Die Eishockey-Traumhochzeit zwischen Arno Del Curto und dem ZSC

Arno Del Curto (62) ist neuer Trainer der ZSC Lions. Die Rückkehr nach Zürich ist eine Traumhochzeit, geschlossen im Himmel der Romantik. Aber sie muss auf dem Eis der Realität gelebt werden.

Klaus Zaugg
Drucken
Teilen

Ist das der wahre Arno Del Curto? Der charismatische, ehemalige HCD-Zampano, der auch schon mal als «Rockstar» der Hockeytrainer bezeichnet worden ist? Da sitzt also Arno Del Curto vorne im Medienraum des Hallenstadions brav im Veston neben den ZSC-Machern und beantwortet artig die Fragen aus dem Plenum. Ja, er trägt ein Veston und darunter ein schickes Hemd mit dem Sponsorenlogo auf dem Kragen. So brav und konventionell ist der Nonkonformist noch nie aufgetreten. Einen Tschopen hat er bis heute erst im Rahmen von Champions-League-Partien getragen, aber sicher nicht bei einem helvetischen Anlass. Da tritt er in Pullover und Jeans auf wie ein alter 68er.

Damit sind wir gleich bei den entscheidenden Fragen: Kann das gutgehen? Kann Arno Del Curto bei den ZSC Lions ein meisterliches Feuer der Leidenschaft entfachen wie vor einem Jahr Hans Kossmann? Er kann es, wenn er der wahre Arno Del Curto sein darf wie zuvor 22 Jahre lang in ­Davos. Der Nonkonformist, der schalten und walten darf, wie er will. Hockeytechnisch ist für einen Sturm auf die Titelverteidigung angerichtet. In Davos standen dem Engadiner in den letzten zwei Jahren die Spieler nicht mehr zur Verfügung, die dazu in der Lage waren, sein «totales» Tempohockey umzusetzen. In Zürich hat er diese Spieler wieder. Aber kann er in diesem Umfeld sich selbst treu bleiben? In Davos hatte sich alles um ihn gedreht. Der HCD ohne Arno Del Curto schien undenkbar. Nun muss sich der Kulttrainer zum ersten Mal an die Strukturen einer professionellen Hockeyfirma gewöhnen. Er ist nicht mehr das Zentrum eines Hockey-Universums. In Zürich ist er «nur» noch der wichtigste ­Angestellte der Sportabteilung.

Der sechsfache HCD-Meistertrainer bemüht sich um Normalität. Er sagt, er sei froh, dass er sich nun nicht mehr um alles kümmern müsse wie in Davos. «Das möchte ich nicht noch einmal erleben.» Er spricht leise. Nicht nur wegen einer gerade auskurierten Erkältung. Er ist sichtlich beeindruckt von diesen ZSC Lions, die gar nichts mehr gemeinsam haben mit dem Skandalclub ZSC, bei dem er zu Beginn der 1990er-Jahre seine Trainerkarriere begonnen hatte. Und mit dem Viertelfinal-Triumph über John Slettvolls Lugano 1992 für eine der grössten Playoff-Sensationen aller Zeiten gesorgt hatte.

Fast niemand glaubte mehr an Del Curtos Rückkehr

Seit Arno Del Curto 1996 den HCD übernommen hatte, ist das Gerücht um ein Engagement im Hallenstadion zum Ritual geworden. Aber inzwischen glaubte fast niemand mehr daran, dass der charismatische Trainer je wieder im Hallenstadion auftreten würde. Nun konnten die ZSC-Verantwortlichen um Präsident Walter Frey, Manager Peter Zahner und Sportchef Sven Leuenberger dieser Versuchung nicht mehr widerstehen. Aus nachvollziehbaren Überlegungen. Leuenberger brachte es mit Sinn für Sarkasmus auf den Punkt. «Wir waren nur in einer Statistik Spitze: in der Anzahl der kassierten Gegentore.» In keinem Teilbereich seien die gesteckten Ziele erreicht worden und die Mannschaft habe ihre Identität nie gefunden. In der Champions League und im Cup sind die Lions früh ausgeschieden und in der Qualifikation nur dank der Ausgeglichenheit der Liga auf Playoff-Kurs.

Und so ist am Sonntagabend nach der Niederlage gegen den HCD (1:2 n. V.) der Deal telefonisch abgemacht und am Montag Vormittag formell besiegelt worden: Der freundliche Kanadier Serge Aubin, brav und ohne Charisma, muss gehen – trotz Vertrag bis 2021. Und Arno Del Curto, seit seinem Rücktritt als HCD-Trainer arbeitslos, wird sein Nachfolger. Vorerst mit einem Vertrag bis Saisonende. So, wie die Macher der ZSC Lions der «Versuchung Arno Del Curto» erlegen sind, so konnte auch Arno Del Curto der Romantik einer Rückkehr ins ­Hallenstadion, in «seine» Stadt nicht widerstehen und sagte ohne Pokern, ohne Bedenkzeit spontan zu. So gesehen, ist es eine Eishockey-Traumhochzeit und keine Vernunftsehe. Auf beiden Seiten haben die Gefühle über die Vernunft gesiegt. Im Eishockey wie im richtigen Leben gute Voraussetzungen für eine leidenschaftliche Beziehung, die in höchsten Höhen oder in bittersten Enttäuschungen münden kann.