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Ariella Käslin blickt zurück: «Ich höre nicht auf, bis ich eine Medaille gewonnen habe»

Die Luzernerin ist die erste Schweizer Europameisterin im Kunstturnen. Als 21-Jährige gewann Ariella Käslin 2009 die Goldmedaille an der EM in Mailand. Heute blickt die 32-Jährige auf diesen Moment zurück.

Simon Wespi
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Sie hat an Olympischen Spielen teilgenommen, räumte WM- und EM-Medaillen ab und wurde dreimal in Serie zur Schweizer Sportlerin des Jahres gewählt. Sie prägte die nationale Kunstturnszene wie keine andere. Ariella Käslin berührte die Sportschweiz mit ihren Erfolgen und sorgte für Gänsehautmomente. Einer dieser Momente, als die Nation den Atem anhielt, war am 5. April 2009. Also fast auf den Tag genau vor elf Jahren. Noch einmal mitfiebern, die Daumen drücken und dann ist sie da. Die lang ersehnte Goldmedaille.

Stolz präsentiert Ariella Käslin ihre gewonnene Goldmedaille.

Stolz präsentiert Ariella Käslin ihre gewonnene Goldmedaille.

Bild: Philipp Schmidli (Mailand, 5. April 2009)

2005 nahm die Kunstturnerin erstmals an einer Europameisterschaft teil. In ihrer Paradedisziplin – dem Sprungpferd – reichte es für Rang 4. Auch drei Jahre später verpasste sie als Vierte das Podest wiederum nur knapp. 2008 an den Olympischen Spielen in Peking sprang Käslin auf den 5. Platz. Ein beachtliches Resultat, doch die Luzernerin gab sich damit nicht zufrieden. «Ich höre nicht auf, bis ich eine Medaille gewonnen habe.»

Ariella Käslin heute: Ironman, Physiotherapie und Workshops

(swe) Ariella Käslin erklärte 2011 infolge einer Erschöpfungsdepression den Rücktritt vom Spitzensport. In einem Buch gab sie Einblicke über die dunklen Seiten der Kunstturnwelt. Käslin studierte Sport und Psychologie an der Uni Bern. Aktuell befindet sie sich zudem in der Ausbildung zur Physiotherapeutin. «Ich bin zurzeit in meinem ersten Praktikum. Es ist sehr spannend.» Des Weiteren hält die ehemalige Turnerin Referate und bietet Workshops für Firmen an. «Wir fördern dessen Psychologie und Physiologie», erklärt Käslin. Sie treibt weiterhin gerne Sport. Regelmässig nimmt sie an einem Ironman teil. Ausdauersport und neue Challenges treiben Ariella Käslin an. Die gebürtige Luzernerin wohnt mit ihrem Partner in Buchs im St. Galler Rheintal.

Ihr Fokus richtete die damals 21-Jährige auf die EM 2009 in Mailand. Es sollten die Tage werden, wo so ihre Früchte sehnlichst ernten kann. Im Mehrkampf holte sie überraschend die Bronzemedaille. «Dies war sehr unerwartet. Denn ich hatte den Mehrkampf nicht im Hauptfokus», erinnert sie sich.

Krämpfe und Ernährung als Hindernisse

Am Tag darauf stand ihre Paradedisziplin auf dem Programm. Käslin: «Ich habe mich sehr gut gefühlt. Die Bronzemedaille hat mir den Sprungwettkampf erleichtert.» Oft habe sie jeweils vor dem Sprung Krämpfe in den Beinen gespürt. Nicht so in Mailand. Auch habe sie immer sehr stark auf die Ernährung schauen müssen: «Ich war damals drei bis vier Kilo schwerer und musste nicht auf das Gewicht schauen. Das kam mir sehr entgegen.» Käslin lässt tief blicken. Rückblickend sagt sie:

«Ich hatte jeweils auch etwas Angst vor dem Sprung, wenn ich nicht zu 100 Prozent fit war.»

Die Turnerin hat sich stets gleichermassen auf den Wettkampf vorbereitet. Rituale seien dabei wichtig gewesen. «Ich habe immer dasselbe gegessen und das Gleiche angezogen.» Im Kopf habe sie ihre Gedanken kanalisieren können. Auch wiederkehrende Bewegungen als Routine, um nicht abzukühlen, hat die Turnerin ausgeführt. Das waren Dinge wie: «Schritt für Schritt machen oder Arme kreisen. Ich habe auch all meine Bewegungen kommentiert, um mich so auf den Wettkampf zu fokussieren.» Dies war nicht immer einfach, gesteht sie: «Ich machte mir Gedanken wie: Was wenn ich die Medaille nicht hole, dann bekommt der Verband weniger Geld. Oder: Wie stellen mich nachher die Medien dar, wenn die ganze Kunstturn-Schweiz hinter mir steht und ich versage.»

Der erste Sprung am Pferd, der «Chusovitina», fiel ihr vergleichsweise einfach. «Ich musste einfach mit voller Power darüber.» Beim zweiten Sprung, dem «Jurtschenko», musste sie mehr kontrollieren. «Das Timing musste exakt stimmen. Das war nicht immer einfach, denn das Adrenalin war stets sehr hoch.»

Im Mehrkampf holte Ariella Kaeslin überraschend Bronze.

Im Mehrkampf holte Ariella Kaeslin überraschend Bronze.

Bild: Philipp Schmidli (Mailand, 4. April 2009)

Das Umfeld als Erfolgsfaktor

Ariella Käslin behielt 2009 die Nerven und holte als erste Turnerin für die Schweiz eine Goldmedaille nach Hause. «All das Training hat sich gelohnt.» Als Erfolgsfaktor nennt Käslin rückblickend ihr Umfeld: «Das war perfekt. Und mein Trainer Zoltan Jordanov holte den letzten Zacken aus mir heraus.» Weiter sagt sie: «Er hat mich akzeptiert, wie ich bin, mit allen Ecken und Kanten, das war sehr wichtig für mich.»

Ihr Medaillenziel hat sie erreicht. Wie üblich nach Wettkämpfen «gehen wir Turner alle zusammen in den Ausgang. Wir waren bis frühmorgens unterwegs», sagt Käslin. Direkt danach ging es ins Hotelzimmer, geschlafen habe sie kaum, denn der erste Medientermin stand an. «Ich glaube, es war ein Interview mit DRS 3. Sie haben wohl gemerkt, dass ich eine kurze Nacht hatte», so Ariella Käslin schmunzelnd.