Arsenal und Arsenal ist Wenger. Die oft zitierte Weisheit, dass «schlussendlich jeder ersetzbar ist», schien in seinem Fall immer irgendwie bedeutungslos. Die «Gunners» ohne «Le Professeur»? Undenkbar.

Seit ein paar Jahren, ausgerechnet ums 20-Jahr-Berufsjubiläum Wengers herum, schleichen sich nun Zweifel ins Gefüge des Emirates Stadium ein. Wengers Zurückhaltung, an den berühmt-berüchtigten Transferverhandlungen um neue Spieler mit Elan und offenem Portemonnaie teilzunehmen, haben schon immer Kritiker auf den Plan gerufen. Seine finanzielle Strategie der Vor- und Weitsicht vermochte diese Stimmen nie wirklich zu beruhigen. Auch die Tatsache, dass auf dem 400 Millionen Pfund schweren Stadionneubau (umgerechnet eine halbe Milliarde Schweizer Franken) eine heftige Hypothek lastet, galt als schwaches Argument bei einer Schicht von Fans, die lautstark auf Verstärkung pochte. Fehlende Finanzen? Im Gegenteil: Der Arsenal Supporters’ Trust sprach in einem Communiqué letzten September von einer «sehr starken finanziellen Position, in der sich Arsenal befindet», und es sei «enttäuschend», dass man nur gerade Torhüter Petr Cech neu unter Vertrag genommen habe. Als Anhänger kriegt man jedoch oft nur Verkürzungen und Schlagworte zu sehen, und es muss ungemein herausfordernd sein, sämtliche Fraktionen eines Millionenunternehmens zufriedenzustellen.

Das Champions-League-Spiel vom vergangenen Mittwoch wird die Spekulation um Arsène Wengers Zukunft weiter intensivieren. «Wenger muss gehen», lautete das Fazit der «Times», die den 5:1-Kollaps gegen Bayern München in einer schonungslosen Analyse als «Arsenals dunkelste Stunde» bezeichnete. Auch der «Guardian», von dessen Redaktionsstube man fast aufs Arsenal-Stadion sehen kann, schreibt in seiner gestrigen Ausgabe von «Wengers langer Abschiedstournée». Seine Weigerung, in der knapp gehaltenen Pressekonferenz nach dem Spiel die eigene Zukunft zu diskutieren, sei deplaziert: «Das Tempo, mit dem die Mannschaft in der zweiten Hälfte auseinanderfiel, lässt nichts Gutes ahnen für den Manager.»

Die britische Sportpresse zeichnet sich durch gnaden­losen Biss aus, und es braucht einen breiten Rücken, um sich nicht von Schlagzeilen wie «Wenger muss gehen» beeindrucken zu lassen. Der unausgesprochene Konsens lautet, dass man sich dem Mediendruck beugt, die Zeichen erkennt und mit mehr oder weniger Würde zurücktritt – im Sport wie auch in der Politik.

Arsène Wengers Verwurzelung in einer gallischen Tradition der Souveränität und Eigenwilligkeit lässt hoffen, dass er sich nicht von einem bayrischen Albtraum umhauen lässt. Seine Errungenschaften haben in meinen Augen immer noch eine beeindruckende Stahlkraft: ein Stadion der Weltklasse, eine Handvoll exzellenter Spieler (obwohl ich auch finde, dass es noch Platz hat für ein paar Mesuts) und eine solide Verankerung im oberen Tabellenfeld der Heimliga. Zudem wünsche ich Wenger einen Abgang von der Premier-League-Bühne, wie ihn Manchester-United-Legende Alex Ferguson geniessen konnte. Vom Bayern-Spiel gibt es klare Lektionen zu lernen (Stichwort: mentales Standvermögen). Reicht die Schlappe für den Abschuss einer Ikone? «Pas du tout», lautet meine Bilanz im Dialekt des Angeklagten. Noch nicht.

Gabriel Felder, London

Gabriel Felder lebt in London. (Bild: PD)

Gabriel Felder lebt in London. (Bild: PD)