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ATHLETEN: Schwinger: Beliebt, begehrt, attraktiv

Noch vor wenigen Jahren galten sie vielen als unförmige Exoten. Dann stiegen sie zu attraktiven Helden auf. Das registrieren auch die Frauen.
Simone Hinnen
Statt im Sägemehl in einer Fabrik: Der Obwaldner Schwinger Benji von Ah präsentiert sich im Schwingerkalender 2014 von einer anderen Seite.

Statt im Sägemehl in einer Fabrik: Der Obwaldner Schwinger Benji von Ah präsentiert sich im Schwingerkalender 2014 von einer anderen Seite.

Unsere Mütter schwärmten für Hollywood-Schauspieler wie Humphrey Bogart, unsere Generation für Männer wie George Clooney. Und jüngere Generationen? Sind Männer wie der aktuelle Schwingerkönig Kilian Wenger Projektionsflächen junger Schweizer Männer und begehrenswert für Frauen?

Blaue Augen und ein ehrlicher, stolzer Blick. So präsentiert sich der Berner Kilian Wenger in vielen Sequenzen aktueller Werbespots. Beispielsweise in dem der Migros. Wenger geniesst im Spot seinen Sieg an einem Schwingfest, um anschliessend unfreiwillig seine Kraft unter Beweis stellen zu müssen: Der gewonnene Muni bahnt sich mit Wenger im Schlepptau seinen Weg durch die Festmenge. Dabei macht der Schwingerkönig nicht nur eine gute Figur in bodenständigen Kampagnen, sondern durchaus auch als Werbeträger für die renommierte Uhrenmarke Maurice & Lacroix. Und Wenger ist nicht der Einzige, der sich zu vermarkten versteht.

Treffen Nerv der Zeit

Längst haben die modernen Gladiatoren verstanden, dass sie als Werbeträger den Nerv der Zeit treffen. «Schwinger sind bodenständig. Sie führen uns zurück zu alten Werten. Dies passt zur aktuellen Befindlichkeit der Schweiz», sagt Nathalie Rehak, Herausgeberin des Schwingerkalenders. Dieser wird pünktlich auf das Eidgenössische von kommendem Wochenende herausgegeben. Rehak sagt: «Schwinger sind nicht schön, strahlen aber Autorität und Kraft aus, und dies ist für unser Auge attraktiv.»

In diesem Kontext mag es nicht mehr ganz so exotisch klingen, wenn «Blick»-Girl Michaela (29) auf die Frage, wen sie nicht von der Bettkante stossen würde, antwortet: «Schwingerkönig Kilian Wenger.» Auch die Luzerner SVP-Nationalrätin Yvette Estermann findet, Schwinger hätten das gewisse Etwas. «Sie stehen für Tradition und Männlichkeit.» Und die aktuelle Schwingerkönigin Sonia Kälin sagt, ein Schwinger verkörpere Echtheit, Disziplin und Kraft – von einer erotischen Ausstrahlung des Sports will sie aber nichts wissen. Da gehe es nur um Leistung. Jodlerin Melanie Oesch findet Schwinger «faszinierend», wie sie in einem Interview sagte: «Es ist attraktiv, diesen durchtrainierten Männern zuzusehen. Aber im Vordergrund stehen auch gewisse Werte, welche diese Sportler verkörpern.»

Im Kalender 2013 gibt es nur wenige Edelweisshemden zu sehen, dafür umso mehr stählerne Muskeln und böse Blicke. Der Oberaargauer Schwinger Matthias Sempach präsentiert sich beispielsweise mit entblösstem Oberkörper, die Hand zur Faust geballt vor alpinem Hintergrund. Bereits ist der neue Kalender für das Jahr 2014 gedruckt und am Eidgenössischen zu kaufen. Diesmal posieren «Die Bösen» in einer Giesserei.

Wenger hat eigenen Kalender

Schwingerkönig Wenger sah indes von einem Engagement ab, obschon der Kalender als offiziell angepriesen wird. Laut Nathalie Rehak fürchtete Wenger einen Imageschaden. Sicherlich standen dahinter auch wirtschaftliche Überlegungen. Wenger hat einen eigenen Kalender. Dieser verkauft sich erfolgreich. «Schwinger wissen inzwischen halt auch um ihre Popularität», sagt Rehak.

Der Toggenburger Sportmanager und ehemalige Banker Roger M. Fuchs ist mit seiner Agentur auf den Schwingsport fokussiert und seit drei Jahren mit dem Ziel unterwegs, Schwingen als Spitzensport zu etablieren. Unter anderem ist er offizieller Manager des Berners Matthias Sempach, des St. Gallers Nöldi Forrer oder des Aargauers Christoph Bieri. Er sagt: «Der Mix aus Erfolg, begleitet von Medienpräsenz, macht es für den Markt interessant. Steigt der Bekanntheitsgrad, steigt der Marktwert.»

Angefangen habe alles mit der Übertragung des Eidgenössischen im Schweizer Fernsehen und mit der Vermarktung des ehemaligen Schwingerkönigs Jörg Abderhalden. Schwinger wie Christian Stucki, Matthias Sempach oder Kilian Wenger profitierten nach Ansicht von Fuchs bereits stark von Abderhaldens Aktivitäten. Inzwischen seien die Genannten allesamt attraktive Testimo­nials, authentisch und glaubwürdig.

«König verdient bald eine Million»

Doch die Luft da oben ist dünn. Diejenigen, die mit dem Schwingsport Geld verdienen könnten, seien bis dato an zwei Händen abzuzählen, sagt Fuchs. Wer jedoch ganz oben ist, der verdiene in der Zwischenzeit entsprechend: «Dass ein aktueller Schwingerkönig wie Kilian Wenger rund 600 000 Franken im Jahr einsteckt, ist durchaus realistisch. Ich kann mir sogar gut vorstellen, dass ein Schwingerkönig in absehbarer Zeit bis zu einer Million Franken pro Jahr verdienen kann», sagt Fuchs. Vom Interesse am König und an der Sportart profitieren alle – von den Veranstaltern über die Schwinger bis zu den Funktionären.

Für ihn ist klar, dass in den vergangenen Jahren ein Prozess in Gang gekommen ist, der zwangsläufig auch hinterfragt werden muss. Dass das Eidgenössische zum grössten wiederkehrenden Sportereignis der Schweiz geworden sei, passt nicht allen. Auch für den ehemaligen Banker stellen sich Fragen wie: «Was muss beachtet werden, damit man den Balance-Akt zwischen Werterhaltung und Kommerzialisierung im Sinne des Schwingsports meistert.»

Infos zum Schwingerkalender: www.dieboesen.ch

«Wenn ich als Kind nicht ans Fest durfte, habe ich geweint»

Ein Schwingerkalender an der Wand, neben Lifestyle-Magazinen Schwingerzeitschriften im Zeitungsständer: Wer ein richtiger Fan ist, darf dies auch nach aussen kundtun. Und sie gehört dazu, die 32-jährige Evelin Winiger. Die Besitzerin eines Coiffeurgeschäftes in Müswangen kennt sie alle, die Bösen, den Grab Martin, den Imfeld Peter, den Wenger Kilian, und sie wird auch an diesem Wochenende in Burgdorf dabei sein. Gut, dass ihre Kundinnen und Kunden von ihrer Leidenschaft wissen und Termine in weiser Voraussicht vor oder nach dem Eidgenössischen buchten.

«Schwinger sehen wirklich nicht leid aus», sagt Evelin Winiger (32), Fan von Kindesbeinen an. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)

«Schwinger sehen wirklich nicht leid aus», sagt Evelin Winiger (32), Fan von Kindesbeinen an. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)

Mit Bundesräten per du

So um die 15 Schwingfeste – «mein Lieblingsfest ist ganz klar der Brünig-Schwinget» – besucht sie im Jahr. «Schwinganlässe haben etwas Urchiges und Traditionelles an sich, und man knüpft sehr schnell Kontakte. Wir sind wie eine grosse Familie, da geht es ganz unkompliziert zu und her.» Alle seien per du, auch mit Bundesräten. «Die Schwinger sind sehr bodenständig geblieben, trotz ihres teilweise hohen Bekanntheitsgrades.»

Natürlich werde sie manchmal etwas komisch angeschaut, wenn sie preisgebe, dass sie sich für Schwingen interessiere. «Diesen Bauernsport siehst du dir an?» Ärgern lässt sie sich deswegen aber nicht. Im Gegenteil: Die redegewandte Coiffeurin aus dem Seetal kann schon mal Kontra geben und erntet andererseits aber auch anerkennende und überraschende Blicke, wenn sie bei Fachgesprächen mithalten kann.

Erblich vorbelastet

Ganz von ungefähr kommt Evelin Winigers Liebe zum Schwingen nicht. Ihr Vater Werner brachte es in seiner Aktivzeit zum dreifachen Eidgenössischen Kranzschwinger. Und Fabian, ihr 28-jähriger Bruder, ist beim Schwingklub Freiamt engagiert, aber in Burgdorf nicht dabei.

«Meine Eltern nahmen mich schon als Baby mit an die Feste», sagt sie. Wenn der Fall eintrat, dass sie als Kind einmal zu Hause bleiben musste, «dann habe ich geweint», blickt sie zurück. Als ihr Vater 2004 beim Eidgenössischen in Luzern als Eidgenössischer Fähnrich amtete, stand ihm Tochter Evelin als Ehrendame zur Seite – nicht ganz ohne Stolz – «und dies war ein tolles Erlebnis».

Da wäre jetzt aber noch die Frage zu klären: Sind denn Schwinger sexy? «Ja», sagt Evelin Winiger. «Es handelt sich um Topathleten, durchtrainiert, muskulös, kraftvoll, und die sehen wirklich ‹nicht leid› aus.» Einen Lieblingsschwinger gibt es für Evelin Winiger aber nicht, «denn das sind alles ganz flotte Männer». Auch auf die Frage nach einem Sieger in Burgdorf bleibt sie diplomatisch: «Schön wäre ein Innerschweizer König, aber der Sieg wird wahrscheinlich über einen Berner führen.» Selber in den Sägemehlring zu steigen, dies sei nie ein Thema gewesen. Auch hat sie noch nie den Weg als Zuschauerin an ein Frauenschwingfest gefunden.

Bereits unterwegs nach Burgdorf

So reiste also Evelin Winiger heute Morgen zusammen mit vier Kolleginnen nach Burgdorf. In ihrem selbst genähten Gilet mit Edelweissmuster. Ganz Fan. Eine Unterkunft hat sie bei einer Familie gefunden. Ganz unkompliziert eben.

Theres Bühlmann

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